Großbritannien

Zwischen Skepsis und Hoffnung

Andy Burnham (56) sorgt für Skepsis. Foto: picture alliance / PA Images

»Lasst uns die Hoffnung zurückbringen«, so lautete der Wunsch, den Andrew »Andy« Burnham in seiner ersten Rede äußerte, die er als neuer Premierminister vor seinem künftigen Amtssitz 10 Downing Street in London hielt. Zuvor war er bei König Charles im Buckingham Palace vorstellig gewesen, um dem Monarchen »die Hände zu küssen«, wie im traditionsbewussten Königreich die Ernennung eines neuen Regierungschefs bezeichnet wird.

Der 56-jährige Burnham, der sich erst im Juni mit einer Nachwahl ins Unterhaus hatte küren lassen, um den glücklosen Premier Keir Starmer als Chef der Labour Party zu stürzen, versprach, alles zu tun, um schnellstmöglich die Zahl der obdachlosen Menschen auf null zu bringen. Er wünsche sich »ein Land, in dem jeder die Sicherheit eines Daches über dem Kopf hat und in dem niemand zurückgelassen oder abgeschrieben wird«, sagte er, bevor er hinter der berühmten schwarzen Tür verschwand, um sein neues Kabinett zu bilden. Dem wird als Außenminister der ehemalige Labour-Vorsitzende Ed Miliband angehören, Sohn jüdischer Flüchtlinge und ein ausgewiesener Linker.

Schon jetzt massive Zugewinne für die britischen Sozialdemokraten

Den britischen Sozialdemokraten hat der Führungswechsel schon jetzt massive Zugewinne gebracht. In Umfragen liegen sie nun wieder gleichauf mit den Rechtspopulisten von Nigel Farages Partei »Reform UK«. Doch viele in der vom grassierenden Antisemitismus gebeutelten jüdischen Gemeinschaft betrachten Burnham argwöhnisch. War es doch der von ihm verdrängte Starmer, der Labour nach den Antisemitismusskandalen der Ära von Parteichef Jeremy Corbyn wieder auf Kurs gebracht und Vertrauen aufgebaut hatte.

Burnham steht politisch zwar nicht ganz so weit links wie Corbyn und hat seinerseits eine »Null-Toleranz-Politik« gegen Antisemitismus versprochen. Doch vor zwei Wochen kündigte er eine Kurskorrektur im Umgang seiner zukünftigen Regierung mit Israel an. Die Lage in Gaza sei ein »Schandfleck auf unserem kollektiven Gewissen«, sagte Burnham in einer Videobotschaft. Man müsse »mehr Druck auf die israelische Regierung ausüben«.

Erwartet wird, dass der neue Regierungschef bald ein Einfuhrverbot für Waren aus den israelischen Siedlungen im Westjordanland verhängen wird.

Bei den jüngsten Kommunalwahlen hatte Labour massiv Stimmen an die Grünen verloren, die unter ihrem jüdischen Vorsitzenden Zack Polanski einen radikal anti-israelischen Kurs verfolgen. Erwartet wird deshalb, dass der neue Regierungschef bald ein Einfuhrverbot für Waren aus den israelischen Siedlungen im Westjordanland verhängen wird. Die Pläne dafür liegen schon in der Schublade. Forderungen aus der Parteilinken, das israelische Vorgehen gegen die Hamas in Gaza als »Genozid« zu bezeichnen, gab Burnham aber nicht nach. Es sei Aufgabe des Internationalen Gerichtshofs, diese Frage zu klären.

»Erhebliche Bedenken hinsichtlich seiner Äußerungen«

Die Vertreter der jüdischen Gemeinschaft waren über diese Aussagen »not amused«. Man habe Kontakt zu Burnhams Team aufgenommen, »um unsere erheblichen Bedenken hinsichtlich seiner Äußerungen direkt zum Ausdruck zu bringen«, hieß es in einem Communiqué des Board of Deputies of British Jews und des Jewish Leadership Council. Zwar bestehe nicht zwangsläufig ein Widerspruch zwischen der Bekämpfung von Judenhass und der Ablehnung der israelischen Regierung, Antisemitismus könne man aber nur bekämpfen, wenn man all seine Ursachen angehe – einschließlich der Bekämpfung jener Kräfte, »die über die Kritik an der israelischen Regierung hinausgehen und Hass gegen Juden und Israelis schüren«.

Lesen Sie auch

Trotz allem beglückwünschte Board-of-Deputies-Präsident Phil Rosenberg, selbst Labour-Mitglied, Burnham zu seiner Wahl. Ob es den jüdischen Repräsentanten indes gelingt, ein Vertrauensverhältnis zum neuen Regierungschef aufzubauen, bleibt abzuwarten. Denn Burnham, der fast sein gesamtes Berufsleben in der Politik verbracht und sich schon Labour-Chefs unterschiedlicher Couleur angedient hat, gilt als politischer Opportunist.

So lautet ein Witz über ihn: »Ein Tony-Blair-Anhänger, ein Gordon-Brown-Anhänger und ein Jeremy-Corbyn-Anhänger betreten eine Kneipe. Fragt der Barmann: «Was darf es denn heute sein, Andy?»

Österreich

Vermisste Israelinnen in Wien: Polizei stellt Suche ein

Europol hat die Ermittlungen im Fall der in Wien vermissten Israelinnen übernommen. Auch der Mossad soll vor Ort sein. Es wird davon ausgegangen, dass Mutter und Tochter nicht mehr in der Stadt sind

 14.08.2026

Antisemitismus

»Schade, dass Hitler den Job nicht vollendet hat«

Ein Mann aus Irland äußerte sich bei einer Begegnung mit jüdischen Touristen in einem französischen Supermarkt antisemitisch und drohte dem Paar gar mit Erschießung.

 14.08.2026

Wien

Vermisste Israelinnen: Gerüchte sorgen für Aktiensturz

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter in Österreich haben Gerüchte in den sozialen Medien zu einem Kurssturz bei der israelischen Bank geführt, bei der eine der Frauen arbeitet

 13.08.2026

Italien

Ein Tempel für alle

Über der Biennale in Venedig schwebt eine Synagoge. Was sich die ukrainische Künstlerin Anna Kamyshan dabei dachte und wie sie es geschafft hat

von Sophie Albers Ben Chamo  13.08.2026

Judenhass

Tourist mit Kippa in Rom zweimal attackiert

Antisemitische Vorfälle in Italien nehmen seit Jahren zu. Nun wurde ein junger Tourist in der Hauptstadt gleich zweimal angegriffen. Er trug eine Kippa

von Severina Bartonitschek  12.08.2026

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität

von Nicole Dreyfus  12.08.2026

Österreich

Vermisste Israelinnen in Wien: Familie befürchtet das Schlimmste

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter gibt es neue Details. Unter anderem über die Unterkunft in Wien. In Israel wurde eine Nachrichtensperre erlassen

 12.08.2026 Aktualisiert

Schweiz

Den eigenen Weg gehen

Kollektive Begeisterung macht blind und dumm, ganz gleich, ob sie von rechts oder links kommt, findet Berns Botschafter in Israel. Und liefert literarische und filmische Quellen als Inspiration für das Schwimmen gegen den Strom

von Simon Geissbühler  11.08.2026

Frankreich

Schrecken der Milliardäre

Der jüdische Ökonom Gabriel Zucman fordert eine stärkere Besteuerung der Superreichen. Beim Geldadel stoßen seine Ideen jedoch auf heftigen Widerstand

von Christine Longin  11.08.2026