New York

Bob Dylan - Der geniale Sonderling

Bob Dylan Foto: picture alliance / dpa | Didier Plowy / Mcc

Es gibt eine Sache, die Bob Dylan im Laufe seiner Karriere trotz aller Anstrengungen nie gelungen ist: nicht als Ikone von den Massen verehrt zu werden. Ob Protestlieder, elektrischer Rock, Country-Alben oder religiöse Musik - das Gesamtwerk des Ausnahmemusikers gilt als Meilenstein der Musikgeschichte. Sogenannte Dylanologen sezieren seine Texte bis heute – und selbst mit seinen teils bizarren Konzerten begeistert der am Sonntag 85 Jahre alt werdende Dylan seine Fangemeinde weiter.

Am 24. Mai 1941 wird Bob Dylan in der Hafenstadt Duluth im US-Bundesstaat Minnesota als Robert Allen Zimmerman geboren. Seine Kindheit verbringt er in der vom Bergbau geprägten Stadt Hibbing. Dylans Eltern sind Nachfahren von ukrainisch-jüdischen Einwanderern und gar nicht davon angetan, dass ihr Sohn Musiker werden will. Der früh vom Folk begeisterte Dylan bringt sich selbst das Gitarre- und Klavierspielen bei und schreibt schon als Jugendlicher eigene Songs.

Mit 19 Jahren zieht er nach New York City und spielt in kleineren Clubs im Greenwich Village, einem Zentrum der Gegenkultur der Sechzigerjahre. Innerhalb weniger Monate unterzeichnet er bei einem Label und bringt noch im selben Jahr sein erstes Album heraus. Um die Zeit nimmt er auch seinen Künstlernamen an, den er sich beim walisischen Dichter Dylan Thomas geliehen hat. Er habe sich nie als Robert Allen Zimmermann verstanden, sagte Dylan. Seine Vorbilder zu der Zeit sind der linke Folk-Sänger Woody Guthrie und Blues-Musiker wie Robert Johnson oder Leadbelly.

Bob Dylan in den 1980er-JahrenFoto: picture alliance/United Archives
Stimme der Bürgerrechtsbewegung

Der Durchbruch kommt 1963 mit dem Song »Blowin’ In The Wind«, den das lyrische Ausnahmetalent in zehn Minuten geschrieben haben soll. Im August desselben Jahres tritt er gemeinsam mit Joan Baez beim »Marsch auf Washington« der Bürgerrechtler um Martin Luther King auf. Vor über 100.000 Menschen singt er das Lied »When The Ship Comes in« - kurz bevor King seine Rede mit dem berühmten Zitat »I have a dream« hält.

Dylan gilt als eine Stimme der Bürgerrechtsbewegung, wenn auch nicht als unumstrittene: Er war ein weißer Folksänger aus Minnesota, der sich stark aus schwarzen Musiktraditionen wie Blues oder Gospel bediente, was einigen bitter aufstieß. An seinem Erfolg ändert das und auch der Fakt, dass Dylan nie als besonders guter Sänger galt, nichts: Der Wortkünstler wird zu einer Galionsfigur des gesellschaftlichen Umbruchs in den USA. Die Rolle des Akustik-Folk-Idols mag er aber ebenso wenig annehmen wie die des politischen Vorkämpfers.

Im Laufe seiner Karriere wechselt Dylan mehrfach seine Stilrichtung von Folk zu Rock, Country, Gospel bis Blues. Als er 1965 beginnt, elektrisch zu spielen, fühlen sich viele Folk-Fans verraten. Bei einem Konzert in Manchester etwa wird Dylan zunächst als »Judas« bezeichnet. Titel wie »Bringing It All Back Home«, »Highway 61 Revisited« und »Blonde On Blonde« werden dennoch zu Folkrock-Schlüsselwerken, die bis heute in kaum einer Liste der besten Alben aller Zeiten fehlen.

