»Ich wende mich an Sie bezüglich einer Graffiti-Inschrift, die ich kürzlich auf dem Bauzaun an einem Universitätsgebäude entdeckt habe. Es handelt sich um den Schriftzug ›Free Gaza‹, der in professioneller Qualität und beträchtlicher Größe angebracht wurde.« So beginnt die Eingabe von Inna E. (Name von der Redaktion geändert) an das Baudepartement des Kantons Basel-Stadt.
Inna E. fügt in jener Mail gleich noch an, was sie von solchen Schriftzügen hält: »Sie erfüllen keinen konstruktiven Zweck – weder politisch noch humanitär. Sie werden von vielen jüdischen Menschen als feindselig empfunden. Anstatt zum Dialog beizutragen, säen sie Unruhe und Misstrauen – und schaden damit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt in Basel.« Sie schließt mit einer klaren Forderung an die staatliche Stelle: »Falls keine Genehmigung vorliegt, bitte ich darum, dass die Inschrift zeitnah entfernt wird – nicht erst nach wochenlanger Wartezeit.« Eine Forderung, die diesmal auch erfüllt wird – kurz nach der Intervention von Inna E. ist das Graffiti weg. Die engagierte Bürgerin ist zufrieden: »Da wurde rasch gehandelt.«
Ukrainische und israelische Flagge
Inna E. ist eine ausdrucksstarke Persönlichkeit, äußerlich und in ihren Worten. Was sie sagt, prägt sich ein. Etwa: »Ich weiß, es ist falsch, aber ich kann mich einfach nicht entspannen.« Zu sehr macht der gebürtigen Russin mit armenischen Wurzeln die Weltlage Sorgen. Zum einen der Krieg in der Ukraine, für den sie Russlands Präsidenten Wladimir Putin verantwortlich macht. Deshalb sind auch ihre Besuche in St. Petersburg seltener geworden. Seit vier Jahren hat sie die Stadt nicht mehr gesehen. Und das, obwohl ihre Mutter und Schwester dort weiterhin leben.
In die Schweiz kam die studierte Theaterwissenschaftlerin der Liebe wegen, der eine heute 18-jährige Tochter entsprungen ist. »Das Pendeln zwischen zwei Ländern und Welten hat meine Berufschancen etwas reduziert«, sagt Inna E., die in der Schweiz schon als Reinigungskraft und im Gesundheitsbereich gearbeitet hat und arbeitet.
Erste Begegnungen mit Juden hatte sie in ihrer Heimatstadt Pjatigorsk. Aber »in der nichtjüdischen Nachbarschaft sprach man über sie nur im Flüsterton, als hätten sie eine tödliche Krankheit«. In St. Petersburg dagegen traf sie Jüdinnen und Juden, die ihre Religion offen lebten, was sie für das Thema sensibilisierte. Sie fühle sich seither dem jüdischen Volk verbunden, sagt Inna E., was sie auch damit ausdrückt, dass sie auf ihrem Balkon in Basel sowohl die ukrainische als auch die israelische Flagge angebracht hat.
Sensibilität mit Wurzeln
Ihre Sensibilität hat Wurzeln: Ihr Großvater habe als Soldat der Sowjetunion am Zweiten Weltkrieg teilgenommen, erzählt sie. »Über diesen Krieg sprach er nur ungern, aber mich interessierte, wie er die Zeit erlebt hatte.« Unter anderem habe er ihr schließlich davon berichtet, wie er in deutsche Gefangenschaft geraten war: »Einige der Gefangenen wurden in einer langen Reihe aufgestellt, offenbar, bevor sie ermordet werden sollten.«
Es seien jüdische Kämpfer gewesen, und ihr Großvater habe als Nichtjude auch in der Reihe gestanden. Dann habe ein junger deutscher Offizier die Reihe abgeschritten, dessen auffällige goldene Brille habe er nie vergessen. Schließlich blieb er vor dem Großvater stehen, sah ihn genauer an und fragte: »Kaukasus?« Innas Großvater habe genickt, woraufhin der Offizier ihn aus der Reihe gezogen habe. So habe er überlebt.
Dieses Bild der Selektion von Menschen, von »schockierendem Antisemitismus und Ausgrenzung«, habe sich ihr eingebrannt, sagt die Enkelin.
Deshalb sei sie sich des Themas sehr bewusst gewesen, als sich im eigentlich so liberalen Basel – wie an vielen anderen Orten in der Welt – nach dem 7. Oktober 2023 vieles mit einem Schlag änderte. Gerade auch im öffentlichen Raum: »Anti-israelische und antisemitische Schmierereien und Graffitis nahmen massiv zu«, sagt Inna E., auch in dem Stadtviertel, in dem sie selbst lebt und in dem viele jüdische Menschen zu Hause sind.
Sie habe sich sofort an die Behörden gewandt, doch blieben viele ihrer Interventionen ohne Folgen. »Antijüdische Inschriften wurden oft erst nach einiger Zeit entfernt, manchmal gar nicht«, sagt sie. Da habe sie beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen: »Ich wollte unbedingt ein Zeichen setzen.« Sie besorgte sich Spraydosen und übersprühte die Hassparolen. Dabei beließ sie es aber nicht, sondern wurde auch kreativ und machte zum Beispiel aus »Free Gaza« »Free Iran«.
»Die Spraydose ist immer erst das letzte Mittel.«
Inna E.
Zu Beginn wählte sie für ihre Aktionen eher den späteren Abend oder die Nacht, teilweise ist Inna E. inzwischen aber auch am Tag unterwegs: »Mir ist durchaus bewusst, dass da auch einmal jemand reagieren könnte, der andere Sympathien hat als ich.« Bis jetzt seien solche Reaktionen aber glücklicherweise ausgeblieben. Abhalten ließe sie sich aber nicht, auch nicht von der Tatsache, dass sie sich mit ihren Überspray-Aktionen juristisch zumindest in einer Art Grauzone befindet.
Es könne nämlich sein, so mutmaßte gerade die »Basler Zeitung«, dass Inna E. sich wegen »Sachbeschädigung« strafbar mache mit ihren Aktionen. Vor allem, wenn sich die Graffitis und Schriftzüge an privaten Häusern befinden und eigentlich die Hausbesitzer dafür zuständig sind, diese zu beseitigen. Sie habe auch schon mehrfach versucht, mit betroffenen Hausbesitzern ins Gespräch zu kommen, sagt die Aktivistin: »Die Spraydose ist dann eigentlich erst das letzte Mittel.«
Und die Stadt hat reagiert, freut sich Inna E. Es habe auch Fälle gegeben, in denen die Schmierereien sofort wieder weg waren. Inzwischen hat Basel sogar mobile Reinigungseinheiten eingerichtet, welche diese Graffitis sofort entfernen.
Sie wisse es zu schätzen, dass ihr Engagement zugunsten der jüdischen Minderheit in der Schweiz überhaupt möglich sei: »In Russland wären solche Aktionen unter Umständen lebensgefährlich.« Was vielleicht auch erklärt, warum die Spray-Aktionen von einer Frau durchgeführt werden, die nicht in der Schweiz aufgewachsen ist, sondern ihren Weg aus einer Diktatur hierher fand: weil sie will, dass Menschen in Freiheit leben.