Der Raum, in dem es um die Zukunft Theresienstadts geht, stammt aus einer lange vergangenen Zeit: Das königlich-kaiserliche Offizierskasino war hier Ende des 18. Jahrhunderts untergebracht, die hohen Decken und die Balkone mit den Logen sind kunstvoll bemalt, die Wände mit goldenen Stuck-Ornamenten überzogen. Josephine und Barbora beugen sich über einen Laptop-Bildschirm: Sie studieren Architektur in Dresden und Prag. Hier entwickeln sie Ideen dafür, was aus Theresienstadt werden könnte - jener alten Festungsstadt, die unter den Nazis Gestapo-Gefängnis und Konzentrationslager war und heute eine tschechische Stadt mit rund 2.000 Einwohnern ist.
»Terezín: Vision 2050« heißt das Lehr- und Forschungsprojekt, an dem die Technische Universität Dresden beteiligt ist, die Universitäten aus Prag und Liberec, das Technion aus Haifa in Israel und das MIT in Boston. Initiator ist Ivan Nemec: Der Fotograf engagiert sich seit acht Jahren ehrenamtlich für Terezín, wie die Stadt auf Tschechisch heißt. »Die Stadt braucht eine Erneuerung«, sagt Ivan Nemec, »und wir suchen nach möglichen Antworten.«
140.000 Menschen durchliefen bis 1945 das Ghetto
Theresienstadt wurde im 18. Jahrhundert von der habsburgischen Armee angelegt: mächtige Festungsmauern, im Innern Kasernengebäude und Offiziershäuser, in der Mitte ein Marktplatz mit Rathaus und Kirche. Die Nazis erkannten, wie gut sich diese Anordnung für ihre Zwecke missbrauchen ließ. Juden aus dem ganzen Land wurde hierher deportiert, Theresienstadt war ein Durchgangslager mit Hinrichtungsplatz und brutalem Gestapo-Gefängnis. Um die 140.000 Menschen durchliefen bis 1945 die Hölle von Theresienstadt, Zehntausende starben an Krankheit und Misshandlungen oder wurden hingerichtet, die meisten weitertransportiert in die Vernichtungslager.
Heute ist Terezín eine bewohnte Stadt. Und Ivan Nemec hat Professoren und Studierende wie Josephine und Barbora zusammengebracht, die sich vor Ort umschauen sollen, Inspiration suchen und sich überlegen, wie der Spagat zu schaffen sein könnte zwischen dem würdigen Gedenken auf der einen Seite und dem Alltag der heutigen Theresienstädter.
In der »Kleinen Festung«, einem abgeschiedenen Teil der Stadt, ist seit Jahrzehnten eine Gedenkstätte untergebracht, die an das einstige Gestapo-Gefängnis erinnert. Aber was kann aus der »Großen Festung« werden - jenem Teil Theresienstadts, in dem einst die Juden zusammengepfercht wurden und in dem sich heute das alltägliche Leben abspielt, mit Kneipen, kleinen Lebensmittelgeschäften, einer Schule?
Wie kann eine solche Stadt die Zeit überdauern?
Die Dresdner Architektur-Professorin Angela Mensing-de Jong deutet mit ausgreifender Geste über den alten Exerzierplatz in der Mitte der Stadt: »Eigentlich«, sagt sie, »ist das ein viel zu weites Kleid für eine normale Stadt.« Der Platz wirkt ebenso überdimensioniert wie fast alles hier: die einsturzgefährdete Dresdner Kaserne, das verfallende Krankenhaus, der einstige Reitstall. »Unsere Frage ist: Wie kann diese Stadt, die als Idealstadt für ihren militärischen Zweck angelegt wurde, die Zeit überdauern? Wie kann man sie heute passend machen für andere Nutzungen?«, sagt Mensing-de Jong.
Im früheren Offizierskasino am alten Exerzierplatz skizzieren die Studierenden jetzt erste Ideen. »Schauen Sie mal«, ruft Josephine aus Dresden und deutet auf den Laptop, auf dem sie mit ihrem Team gerade an einer Visualisierung arbeitet. Die wehrhafte Backsteinmauer ist darauf zu sehen, die einmal um die ganze Stadt herumführt, flankiert von einem weiten Graben. »In diesem Graben wollen wir Sportanlagen einrichten. Hier sehen Sie schon Leute, die Yoga machen«, sagt sie mit Blick auf die entstehende Fotomontage.
Daneben zeichnen sie einen Sportplatz mit Toren und Körben zwischen die Festungsmauern. »Unsere Idee haben wir ‚Healing of Terezin‘ genannt«, erklärt Josephine - »und das meinen wir im doppelten Wortsinne. Wir wollen die Stadt heilen und auch die Besucher, die hierherkommen.« Das alles sind erste Ideen, die jungen Leute gehen zurück an die Uni, über mehrere Semester hinweg werden sie sich mit Terezín beschäftigen.
Spagat zwischen Gedenken und Weiterleben
Wie normal aber kann das Leben sein in einer Stadt mit der Vergangenheit von Theresienstadt? »Genau darauf wollen wir Antworten suchen«, sagt Ivan Nemec, der Fotograf und Initiator. Die alte Festungsstadt könnte zu einer Art Pilotprojekt werden, hofft er: »Es gibt auf der Welt viele Orte, die Spuren von Verbrechen tragen, Spuren von Katastrophen der Menschheit. Die Ideen und Modelle, die wir hier entwickeln, können dann vielleicht auch anderswo funktionieren.«
Es ist der Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Gedenken und Weiterleben, der hier gelingen soll. Für Theresienstadt hat die tschechische Regierung bereits Geld zugesagt - jetzt braucht es nur noch die zündenden Ideen. epd