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Überrannt von Fans

Mitte der 60er lernt Dylan seine spätere Frau Sara kennen. Das Paar hat mittlerweile vier gemeinsame Kinder. 1967 zieht die Familie nach Woodstock im Bundesstaat New York. Vater zu werden, habe ihn und seinen Blick auf die Welt grundlegend verändert, schreibt er in seiner 2004 erschienenen Biografie »Chronicles Volume One«. »Außer meiner Familie war nichts wirklich von Interesse für mich«. Die Presse aber habe ihn ständig als Sprachrohr, Sprecher oder Gewissen einer Generation porträtiert. »Dabei war ich eher ein Viehtreiber als eine Führungsfigur.« Vielleicht gibt er auch deshalb seither kaum Interviews.

Für den Kultstatus zahlt die Familie einen hohen Preis. Immer wieder belagern Leute den Musiker. In der Zeit habe er sich danach gesehnt, in einem ganz normalen Leben versinken zu können, mit Job und Haus »mit einem weißen Zaun und pinken Rosen im Garten«.

Kreativ habe ihn das in eine Krise gestürzt. Wesentlicher Teil seiner Inspiration sei das Beobachten gewesen. »Aber nun konnte ich nichts mehr beobachten, ohne selbst beobachtet zu werden«, schreibt er in »Chronicles Volume One«. Dylan macht absichtlich schlechte Musik, um das Image abzustreifen. Es hilft wenig.

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Künstlerischer Wiederaufstieg

Die Ehe mit Frau Sara zerbricht Ende der 70er Jahre. Das Album »Blood on the Tracks« wird oft als Verarbeitung der Ehekrise interpretiert. Kurz darauf tritt der jüdische Dylan zum Christentum über und schockt damit viele seiner Fans. Drei der folgenden Alben stehen ganz im Zeichen des christlichen Rocks. Auf Konzerten predigt Dylan christliche Botschaften.

In den 1990er Jahren begeht Dylan einen künstlerischen Wiederaufstieg. Mit dem ersten Alterswerk »Time Out Of Mind« von 1997 gewinnt der Songpoet einen seiner insgesamt zehn Grammys als Solokünstler. Danach wird er seinem Ikonenstatus noch alle paar Jahre mit starken Platten gerecht, etwa »Modern Times« (2006), »Tempest« (2012) oder »Rough And Rowdy Ways« (2020). Weit über 100 Millionen Tonträger soll Dylan verkauft haben. Über den Ausnahmestar wurden auch mehrere Filme gedreht - zuletzt »A Complete Unknown« mit Timothée Chalamet (30) in der Hauptrolle.

Dylan steht auch mit Mitte 80 noch auf der Bühne und hat in den vergangenen 20 Jahren Tausende Konzerte gespielt. Wer dort eine Show mit den besten Hits zum Mitsingen erwartet, wird bitter enttäuscht. Dylan ist bekannt dafür, Lieder immer wieder zu arrangieren, teilweise bis zur Unkenntlichkeit.

Dylan als Plagiator?

Im Laufe seiner Karriere wird Dylan auch immer mal wieder der Vorwurf gemacht, sich zu sehr und vor allem ohne Verweise am Werk anderer zu bedienen. Sängerin Joni Mitchell sagte einmal über den Künstler: »Bob ist überhaupt nicht authentisch. Er ist ein Plagiator, und sein Name und seine Stimme sind falsch. Alles an Bob ist eine Täuschung.«

Seine Dankesrede für den Literaturnobelpreis 2017, die er erst lange nach der ursprünglichen und von ihm geschwänzten Preisverleihung hielt, soll er aus einer Interpretationshilfe für Schüler abgepaust haben.

Dem Vermächtnis des teilweise als »Shakespeare seiner Generation« genannten Musikers hat das nie geschadet. »Dylan war ein Revolutionär. So wie Elvis deinen Körper befreite, befreite Bob deinen Geist«, sagte einmal Bruce Springsteen über den Songpoeten. In der Rock ’n’ Roll Hall of Fame in Cleveland heißt es über ihn: »Bob Dylans Einfluss auf die Musik ist unermesslich«.

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