USA

Wanderer zwischen Ostküste und Oregon

Es ist ein Dienstag Mitte März, die Weinmesse »ProWein« in Düsseldorf neigt sich ihrem Ende entgegen. Howard Rossbach steht am Stand des Oregon Wine Board und präsentiert Fachbesuchern seine Weine. Seit vielen Jahren kommt der Amerikaner auf die Fachmesse, obwohl er bislang keinen deutschen Importeur für seine Weine gefunden hat. Aber er führe dort gute Gespräche mit Händlern und Importeuren aus aller Welt, sagt er.

Seit einem halben Jahrhundert macht und verkauft Rossbach Wein. Reif für die Rente fühlt sich der 71-Jährige längst nicht. Zwar hat er sein Weingut »Firesteed« 2017 verkauft, aber einen 100 Hektar großen Weinberg namens »Erratic Oaks« behalten. Auch seine Premium-Linie »Citation« führt Rossbach selbst weiter, will aber auch jenes Publikum an Qualitätswein aus Oregon heranführen, das nicht das Budget für 40 Dollar teure Flaschen hat. Vor einem Jahr brachte er deshalb eine neue Linie namens »WillaJory« auf den Markt. Diese Weine sind nur halb so teuer und für gute Weine aus dem Nordwesten der USA durchaus preiswert.

Rossbach entstammt einer jüdischen Familie. Er wuchs in der Bronx in New York auf. Sein gleichnamiger Vater war Richter und ein Großonkel des New Yorker Gouverneurs und späteren Senators Herbert Lehman. Der wiederum war Sohn von Mayer Lehman (1830–1897), dem Mitbegründer der Investment-Bank Lehman Brothers. Mütterlicherseits war Rossbach mit dem Kongressabgeordneten Jonathan Bingham verwandt.

Kein gutes Wort für Trump

Das Interesse an der Politik war ihm also in die Wiege gelegt. Politischen Diskussionen geht er auch heute selten aus dem Weg. In Düsseldorf hat er eine Baseballmütze dabei, auf der Donald Trump mit einem Schimpfwort belegt wird. Über den aktuellen Präsidenten verliert Rossbach kein gutes Wort. Schon 2025 hatte er prophezeit: »Der Kerl wird mich eine Million Dollar Umsatz kosten.«

So kam es auch. Grund war die aggressive Zollpolitik des Präsidenten. »Wegen ihm sind wir vom kanadischen Markt ausgesperrt«, schimpft Rossbach. Fast alle Importeure in Kanada hätten US-Weine und Spirituosen aus Protest gegen Trumps Plan, sich ihr Land als 51. Bundesstaat einzuverleiben, ausgelistet. Daran werde sich auch so schnell nichts ändern. »Die Kanadier fühlen sich beleidigt – zu Recht. Was Trump ihnen angetan hat, ist eine Frechheit. Der Mann kennt keine Grenzen, er hat keine Scham.« Der Slogan der MAGA-Bewegung, »Make America great again«, sei ein Hohn, wettert Rossbach weiter. Eigentlich müsste die Abkürzung für »Make assholes go away« stehen, witzelt er. Trump und seine Leute seien Gauner.

Am ersten Tag, an dem er legal Wein trinken durfte, heuerte er bei einem Weinhändler an.

Mütterlicherseits stammten Rossbachs Vorfahren aus Deutschland. Dieser Zweig der Familie ließ sich im 18. Jahrhundert in Savannah, Georgia, nieder, einer der ältesten jüdischen Siedlungen in Amerika. »Das war damals eine sehr kleine, geschlossene Gemeinschaft. Deswegen habe ich Cousins, mit denen ich gleich mehrfach verwandt bin«, sagt Rossbach schmunzelnd.

Dass er beruflich nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten würde, sei ihm früh klar geworden. Schon als Schüler habe er Botanik und Mykologie studieren wollen. »Ich war damals Umweltaktivist und wollte die Welt retten.« Der Vater habe ihn kurz vor seinem Tod 1975 bestärkt, bei der Berufswahl seiner inneren Stimme zu folgen: »Nur dann wirst du wirklich glücklich.« Howard Jr. folgte dem Rat. An seinem 21. Geburtstag heuerte er bei einem Weinhändler in Seattle an. Es war auch der erste Tag, an dem er legal Wein trinken durfte. Zwar hatte er schon vorher gelegentlich gekostet, doch in Sachen Weinwissen hatte Rossbach seinen Kunden anfangs nicht viel voraus. Doch das änderte sich schnell.

Zwei Jahre später wechselte Rossbach den Job und zu einem Großhändler, der Restaurants in der Gegend von Seattle mit lokalen Weinen belieferte. Das Geschäft boomte. Rossbach wurde Abteilungsleiter, bereiste Amerika und später die ganze Welt. 1992 wagte er den Absprung und gründete sein eigenes Weingut Firesteed. Seine Frau habe es damals als »virtuell« bezeichnet, weil er keine eigenen Weinberge besessen und die Trauben von Vertragswinzern bezogen habe. Mit Firesteed hat er nicht nur in Nordamerika, sondern auch in europäischen Ländern Erfolg. Die Jahresproduktion beläuft sich auf 1,5 Millionen Flaschen.

