Basel

Herzl im Casino

Der Name täuscht – Roulette wurde im Stadtcasino von Basel nie gespielt. Doch von Anfang an war das Gebäude im Zentrum der Stadt ein Begegnungsort, denn das bezeichnet das Wort Casino (italienisch für »kleines Haus«) eben auch. Der 1826 vom Architekten Melchior Berri erschaffene Prachtbau wurde zum Treffpunkt der feinen Basler Gesellschaft und zu einem Ort, an dem schon sehr bald Konzerte und andere musikalische Zusammenkünfte stattfanden.

Dass der 200. Geburtstag des heute fast ausschließlich als Konzertsaal genutzten Baus auch für die jüdische Gemeinschaft eine Bedeutung haben könnte, zeichnete sich noch Jahrzehnte nach der Einweihung nicht ab. Denn das heute als liberal geltende protestantische Basler Bürgertum war damals eher judenfeindlich eingestellt und blieb gern unter sich – ohne Juden.

Ein Platz in der jüdischen Weltgeschichte

Das änderte sich jedoch bald, vor allem durch jüdische Künstler, die hier auftraten, auch wenn dafür die Kunst und nicht die Religion verantwortlich zeichnete. Einen Platz in der jüdischen Weltgeschichte sicherte das dem imposanten Gebäude jedoch nicht. Den verdankt das Stadtcasino keinem Geringeren als Theodor Herzl (1860–1904). Fast im Alleingang entschied der Begründer des modernen Zionismus 1897 nämlich nicht nur, den ersten Zionistenkongress der Geschichte in Basel durchzuführen, sondern auch, dass dafür das Stadtcasino der richtige Ort wäre.

Für den ersteren Entscheid war der schon damals neutrale Status der Schweiz verantwortlich. Nachdem die Durchführung des geplanten Kongresses in München nämlich am innerjüdischen Widerstand gescheitert war, wollte Herzl eigentlich in Zürich tagen. Doch da die Limmatstadt am Ende des 19. Jahrhunderts mit Spitzeln des russischen Zarenreichs durchsetzt war und weil Basel über ein bekanntes koscheres Restaurant verfügte – das der eher religionsferne Herzl persönlich zwar nicht besonders schätzte, aber um dessen Bedeutung er für die orthodoxen Delegierten vor allem aus Osteuropa wusste –, kam der Kongress an den Rhein.

Dass der Zionistenkongress nach Basel kam, lag auch an einem koscheren Restaurant.

Nicht zuletzt auch deshalb, weil die damalige Basler Regierung dem Unternehmen doch einige Sympathien entgegenbrachte. Dass Herzl den Großen Musiksaal des Stadtcasinos auswählte, hatte auch mit seinen politischen Ambitionen zu tun: Der jüdische Visionär kämpfte um die Anerkennung seines Anliegens durch die damaligen Großmächte und wollte einen bürgerlich-honorigen Eindruck hinterlassen: Die Delegierten sollten staatsmännisch auftreten, in festlicher Kleidung und mit gutem Benehmen. Da musste auch das Ambiente stimmen.

So etwas wie ein »zionistisches Hauptquartier«

Und so versammelten sich in jenen heißen Augusttagen von 1897 rund 200 Delegierte, darunter 14 Frauen, im Stadtcasino, das damit so etwas wie ein »zionistisches Hauptquartier« werden sollte. Schließlich fanden sieben der insgesamt zehn Kongresse, die in Basel durchgeführt wurden, hier statt. Inklusive jener Versammlung vom Dezember 1901, bei der auch der Jüdische Nationalfonds (KKL) gegründet wurde. Nicht allerdings der letzte Kongress vor der Gründung Israels im Jahre 1946. Die gesamte Prominenz des kommenden jungen Staates – von David Ben Gurion bis Golda Meir – traf sich damals auf der anderen Rheinseite, im heutigen Messezentrum, denn das Casino war inzwischen für die Ansprüche eines Staates im Geburtszustand zu klein geworden.

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Diese Geschichte hinterlässt bis heute große Spuren. Jüdische Touristen aus aller Welt – einzeln und in Gruppen – machen in Basel Station, um das zionistische Erbe zu besichtigen: Das Stadtcasino, in dessen Musiksaal eine entsprechende Gedenktafel zu sehen ist, steht dabei ebenso auf dem Besuchsprogramm wie das Luxushotel »Trois Rois«, in dem Herzl damals nächtigte und wo das berühmte Foto auf dem Balkon entstand, das Besucher täglich nachzustellen versuchen, allerdings im Erdgeschoss, wo der Balkon öffentlich ist.

Als das Stadtcasino nun gerade sein Jubiläum mit einem bunten musikalischen Programm beging, gehörte auch ein Vortrag des Historikers Erik Petry zur jüdischen Geschichte des Hauses dazu.

Keiner war so prominent wie der israelische Staatspräsident Isaac Herzog

Seit der Corona-Pandemie und dem 7. Oktober 2023 fällt die Zahl vor allem israelischer Gäste deutlich kleiner aus als zuvor, sie blieben jedoch nie aus, sagt Casino-Direktor Thomas Koeb. Und keiner war dabei so prominent wie der israelische Staatspräsident Isaac Herzog, der im August 2022 an der Feier zum 125. Jubiläum jenes ersten Kongresses als Ehrengast teilnahm. Auch damals gab es schon eine propalästinensische Demonstration, die anders als nach den Hamas-Massakern im Oktober 2023 und dem daraus resultierenden Krieg in Gaza allerdings noch eher folkloristische Züge trug.

Das hat sich inzwischen geändert. Selbst beim unpolitischen israelischen Musik-Festival »Mizmorim« beispielsweise, das von der in Basel lebenden Israelin Michal Lewkowicz gegründet wurde und alljährlich im Januar die Kammermusik feiert, sorgten in den vergangenen Jahren anti-israelische Demonstranten vor dem Stadtcasino für aggressiven Protest.

Was die aktuelle Leitung des Stadtcasinos allerdings nicht besonders zu beeindrucken scheint. Auf die Frage, ob die Feier zum 130-jährigen Jubiläum des Ersten Zionistenkongresses im kommenden Jahr am historischen Ort stattfinden könne, meint Baschi Dürr, der Präsident der Casino-Gesellschaft, die das Haus und die Veranstaltungen dort betreibt, ohne Zögern: »Es gibt keinen Grund, warum ein solcher Anlass nicht hier stattfinden sollte.«

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