Meinung

Stoßdämpfer der Demokratie

Zsolt Balkanyi-Guery

Am 29. August 1897 eröffnete Theodor Herzl in Basel den Ersten Zionistenkongress. Am 29. August 2026 soll wenige Schritte davon entfernt eine Demonstration unter dem Titel »Free Palestine – Death to Zionism« stattfinden, beworben mit dem roten Dreieck, mit dem die Hamas in ihren Videos Ziele markiert, bevor sie beschossen werden. Die Kantonspolizei hält die Kundgebung wegen expliziter Gewaltaufrufe für nicht bewilligungsfähig, bei der Staatsanwaltschaft ist Strafanzeige eingegangen.

Wer das für einen einmaligen Vorgang hält, erinnere sich an Zürich. Im Januar 2024 bewilligte die Stadt eine Anti-Israel-Kundgebung ausgerechnet am 27. Januar, dem internationalen Holocaust-Gedenktag. Auf dem Flyer stand, in arabischer Schrift und damit für die meisten unlesbar »From the river to the sea«. Die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus GRA, deren Präsident ich bin, reichte Anzeige ein. Die Stadt ließ wissen, man sei sich der Brisanz des Datums nicht bewusst gewesen; im Übrigen seien die juristischen Hürden für ein Verbot hoch.

Das Datum ist die Botschaft

Zwischen Zürich 2024 und Basel 2026 liegt eine besorgniserregende Entwicklung einer Radikalisierung. Damals war das Datum ein Versehen der Behörde, die Parole eine kaschierte Provokation. Heute ist das Datum die Botschaft, und getarnt wird nichts mehr. Ausgezahlt hat sich das bereits medial, bevor am Samstag der erste Demonstrant den Platz betritt. Die Mobilisierungskraft der radikalen propalästinensischen Szene ist erschöpft. Wer niemanden mehr mobilisiert, radikalisiert die Botschaft. Geblieben ist ein anonymes Kollektiv mit Flyer und Datum – belohnt wird es mit der ungeteilten Aufmerksamkeit des ganzen Landes.

Wer niemanden mehr mobilisiert, radikalisiert die Botschaft.

Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) möchte sich hierzu nicht äußern; die Lage sei zu komplex, ließ sie auf Anfrage verlauten. Eine Kommission ohne Entscheidungskompetenz besitzt aber nichts außer ihrer Stimme. Diese muss sie im Fall eines eindeutigen Aufrufs zu Diskriminierung und Gewalt erheben. Verweigert sie dies, verweigert sie ihren Auftrag.

Lesen Sie auch

Die Zürcher Auskunft, ein Datum begründe kein Verbot, ist juristisch korrekt. Und die Schweiz zieht die Grenze der Versammlungsfreiheit ohnehin nur auf dem Papier: Unbewilligte Kundgebungen finden seit Jahren mit einer Regelmäßigkeit statt, die das Verfahren zur Formsache macht. Beide Antworten, von EKR und Behörde, weisen dasselbe Muster auf: Sie beantworten die Frage nach dem Erlaubten und lassen die Frage nach dem Richtigen unberührt.

Minderheiten absorbieren den Aufprall

Das eigentliche Problem wird ohnehin nicht die Menschentraube auf dem Basler Theaterplatz sein, sondern die Wandlung ihres Vokabulars. Formeln, die 2024 noch auf Arabisch getarnt werden mussten, stehen 2026 unverstellt auf dem Plakat und gelten kurz darauf an Hochschulen als Position, in Kulturinstitutionen als Haltung, in Redaktionen als zulässige Zuspitzung. Der Rand liefert das Material, abgeschliffen kommt es in der Mitte an. Genau in der Verhinderung dessen läge die Aufgabe der Kommission.

Minderheiten wirken in dieser Konstellation als Stoßdämpfer der Demokratie. An ihnen wird erprobt, was sagbar ist; sie absorbieren den Aufprall. Spätestens sobald die Stoßdämpfer fehlen, kommt es zur gefährlichen Kollision. Minderheiten zu schützen ist im Interesse von uns allen. Das bedingt kein Verbot von Meinungsäußerungen, von Todesdrohungen aber schon.

Als die GRA im Januar 2024 in Zürich Anzeige einreichte, hielt ich das für einen Einzelfall am Rande. Heute weiß ich es besser, und deshalb sage ich es hier sehr deutlich: Wer den Tod einer Bewegung fordert, meint in letzter Konsequenz die Menschen, die sie repräsentieren. Das festzuhalten ist nicht komplex. Es kostet einen Satz, und wir werden ihn so lange sagen, bis er in Politik und Gesellschaft angekommen ist.

Zsolt Balkanyi-Guery ist Historiker und Präsident der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA).

Basel

Herzl im Casino

Das Konzerthaus feiert in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag – es ist auch ein jüdisches Jubiläum

von Peter Bollag  27.08.2026

Schweiz

Gewalt-Demo gegen Israel in Basel verboten

Die Polizei hält die geplante Anti-Israel-Demo, bei der die Organisatoren »Tod dem Zionismus« wünschen, für nicht bewilligungsfähig

von Nicole Dreyfus  27.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  27.08.2026 Aktualisiert

Mythos

Wie lange Haare ikonografisch wurden - vom biblischen Samson zum norwegischen Haaland

Seine blonde Mähne wurde zu seinem Markenzeichen - ebenso wie seine reichlichen Tore. Nun hat der norwegische Stürmer Erling Haaland sich die Haare abrasiert. Verliert er damit seine Macht? Vorbilder legen das nahe

von Johannes Peter Senk  26.08.2026

Nachruf

Wie Dolly Parton zur Ikone wurde

Die Country-Legende Dolly Parton ist tot. Dass sie zu einem weltweit verehrten Star wurde, lag auch an ihren jüdischen Freunden und Geschäftspartnern

von Sophie Albers Ben Chamo  26.08.2026

Kommentar

Unpolitisch war gestern

Der ESC unterliegt künftig neuen Regeln für Krisenstaaten, Israel kann nach wie vor am Wettbewerb teilnehmen. Noch ist das keine Lex Israel. Aber der Eindruck entsteht

von Nicole Dreyfus  26.08.2026

USA

»Wenn es nötig wird, wollen wir bereit sein«

Die Familie Wertheimer durchlebt das Dilemma unserer Zeit: Wo fühlen sich Juden noch sicher?

von Sebastian Moll  25.08.2026

ESC

Moroccanoil steigt als Hauptsponsor aus

Die israelische Kosmetikmarke hat ihr Sponsoring des Musikwettbewerbs nach sechs Jahren beendet.

von Nicole Dreyfus  25.08.2026

Österreich

Exodus über die Alpen

Zehntausende Juden flohen nach der Schoa über die Hohen Tauern nach Italien und weiter nach Palästina. Heute folgen ihre Nachfahren und andere Wanderer der historischen Route

von Pascal Beck  24.08.2026