Nachruf

Gloria Steinem: Ein Leben im Dienst der Gleichberechtigung

Gloria Steinem (1934 - 2026) Foto: picture alliance / AP Photo/Anthony Camerano

Sie prägte über Jahrzehnte hinweg den Kampf für die Rechte von Frauen wie kaum eine andere: Die Journalistin und Aktivistin Gloria Steinem ist am Mittwoch im Alter von 92 Jahren gestorben. Die Nachricht wurde in einer Mitteilung auf ihrem Instagram-Account verbreitet. Zur Todesursache wurden keine Angaben gemacht.

In der Erklärung hieß es, Steinem sei »friedlich in ihrem Zuhause in New York City, umgeben von vielen, die sie liebten,« gestorben.

Als Steinem in den 1960er-Jahren begann, sich öffentlich zu positionieren, war die Vorstellung, Frauen könnten selbst über ihr Leben bestimmen, für viele noch fremd. Genau das machte sie zu ihrem Lebensthema: Gleichberechtigung, weibliche Solidarität und das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung standen im Zentrum ihres Wirkens. Ihr Einfluss reichte weit über die USA hinaus und machte ihren Namen zum Synonym für die moderne Frauenbewegung.

Der frühere US-Präsident Barack Obama würdigte sie 2013 bei der Verleihung der Presidential Medal of Freedom mit den Worten, dank ihrer Arbeit würden Frauen »in Amerika und auf der ganzen Welt« mit mehr Respekt behandelt und erhielten die Chancen, die ihnen zustünden. Sie habe zudem verändert, »wie Frauen über sich selbst dachten,« so Obama weiter.

Prägende Jahre in Indien

Geboren wurde Steinem 1934 in Toledo, Ohio. Ihre Mutter war Presbyterianerin deutscher und schottischer Abstammung. Ihr Vater war der Sohn jüdischer Emigranten aus Deutschland und Polen. Schon ihre jüdische Großmutter Pauline Steinem war Frauenrechtlerin.

Nach ihrem Abschluss am Smith College im Fach Politikwissenschaft 1956 verbrachte sie zwei Jahre in Indien, wo sie im Rahmen eines Stipendiums Aktivisten begleitete, die sich gegen Kastengewalt engagierten – eine Erfahrung, die nach eigener Aussage ihr politisches Bewusstsein in den USA nachhaltig formte.

Kurz nach ihrer Rückkehr war sie zudem kurzzeitig für eine von der CIA unterstützte Organisation tätig, die amerikanische Studierende zu sowjetisch geprägten Jugendfestivals entsandte. Diese Episode wurde ihr später von Teilen der feministischen Bewegung vorgehalten. Steinem selbst betonte stets, der Geheimdienst habe niemals versucht, auf die Ausrichtung der Organisation Einfluss zu nehmen.

In New York begann sie als freie Journalistin – zu einer Zeit, in der Redaktionen fest in männlicher Hand waren und Reporterinnen meist auf bestimmte Themenfelder abgedrängt wurden. In einem NPR-Interview aus dem Jahr 2020 erinnerte sie sich: »Ich und viele Frauen konnten für die bestehenden Magazine nicht über politische Themen schreiben. Man hielt uns für Expertinnen in Sachen Essen, Make-up, Babys und Prominente.«

Von diesen Beschränkungen ließ sie sich jedoch nicht aufhalten. 1963 sorgte sie für Aufsehen, als sie undercover in einem Nachtclub von Hugh Hefner arbeitete. Ihre für das Magazin Show verfasste Reportage »A Bunny’s Tale« deckte die miserable Bezahlung und den Sexismus auf, dem die dortigen Kellnerinnen ausgesetzt waren – und stellte damit Hefners Behauptung infrage, sein Playboy-Imperium bringe eine sexuelle Befreiung, von der Männer und Frauen gleichermaßen profitierten.

Gründerin von »Ms.« Magazine

Nach Stationen als Mitbegründerin des New York Magazine gründete Steinem 1972 ihr eigenes Blatt: Ms. Magazine. Es gilt als das erste landesweite US-Magazin, das von Frauen für Frauen gemacht wurde.

Die bestehenden Frauenzeitschriften, so Steinem seinerzeit gegenüber NPR, würden Frauen im Grunde nur »in ihren Rollen als Ehefrauen und Mütter« zeigen. Beim Lesen dieser Blätter beschleiche einen »ein Gefühl der Unehrlichkeit,« fügte sie hinzu. Sie hälfen niemandem, das eigene Leben zu verändern, und ließen Frauen nicht zu, »die Wahrheit über ihren Alltag zu erzählen.«

Lesen Sie auch

Ms. Magazine griff Themen auf, die bis dahin weitgehend tabu waren: Abtreibung, weibliche Homosexualität, häusliche Gewalt und Geschlechterrollen. Die Titelgeschichte von 1977 über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz holte ein lange verschwiegenes Thema ins öffentliche Bewusstsein und bildete später die Grundlage für den Kinoerfolg »9 to 5« mit Dolly Parton.

