Interview

»Die Lage der schwedischen Juden ist schrecklich«

Simona Mohamsson führt seit dem vergangenen Sommer die schwedischen Liberalen Foto: picture alliance / TT NYHETSBYRÅN

Frau Mohamsson, Sie trugen jüngst bei einer Wahldebatte der Parteichefs eine Halskette mit Davidstern. War das als Geste gedacht, um eine Diskussion anzuregen, oder als »stilles« Zeichen der Solidarität?
Ich habe Erfahrungsberichte von Juden aus meinem Umfeld sowie von Kindern und Eltern, denen ich in ganz Schweden begegne. Die Lage der schwedischen Juden ist schrecklich. Sie leben in der Angst, offen zu zeigen, wer sie sind. Ich habe den Davidstern aus Solidarität mit den jüdischen Kindern getragen, die sich genau das im heutigen Schweden nicht trauen. Wenn der Hass gegen Juden wächst und Linke Liebesbriefe an Hamas schicken, habe ich die Pflicht, meine Stimme zu erheben. Für mich ist es selbstverständlich, dass Schweden ein Zufluchtsort für Juden sein sollte. Ich wünsche mir ein Schweden, das zusammenhält und in dem niemand seinen Glauben oder seine Herkunft verbergen muss.

Warum war Ihnen persönlich das wichtig?
Wenn man einen Hintergrund wie ich hat, ist das besonders wichtig. Meine Eltern stammen bekanntlich aus dem Nahen Osten. Ich wurde in Deutschland geboren und bin mit acht Jahren nach Schweden gezogen. Ich bin in erster Linie Schwedin, und ich erwarte von jedem in Schweden, unabhängig von seiner Herkunft, dass er oder sie versteht, wo die Grenze zwischen Diskussion und Hass verläuft.

Für mich ist es selbstverständlich, dass Schweden ein Zufluchtsort für Juden sein sollte. Ich wünsche mir ein Schweden, das zusammenhält und in dem niemand seinen Glauben oder seine Herkunft verbergen muss.

Fällt es mit Ihrem familiären Hintergrund leichter, zwischen dem Nahostkonflikt einerseits und der Situation in Schweden andererseits zu unterscheiden?
Ich denke, der Hintergrund meiner Eltern spielt für mich diesbezüglich keine Rolle. Ungleich wichtiger ist, dass sie mich zum kritischen Denken erzogen haben. Ich weiß, dass man zwischen der jüdischen Minderheit in Schweden und dem Konflikt im Nahen Osten unterscheiden muss. Genauso weiß ich, wann es berechtigte Kritik an der Politik der israelischen Regierung gibt und wann diese in puren Judenhass umschlägt.

Wo ziehen Sie die Grenze zwischen legitimer Kritik an Israel und Antisemitismus?
Das Verbreiten von Verschwörungstheorien oder das Infragestellen der Existenz Israels überschreitet diese Grenze.

Haben Sie mit so vielen ablehnenden und in vielen Fällen sogar boshaften und beleidigenden Reaktionen gerechnet?
Hier geht es nicht um mich. Es geht um den Alltag der jüdischen Gemeinschaft in Schweden. Die Reaktionen verdeutlichen ja die Situation der schwedischen Juden, und die ist schrecklich. Viele Menschen können nicht zwischen der Politik Israels, den Konflikten im Nahen Osten und unseren schwedischen Juden unterscheiden.

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Manche sahen in Ihrer Geste die Benutzung von religiösen Symbolen im Wahlkampf als politische Requisiten. Gab es Reaktionen seitens der jüdischen Gemeinschaft?
Ich habe großen Respekt vor denen, die so denken. Aber gleichzeitig kann ich nicht schweigen. Deshalb war es mir wichtig, dies im Vorfeld mit jüdischen Vertretern zu besprechen. Insgesamt war die Resonanz aber sehr positiv. Gleichzeitig habe ich großen Respekt vor denen, die der Meinung sind, ich hätte nicht das Recht, den Davidstern zu tragen. Es ist immer schwierig, eine Entscheidung zu treffen, die jeder gutheißt. Aber ich habe diese Entscheidung auch nach Rücksprache mit Vertretern der jüdischen Gemeinschaft getroffen.

Während der TV-Debatte haben Sie die Linkspartei wegen deren Verbindungen zu palästinensischen Häftlingen und zur Hamas angegriffen. Sie selbst haben aber die Tür für Koalitionen mit den Schwedendemokraten geöffnet. Viele betrachten das als Legitimierung einer rechtsextremen Bewegung, die in der Vergangenheit auch für ihre antisemitischen Tendenzen bekannt war. Ist das nicht eine Doppelmoral?
Die Geschichte der Schwedendemokraten ist bekannt. Ich war schon früh ein entschiedener Kritiker ihrer politischen Ansichten und habe gefordert, dass sie sich davon distanzieren und zeigen müssen, dass diese Vergangenheit jetzt hinter ihnen liegt. Aber was die Linkspartei derzeit tut, und in gewissem Maße auch die Sozialdemokraten, gefährdet die Sicherheit unserer jüdischen Mitbürger, um Stimmen in Einwanderergruppen zu gewinnen.

Die Fragen an die Vorsitzende der schwedischen Liberalen stellte Michael Thaidigsmann.

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