Geburtstag

Bob Dylan wird 85: Genie, Grenzgänger und niemals greifbar

Bob Dylan Foto: picture alliance / Everett Collection

Timothy Chalamet mag sie offenbar: komplexe, irgendwie unsympathische und doch hinreißende Figuren. Was der Schauspieler in Marty Supreme auf die Spitze getrieben hat, hatte sich in seiner vorherigen Glanzrolle schon angedeutet: Sein Bob Dylan war kantig, schnoddrig - und großartig. Passend zu jenem Dichter, der seinen Literaturnobelpreis - den ersten überhaupt für einer Songwriter - nicht persönlich abgeholt hat. Zu Dylans 85. Geburtstag am 24. Mai bleibt die Faszination ungebrochen.

Aufgewachsen in einer liberal-jüdischen Familie, wollte schon der junge Robert Allen Zimmerman vor allem eines: singen und Gitarre spielen. Umso deutlicher wurde ihm dies mit 16 Jahren: Drei Tage, nachdem er ein Konzert von Buddy Holly besucht hatte, starb der »Peggy Sue«-Sänger bei jenem Flugzeugabsturz, der den »Day the Music Died« begründete (den Tag, an dem die Musik starb). Der Student Zimmerman befasste sich mit dem Bürgerrechtler Woody Guthrie, dem er den »Song for Woody« widmen sollte, und entdeckte den Folk für sich.

Der Rest ist Geschichte, könnte man an dieser Stelle sagen: Eher zufällig wurde der Dichter Dylan Thomas zu seinem Namenspatron, wie der Musiker später verriet. Offiziell nennt sich Zimmerman seit 1962 Bob Dylan. Ihn begeisterten die Beatniks, vor allem die Motive des Romans »Unterwegs« (1957) von Jack Kerouac. Dieser Roman gilt bis heute als Manifest der Bewegung und als stilbildend für eine ganze Epoche. Der Erzähler schildert seinen Roadtrip mit Dean Moriarty - Vorbild für zahlreiche Lieder, Roman- und Filmfiguren.

Bob Dylan singt im August 1963 mit Joan Baez.Foto: picture alliance / Everett Collection
Aufbruch und Umbruch

Die berühmte Frage in Dylans vielleicht bekanntestem Song (1965) lehnt sich direkt an diese Geschichte an: Wie fühlt es sich an, ohne ein Heim zu sein, wie ein völlig Unbekannter, wie ein rollender Stein? Das Gefühl von Rast-, Ruhe- und Haltlosigkeit ist einerseits zeitlos. Gerade junge Menschen erleben es wohl in allen Generationen. Andererseits prägte es die 1960er Jahre eben besonders - Aufbruch und Umbruch waren allgegenwärtig.

Schon zuvor war der Songwriter zur Ikone wider Willen geworden. »Like a Rolling Stone« markiert gewissermaßen Dylans Übergang vom Folk zum Blues. »Blowin‘ in the Wind« (1963), das auf einem alten Gospelsong beruht, prägt bis heute das Genre der Protestsongs. Und gerade weil der Text der Hippie-Hymne »The Times They Are A-Changing« (1964) eher allgemeingültige Ratschläge gibt wie den, nicht zu kritisieren, was man nicht verstehe, wird sie wohl immer wieder gecovert und - auch von Dylan selbst - aufgeführt.

Konzerte des eigenwilligen Idols sind allerdings ein Wagnis. Schon seit einigen Jahren gilt ein striktes Handyverbot. So könnte zwar ein intensiveres Live-Erlebnis möglich werden - doch auch leidenschaftlichen Fans kann es passieren, dass sie Songs kaum wiedererkennen, dass die großen Hits fehlen, dass sich der Maestro weitgehend hinter dem Piano verschanzt oder schlicht schon bald keine Lust mehr hat. Bis heute entzieht sich dieser Künstler jeder Erwartung, jeder Festlegung. Unberechenbarkeit als Erfolgsrezept.

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Höchste Ebenen

Dem Mythos tut dies keinen Abbruch - im Gegenteil. Vor dem Literaturnobelpreis erhielt Dylan bereits zwei Ehrendoktortitel, einen Golden Globe, einen Oscar, einen Pulitzer-Sonderpreis sowie die Freiheitsmedaille des US-Präsidenten, eine der höchsten Auszeichnungen des Landes.

Auch Gottesdienste mit seinen Songs finden immer wieder statt - mit reichlich Material: Mehr als 500 Lieder und 40 Alben hat Dylan in den vergangenen 65 Jahren geschrieben und herausgebracht. 2005 verfilmte Martin Scorsese sein Leben als Doku, 2019 gab es ein Muscial.

Als Idol und Protestführer habe er sich nie gefühlt, betont der Musiker, der 1979 zum Christentum konvertierte. Er spielte zwar vor mehreren Päpsten - gibt sich mitunter aber auch ganz bodenständig. Zum Beispiel bei der Frage nach dem Älterwerden: »Junge Leute können leidenschaftlich sein. Ältere Menschen müssen weiser sein. Du bist schon eine Weile dabei, also überlässt du bestimmte Dinge der Jugend. Versuch nicht so zu tun, als wärst du jung. Du könntest dich wirklich verletzen.«

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