Organisatorin und politische Stimme

Steinem beschränkte sich nicht auf das geschriebene Wort. 1971, noch vor der Gründung ihres Magazins, war sie an der Gründung des National Women’s Political Caucus beteiligt, der bis heute Frauen für politische Ämter rekrutiert und unterstützt. Frauen hätten Wahlkämpfe in den USA seit Generationen am Laufen gehalten, sagte sie 1971 im NPR-Gespräch, dabei aber stets nur die »niederen Arbeiten« erledigt – Umschläge beschriften, Autos fahren, Spendengalas organisieren. »Das machen wir nicht mehr,« erklärte sie damals. »Sollen die männlichen Kandidaten doch selbst tippen.«

Als der Caucus seine Arbeit aufnahm, saßen gerade einmal 15 Frauen im US-Kongress, 363 in den Parlamenten der Bundesstaaten und lediglich sieben Frauen waren Bürgermeisterinnen größerer Städte. Heute liegen diese Zahlen bei 150, 2.476 und 428.

Das Recht auf den eigenen Körper

Kaum ein Thema war Steinem so wichtig wie das Recht auf Abtreibung – geprägt von der eigenen Erfahrung eines illegalen Schwangerschaftsabbruchs im Alter von 22 Jahren. In ihren Memoiren »My Life on the Road« (2015) widmete sie das Buch dem englischen Arzt, der den Eingriff damals vorgenommen hatte. Über sich selbst schrieb sie in der dritten Person: »Da er nur wusste, dass sie zu Hause eine Verlobung gelöst hatte, um einem ungewissen Schicksal entgegenzugehen, sagte er, sie müsse ihm zwei Dinge versprechen. Erstens, dass sie niemandem seinen Namen nenne. Zweitens, dass sie mit ihrem Leben tue, was sie tun wolle. Ich habe mit meinem Leben das Beste gemacht, das ich konnte. Dieses Buch ist für dich.«

2022, wenige Wochen bevor der Oberste Gerichtshof der USA die Entscheidung Roe v. Wade kippte und damit das verfassungsmäßig verankerte Recht auf Abtreibung beendete, sagte Steinem gegenüber NPR, selbst eine solche Rücknahme könne die jahrzehntelange Arbeit für reproduktive Gerechtigkeit nicht ungeschehen machen. »Es wird die grundlegende Tatsache nicht ändern, dass wir – Frauen wie Männer – entweder die Entscheidungsgewalt über unsere eigenen Körper haben, oder es gibt keine Demokratie,« so Steinem.

Wandel, so ihre Überzeugung, funktioniere »wie ein Baum«. Zu oft glaube man, ein Baum wachse von oben, vom Kongress aus herab. »Bäume wachsen von unten,« sagte sie – und meinte damit die tägliche Arbeit einfacher Menschen und Gemeinschaften, die am Ende den eigentlichen Unterschied mache. im

Schweiz

Leerstellen im Mengele-Dossier

Nicht nur geschwärzte Namen sorgen im Mengele-Dossier des Nachrichtendienstes für Fragen. Auch wichtige Unterlagen fehlen – und niemand kann heute mehr genau erklären, warum.

von Nicole Dreyfus  06.10.2026

Großbritannien

»Die Grünen sind jetzt eine extremistische Partei«

Ein Parteitagsbeschluss der englischen Grünen, in dem der Zionismus als eine Spielart des Rassismus bezeichnet und zur Befreiung Palästinas aufgerufen wird, ist nicht nur in Großbritannien auf heftige Kritik gestoßen

 05.10.2026

Nachruf

Weimer würdigt gestorbene Holocaust-Überlebende Irene Butter

Eine weitere jüdische Zeitzeugin des Holocaust ist tot. Irene Butter starb im Alter von 95 Jahren in den USA. Lange hatte sie nichts von ihren Erlebnissen im KZ erzählt. Dann berichtete sie jahrzehntelang Schülern von ihrem Leben

von Christoph Arens  05.10.2026

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  02.10.2026

Madrid

Kritik an Zara wegen Halloween-Kostüm mit Ähnlichkeit zu KZ-Kleidung

Die Hintergründe

 02.10.2026

Gespräch

Jüdische Stimme am Vatikan

Viktor Eichner vom Jüdischen Weltkongresses hat ein großes Ziel: sich für die jüdische Gemeinschaft einzusetzen – vor allem beim Heiligen Stuhl

von Sabine Kleyboldt  02.10.2026

USA

Jüdischer Stolz auf der New York Fashion Week

Zum ersten Mal war eine exklusiv jüdische Modenschau Teil des berühmten Events. Mit Modest Fashion, Abendkleidern und Bikinis

von Sophie Albers Ben Chamo  01.10.2026

Großbritannien

Dame Esther Rantzen mit 86 Jahren gestorben

Die Journalistin setzte sich für Kinder, Senioren und eine Legalisierung der Sterbehilfe ein

 01.10.2026

New York

Mamdani legt Antisemitismus-Plan vor, jüdische Organisationen üben scharfe Kritik

Das Konzept des Bürgermeisters blende den Zusammenhang zwischen der Gewalt gegen Juden in New York und antiisraelischer Propaganda bewusst aus, sagt einer der Kritiker

 30.09.2026