Nein, Punkrock ist keine jüdische Musik, trägt aber eine gewaltige Portion Jüdischkeit in sich, wenn nicht sogar den Anfang vom Ganzen. »Punk hat dieselbe nervöse Energie, dieselben shpilkes, die schon Abraham, Isaak und Jakob in sich spürten«, schreibt Kulturjournalist Steven Lee Beeber in seinem Klassiker The Heebie-Jeebies at CBGB’s.
Lenny Kaye, so etwas wie der Mystiker unter den frühen Punks, der in den 60er-Jahren das Pre-Punk-Album Nuggets veröffentlichte, schrieb gleich die »Zehn Gebote des Punk« und sagte: »Ich sehe mich als einen Gelehrten des Talmuds der Rockmusik. Juden waren schon immer ein Volk von Schriftstellern. Was ist die Bibel anderes als eine Auslegung der Bedeutung von Kunst? Und was sind Bibelwissenschaftler anderes als Kritiker der Bibel? Ich sehe mich gern als Teil dieser Tradition.«
Anti-Haltung zur amerikanischen Massenkultur der 60er-Jahre
Punk entstand als Anti-Haltung zur amerikanischen Massenkultur der 60er-Jahre und war laut Beeber zugleich eine unbewusste Reaktion auf die Schoa: eine Rebellion gegen den Opferstatus. Punk spottete, Punk war ironisch, schneidend, sarkastisch, unberechenbar. Und die Jugendbewegung aus New York wurde so groß, dass sie aus Teenagerzimmern auf die Straße, in die New Yorker Klubszene führte und in den späten 70er-Jahren mit den Sex Pistols Großbritannien erreichte. Von dort ging es in die Welt.
Der Punk-Look trennte Jung von Alt und machte die Revolte zum Trend.
Der frühe Punk klingt roh und amateurhaft. Man musste kein Instrument beherrschen, um dabei zu sein, denn jeder sollte dabei sein können. Punk machte den Alltag zum Drama. Einer, der ihn zum Modestil machte, war Malcolm McLaren, dessen Familie mütterlicherseits aus der sefardischen Gemeinde Londons stammte. Der Manager der Sex Pistols und der New York Dolls prägte den Look der Sadomaso-Fantasie in Bikerklamotten, zuweilen sogar mit Nazi-Symbolen als Schockfaktor und Nietenstiefeln. Möglichst unnatürlich, bizarr, trashy. Mit grob gefärbten, dornigen Frisuren, zerfetzten Kleidern, auf kaputt geschminkten Gesichtern trennte er Jung von Alt, machte die Revolte zum Stil und den Stil zum Trend.
Neues geschaffen und Altes zerstört
»Ich habe Kleidung gemacht, die wie Ruinen aussah. Ich habe etwas Neues geschaffen, indem ich das Alte zerstört habe«, sagte McLaren. »Das war Mode nicht als Ware, sondern Mode als Idee.«
»I belong to the blank generation and I can take it or leave it each time«, sangen Richard Hell & The Voidoids 1977. »Ich gehöre zur leeren Generation, und es ist mir jedes Mal egal, ob ich mitmache oder nicht.« Hell, abgebrochene Schule, kurzzeitig Dichter, schließlich einer der ersten Punkrockstars der New Yorker Szene, spielte zuerst in der Band Neon Boys, dann in Television, trat mit den Ramones auf und inspirierte Patti Smith. Er besang diese leere Generation in einer neuen Welt mit neuer, wilder Musik.
Punk begann als Schtetl, in dem alle alle kennen, auf der Lower East Side in Manhattan, einem Hauptort der ersten jüdischen Einwanderung. Genau genommen in dem kleinen, von Hillel »Hilly« Kristal 1973 eröffneten Nachtklub CBGB’s. Mitten in einem zerklüfteten Niemandsland zwischen verlassenen jiddischen Theatern und Bialy-Bäckereien. Dort trieb die erste jüdische Generation, die nach dem Holocaust erwachsen wurde, das Mischmasch aus Kunst, Trash und Haltung voran. Cool und sexy und verfreakt.
Authentisch, provokativ und systemkritisch
In der großen jüdischen Punkfamilie gilt der 50er-Jahre-Comedian Lenny Bruce mit seiner authentischen, provokativen und systemkritischen Haltung, für die er auch »wegen Obszönität« ins Gefängnis ging, als Vorreiter, lange bevor die Musik überhaupt existierte. Lou Reed wurde spätestens mit seinem 1972 veröffentlichten Album Transformer der »Godfather« und das Vorbild, auf das sich alle einigen können: von Joey und Tommy Ramone über Sylvain Sylvain von den New York Dolls, Blondies Gitarrist Chris Stein, Gründer der Modern Lovers und Anti-Folk-Ikone Jonathan Richman, Joe Strummer, Mick Jones und Manager Bernard Rhodes von The Clash bis zum Gründer des Punk-Labels Rough Trade Records, Geoff Travis.