Bill Clinton und Monika Lewinsky

Zu Bill Clintons Zeiten in den 90er-Jahren wurde Rossbachs Wein sogar im Weißen Haus ausgeschenkt – als erstes US-Eigengewächs überhaupt. »Mein Wein war Zeuge historischer Ereignisse«, glaubt der Winzer. »Oder vielleicht sogar deren Ursache, wer weiß? Er passte sicher gut zu Pizza, Zigarren und blauen Kleidern.« Es ist eine Anspielung auf Clintons Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky, die den Präsidenten 1998 fast das Amt gekostet hätte. Auch zu Lewinsky hat Rossbach eine Verbindung parat: »Ich kannte ihren Stiefvater Peter Strauss. Der ist in derselben Straße in New York aufgewachsen wie ich.«

Anders als Trump hätten frühere US-Präsidenten guten Wein sehr geschätzt, erzählt Rossbach. »Auch Richard Nixon war ein Liebhaber von teuren französischen Spitzenweinen, er wollte sich das aber nicht anmerken lassen. Bei seinen Abendessen im Weißen Haus ließ er seinen Gästen billigen Fusel servieren, trank aber selbst heimlich Château Margaux.« Das erste Gewächs aus Bordeaux gehörte bereits in den 70er-Jahren zu den teuersten Tropfen der Weinwelt.

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In das jüdische Gemeindeleben ist Howard Rossbach nicht involviert. »Ich habe vor einigen Jahren aufgehört, an die Foundation for Jewish Philanthropies zu spenden«, sagt er. Zu Israel hat er eine dezidierte Meinung. »Ich unterstütze die Menschen dort, aber nicht die aktuelle Regierung.« Gefragt, ob wenigstens in Amerika die Juden sicher seien, antwortet Rossbach bestimmt: »Niemand ist mehr sicher, auch hier nicht. Der Antisemitismus ist so alt wie die Menschheit. Er reicht bis in die Römerzeit zurück.«

Ein Stapel Briefe aus dem Nachlass des Großvaters

Dann erzählt er wieder eine Anekdote. »Ich habe einen Stapel Briefe aus dem Nachlass meines Großvaters Max Rossbach. Der war als ›Affidavit-Bomber‹ bekannt, weil er Hunderten von Juden, die aus Nazi-Deutschland fliehen wollten, mit eidesstattlichen Versicherungen dabei half, in die USA einzuwandern. Viele von ihnen dachten, es werde schon nicht so schlimm kommen, und ließen sich mit der Auswanderung Zeit. Für sie kam die Hilfe meines Großvaters leider zu spät.«

Für seine Weine sucht der Winzer gern Namen mit tiefergehender Bedeutung. Der Ausdruck »fiery steed«, zu Deutsch »feuriges Ross«, beschreibt im amerikanischen Sprachgebrauch ein energisches Pferd. Für Rossbach ist es auch ein Wortspiel mit seinem deutschen Familiennamen. Auch »Citation« ist doppeldeutig gemeint. »In New York ist eine ›Citation‹ ein Strafzettel, aber auch eine Auszeichnung. Und es gab einmal ein Rennpferd namens Citation. Das gewann 1948 die Triple Crown.«

»Wer ständig nur nach hinten schaut, baut unweigerlich einen Unfall.«

Howard Rossbach

Sein neuer Markenname, »WillaJory«, ist eine Kombination der beiden Boden­typen, die in seinem Weinberg vorkommen: der von Meeresablagerungen geprägte WillaKenzie und der vulkanische Jory. »Ich liebe Sprache, und WillaJory spricht die Sprache meines Bodens.«

Sein ehemaliges Weingut ist unter neuer Führung Konkurs gegangen. Er habe kurz darüber nachgedacht, es zurückzukaufen, es dann aber verworfen. »Man soll nie versuchen, ein fallendes Messer aufzufangen«, sagt Rossbach. Überhaupt schaut der Winzer lieber nach vorn als zurück. »Die Windschutzscheibe eines Autos ist nicht umsonst deutlich größer als der Rückspiegel. Sicher, es ist wichtig zu wissen, was hinter einem liegt. Man soll sich der Vergangenheit bewusst sein. Aber wer ständig nur nach hinten schaut, baut unweigerlich einen Unfall.«

Rossbach ist davon überzeugt, dass Wein als Kulturgetränk trotz des momentanen Trends weg vom Alkohol eine Zukunft hat. Dass die »Generation Z« weniger Wein trinkt als ihre Eltern, hält er für eine Modeerscheinung. Aber er hat auch eine Warnung parat: »Die Branche hat sich selbst mit Snobismus geschadet.« Wein müsse wieder alltagstauglicher werden. »Guter Wein zu einem guten Preis, das hat mich damals angezogen. Und ich bin mir sicher: Das zieht auch viele Jüngere an.« Vom Trend zum alkoholfreien Wein hält Rossbach nicht viel. »Das ist nichts für mich, da verliert der Wein einfach zu viel von seinem Charakter. Aber sag niemals nie.«

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