Hamza Raya gehört seit Jahren zu den auffälligeren Figuren der Schweizer Comedy-Szene. Der Zürcher Comedian mit libanesischem Hintergrund ist bekannt für direkte, oft unbequeme Auftritte. Sein Stil lebt davon, gesellschaftliche Tabus anzusprechen und Vorurteile sichtbar zu machen, indem er sie überspitzt und ins Lächerliche zieht.
Zusammen mit Sam Friedman, einem Schweizer-Israeli aus Zürich, hat Raya vor zwei Jahren ein Format gewählt, das mit derb-provokanten Witzen über Juden und Araber spielt und nun für eine neue Debatte über die Grenzen der Satire sorgt.
In ihrer Videoreihe »Jude vs. Araber«, die laut einer Strafanzeige diskriminierend sein soll, tauschen die beiden Männer im Dialog Vorurteile über ihre jeweiligen Gruppen aus. Die Idee dahinter: Nicht andere sollen über Minderheiten lachen, sondern die Betroffenen selbst nehmen die Vorurteile in die Hand und machen sie zum Gegenstand ihrer eigenen Witze.
Raya beschreibt in früheren Interviews (Jüdische Allgemeine berichtete) seine Comedy als Versuch, Menschen durch Humor zusammenzubringen und über eingefahrene Denkmuster nachdenken zu lassen.
Trotz der humoristischen Absicht hinter dem Video hat das Ganze nun ein juristisches Nachspiel: Gegen Hamza Raya ist in Deutschland eine Anzeige eingegangen. Im Raum steht der Vorwurf, dass der Comedian mit seiner Videoreihe »Jude vs. Araber« gegen die Antirassismus-Strafnorm verstoßen haben könnte. Die Eingabe wurde an die zuständigen Behörden in Zürich weitergeleitet, wo geprüft wird, ob ein Verfahren eröffnet wird.
Raya selbst versteht nicht, weshalb er zur Rechenschaft gezogen werde. Auf Anfrage der Jüdischen Allgemeinen sagt er: »In der Bildunterschrift des entsprechenden Videos stand ganz klar Satire. Es geht uns in keiner Weise darum, jemanden zu beleidigen. Wir lachen lediglich über uns selbst.«
Er könne nicht verstehen, weshalb einem immer vorgeschrieben werde, was lustig sei. »Offenbar gelingt es den meisten nicht, zwischen ›Ich finde etwas nicht lustig‹ und ›Das ist nicht lustig‹ zu unterscheiden.« Konkret handelt es sich um einen Auszug aus dem Video, wo Hamza Raya seinem Freund Sam Friedman folgenden Witz erzählt: »Wie hieß die jüdische Fernsehserie aus dem Zweiten Weltkrieg? Familie im Brennpunkt.«
Raya fragt sich denn auch, weshalb ausgerechnet dieser Witz für Empörung gesorgt habe und nicht einer gegen andere Minderheiten. Der Comedian vermutet jedoch: »Viele Deutsche tragen Jüdinnen und Juden gegenüber noch immer Schuldgefühle in sich und maßen sich – wie die Anzeige seiner Ansicht nach zeigt – dennoch an, ihnen vorzuschreiben, worüber sie lachen dürfen. Sam Friedman hat Angehörige im Holocaust verloren. Niemand kann ihm vorschreiben, auf welche Weise er mit dieser Last umzugehen hat.« Ein Witz könne die Schwere durchbrechen, davon ist er überzeugt.
Videopartner überrascht
Für Hamza Raya ist Provokation seit Beginn seiner Karriere ein Teil der Bühnenrolle. Er setzt bewusst auf Grenzgänge und nimmt dabei auch die eigene Identität aufs Korn. Dass nun fast zwei Jahre nach der Veröffentlichung des Videos eine Anzeige erfolgte, überrascht ihn kaum. »Ich habe fast damit gerechnet, dass die irgendwann kommt.«
Für seinen Video-Partner Sam Friedman kam die Anzeige gegen Hamza Raya hingegen überraschend. Gegenüber dieser Zeitung sagt er: »Erst dachte ich, diese Anzeige sei ein Witz.«
Für Friedman ist klar, dass es sich hier um Humor handelt und nicht um »um Volksverhetzung oder ähnliches.« Warum jedoch nur Hamza Raya angezeigt wurde, sei ihm schleierhaft.
»Vielleicht hatten sie Angst vor einem jüdischen Anwalt«, sagt er, nie um einen Witz verlegen. Wieder ernst fügt er hinzu: »Wir wussten, dass es Leute gibt, denen diese Art von Humor nicht gefällt.« Ihn störe lediglich an der Sache, dass es »meistens unbetroffene Leute sind, die sich vor dem Hintergrund des Wokeseins empören. Friedman würde jedoch sofort wieder mit Hamza ein Video drehen: «Ich finde, es ist etwas sehr Positives in einer sehr negativen Zeit.»
Vorurteile und Hassgefühle durchbrechen
Unterstützung erhält Hamza Raya auch vom «Bündnis Redefreiheit», das überzeugt ist, dass Raya keinen Hass verbreitet und das Video klar als Satire erkennbar sei. Wie aus einer schriftlichen Stellungnahme des «Bündnis Redefreiheit» hervorgeht, würden die Witze die «Vorurteile und Hassgefühle durchbrechen».
Diese «sogenannten rassistischen» Witze erhielten somit eine antirassistische Funktion. Sie würden die «dummen Klischees auf, die in den Köpfen vieler Menschen schlummern», bringen sie ans Licht und geben sie der Lächerlichkeit preis.
Das Video wurde drei Monate nach den Massakern vom 7. Oktober 2023 publiziert. Die Stimmung war äußerst angespannt und die Gräben vertieften sich.
«Ein Araber und ein Jude nahmen dies zum Anlass, einander mit sehr provokativen Witzen einzudecken», heißt es in der Mitteilung weiter, «dabei zu lachen und Freunde zu bleiben. Lachen verbindet, wo Ideologien trennen. Feindbilder werden durch satirische Übertreibung entlarvt und relativiert.» Die Antirassismus-Strafnorm müsse echte Diskriminierung bekämpfen und dürfe nicht gegen satirische Auseinandersetzungen eingesetzt werden.
Das Bündnis übernehme daher die Anwaltskosten und wolle den Fall bei Bedarf bis vor höhere Instanzen begleiten, weil aus seiner Sicht eine grundsätzliche Frage im Raum steht: Wie weit darf Satire in der Schweiz gehen?
Nun entscheidet jedoch nicht die Bühne, sondern die Justiz darüber. Für Raya gilt bis zu einer allfälligen gerichtlichen Entscheidung die Unschuldsvermutung.