Punk entstand zudem in einer Zeit, als die jüdische Nachkriegskultur in New York blühte. Jüdische Filmstars wie Dustin Hoffman und Barbra Streisand hatten es geschafft, Philip Roth, Norman Mailer und Bernard Malamud schrieben einen Bestseller nach dem anderen, jüdische Künstler wie Diane Arbus, Mark Rothko und Richard Avedon waren Stars.
Punk feierte zwar die große Anti-Establishment-Geste, allerdings stammten die Musiker nahezu alle aus gutbürgerlichen Familien. Sie rebellierten gegen die Generation der Eltern und Großeltern, darunter viele Schoa-Überlebende, die aus Sicht ihrer aufmüpfigen Kinder zu bürgerlich, zu bequem, zu spießig in den Vororten lebten, anstatt im einzig wahren New York. Manche der jüdischen Punkrocker sehnten sich sogar nach einer schicksalsschweren Welt, die ihre Eltern hinter sich gelassen hatten. Danny Fields, der Manager der Ramones, fand seine Erzeuger einfach »dämlich« und zurückgeblieben. Und auch Lou Reed emanzipierte sich mit aller Kraft.
Bürgerlichkeit und Spießertum
Seine Familie hatte es zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Polen und Russland in die USA geschafft. 1942 als Lewis Allen Reed in Brooklyn geboren, sollte er unbedingt Medizin studieren. Doch davon wollte der Junge nichts wissen, auch nicht von seinem Jüdischsein. Das alles stand für Bürgerlichkeit, Spießertum und seine Eltern. Um zu verhindern, dass ihr Sohn ausscherte, und um seine Bisexualität zu »heterosexualisieren«, setzten sie ihr Kind sogar Elektroschockbehandlungen aus.
Lou Reed kämpfte sich frei und ging nach Manhattan, wo er Teil der Szene um den Pop-Art-Künstler Andy Warhol wurde. Er lebte mit Dragqueens und mit Drogenjunkies, arbeitete mit Patti Smith und Richard Hell und schrieb Liedtexte, die an »den kleinen Menschele« gerichtet waren, wie es der jüdische Musikkritiker Irwing Howe einmal formulierte, an die Jedermanns da draußen.
Lou Reed lebte mit Dragqueens und Junkies und schrieb Liedtexte an »den kleinen menschele«.
Auch in den Folgejahrzehnten waren Punkrock und seine Nachfolge-Genres wie Hardcore oder Skate-Punk vielen jüdischen Musikern ein Zuhause, darunter Henry Rollins von Black Flag, Jesse Michels von Operation Ivy, Tobi Vail von Bikini Kill, ihre Mitstreiterinnen der Riot-Grrrl-Bewegung wie Carrie Brownstein und Janet Weiss von Sleater-Kinney und Shira Yevin von Shiragirl. Aus Kalifornien kamen Brett Gurewitz von Bad Religion, Fat Mike Burkett von NOFX dazu, aus Illinois Joe Trohman von Fall Out Boy und Steve Klein von New Found Glory.
Aber zurück nach New York, wo sich im ersten Jahrzehnt der 2000er sogar eine chassidische Hardcore-Punkband gründete, Moshiach Oi!, deren Sänger Yishai Romanoff im Dokumentarfilm Punk Jews (2012) in voller Punkattitüde verkündete: »So bringst du Licht in die Welt: Du stehst morgens auf und brüllst ›GOTT‹!« In den 2010er-Jahren ging es dann eher in Richtung Satire mit Bands wie The Groggers oder Schmekel.
»Wenn es nicht lustig war, war es kein Punk«
»Wenn es nicht lustig war, war es kein Punk«, sagte einmal Backgroundsängerin und Blondie-Begleiterin Snooky Bellomo, die mehrfach im CBGB’s aufgetreten war. Das tat übrigens auch Kitty, die Tochter von Stand-up-Ikone Lenny Bruce, in den späten 70er-Jahren mit ihrer Punkband The Great Must Ache. Ihr Vater hätte den Punk geliebt, sagte sie. Vor allem, dass sich aus einer Subkultur ein ganzer Lebensstil entwickelte. Auch für Bill Arning, der sich als Kunstkurator einen Namen gemacht hat und 1976 als 16-Jähriger mit seiner Band The Student Teachers im CBGB’s auftrat. Sein Fazit über die damalige Zeit lautete: »Der Reiz bestand darin, dass man nicht einfach nur zuhören und alles in sich aufnehmen sollte, sondern dass man zuhören und selbst eine Band gründen sollte!« Etwas anderes war gar nicht möglich.
»Lenny Bruce ist tot, aber sein Geist lebt weiter und weiter / Er war ein Außenseiter, das steht fest / Ein größerer Außenseiter, als du es je warst«, sang einst der gefeierte Songwriter Bob Dylan, dem ebenfalls nachgesagt wird, der Punk-Bewegung den Weg zumindest geebnet zu haben. In diesem Sinne: Punk’s not dead.