Ein Vierteljahrhundert später weiß ich noch alles von diesem verdammt-verfluchten 11. September 2001. Das erste Flugzeug schlug viertel vor neun Uhr morgens in den nördlichen der Zwillingstürme in New York ein. In Berlin, wo ich lebte, war es früher Nachmittag. Ich war damals Redakteur der »Literarischen Welt«; mein Chef Elmar Krekeler – der beste, den ich je hatte – schaute mich an, ich schaute zurück. Wir hatten eine ganz lustige Ausgabe geplant, spätsommerlich und leicht; Elmar sagte: »Ich glaube, unsere Titelgeschichte können wir wegwerfen.«
Eine Viertelstunde später flog dann das zweite Flugzeug in den Südturm. Jeder kennt die Bilder. Der Rauch mit der Teufelsfratze darin. Die springenden Menschen. Mich würgte etwas. Elmar Krekeler neben mir sagte: »Wir können unsere ganze Ausgabe in die Tonne treten.« Es wurde ein sehr langer, sehr arbeitsreicher Tag. Wir riefen wild Autoren an, bestellten ein halbes Dutzend Texte. Der 11. September war ein Dienstag. Spätestens am Donnerstagabend mussten wir mit unserer Zeitungsbeilage fertig sein.
Heißhunger auf Suppe
Ich wohnte damals im Prenzlauer Berg. Es war zehn Uhr abends, als ich mich auf den Weg nach Hause machte. Ich war müde, ich war traurig. Auf dem Weg von der U-Bahn zu meiner Wohnung hatte ich plötzlich Heißhunger auf Suppe. Gulaschsuppe! Ich fand eine Kneipe. Auf dem Bildschirm über dem Tresen hetzten in Endlosschleife die Bilder vom Weltuntergang; zwischendurch Kommentare fürchterlicher Bescheidwisser. Ich bestellte. Irgendwann begann die Übertragung eines Fußballspiels, die halbe Kneipe zog ins Nebenzimmer um. War ich allzu empfindlich, oder lag da so etwas wie Aggression in der Luft? Nach dem Motto: Was geh’n uns diese Toten da in Manhattan an! Sind ja doch nur Amis! Verfluchte Amis! Wir wollen Fußball! Fußball wollen wir! Tor! Al-Qaida hat ein Tor geschossen! Toooor!
Neben mir am Tresen zückte ein Mann sein Handy. Er sprach sehr laut, beinahe schrie er: »Daran ist ja nur Netanjahu schuld, dieser Verbrecher«, brüllte er in sein Gerät. »Diese Israelis glauben jetzt, sie können sich alles erlauben! Überhaupt, es würde mich nicht wundern, wenn Netanjahu dahintersteckt!« Mir schmeckte meine Suppe nicht mehr, ich zahlte und ging. Ein Irrer, dachte ich. Nicht allzu viele Gedanken daran verschwenden.
Aber in den Wochen, den Monaten nach dem 11. September wurde die Stimme des Mannes am Tresen neben mir immer dominanter. Das ist heute fast vergessen: Nach dem 11. September erschienen in Deutschland gleich drei Bestseller, in denen rabenschwarz auf blütenweiß zu lesen war, der Mossad habe die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon eingefädelt.
Der Angriff galt New York als multiethnischer und multireligiöser Stadt.
Wenn man vor einem Vierteljahrhundert mit Arabern redete, bekam man häufig Folgendes zu hören: Erstens, wir waren das, und die verdammten Amis haben es auch nicht anders verdient. Zweitens: Nein, wir waren das nicht. Glaubst du im Ernst, wir Araber wären in der Lage, so etwas zu planen? Wir sind doch viel zu blöd dafür. Es müssen die Juden gewesen sein.
Ich gebe zu, dass ich nach dem 11. September 2001 vorübergehend islamophob wurde. Eine Trotzreaktion auf die vor allem unter deutschen Intellektuellen weit verbreitete Aufforderung zur verschärften Koranlektüre. Man müsse die Muslime auch verstehen, hieß es. Das seien Ausgebeutete und Unterdrückte, die ihre Gründe gehabt hätten, nahezu 3000 Menschen in den USA umzubringen.
Überhaupt: Hatten die US-amerikanischen Imperialisten nicht selbst Verbrechen begangen? Hatte George W. Bush in einem unbedachten Moment nicht sogar von einem Kreuzzug gesprochen? Dabei verwenden Amerikaner das Wort »crusade« ziemlich unbefangen für alles und jedes; schließlich gab es die Vereinigten Staaten zur Zeit der Kreuzzüge noch gar nicht. Und die erste Reaktion des amerikanischen Präsidenten auf den Terrorangriff war, dass er seine Schuhe auszog, eine Moschee in Washington besuchte und Hass auf Muslime als unamerikanisch verdammte.
Muslimen das Leben retten
Nebenbei bemerkt: Die amerikanischen Streitkräfte hatten das Jahrzehnt vor dem 11. September in der Hauptsache damit verbracht, rund um den Erdball zu jetten und Muslimen das Leben zu retten. Im Golfkrieg von 1991 ging es darum, die Kuwaitis – sunnitische Araber – von der Okkupation durch Saddam Husseins Soldateska zu befreien. Später richteten die Amerikaner Flugverbotszonen im Nord- und Südirak ein, damit Saddam nicht die Kurden und Schiiten ausrottete. Bei der militärischen Intervention in Somalia ging es darum, Muslime vor dem Hungertod zu bewahren. Die 90er-Jahre endeten damit, dass die Amerikaner Serbien bombardierten, damit Slobodan MiloŠević die (muslimischen) Bosniaken und die (muslimischen) Kosovaren in Ruhe ließ.
Zwischendurch setzten die Amerikaner sich unter Bill Clinton noch für den Friedensprozess in Oslo ein, der den Palästinensern zu einem Nationalstaat an der Seite Israels verhelfen sollte. Die Quittung für all diese Bemühungen: Massenmord in Manhattan.
Heute, 25 Jahre später, ist New York meine Heimatstadt geworden. Manchmal besuche ich das ergreifende Monument für die Opfer des 11. September, das der israelische Architekt Michael Arad entworfen hat. Just da, wo die Zwillingstürme standen, klaffen zwei quadratische Löcher in der Erde, über die ununterbrochen Wasser nach unten stürzt. Auf Bronzeplatten sind die Namen aller Opfer eingestanzt. Zwischen den Buchstaben stecken häufig Blumen. Es sind englische Namen, hispanische Namen, jüdische Namen, deutsche Namen und, jawohl, auch arabische Namen. Die Mörder machten keine Unterschiede, und ihr Angriff galt New York als multiethnischer und multireligiöser Stadt.
Der Anblick des Strampelanzugs eines Babys, das in einem der Flugzeuge saß, raubt mir den Verstand
Das Museum, das gleich nebenan liegt, habe ich nur genau ein Mal besucht. Es ist ganz ausgezeichnet, nur kann ich es leider nicht aushalten. Der Anblick des Strampelanzugs eines Babys, das in einem der Flugzeuge saß, die von den Terroristen in Massenvernichtungswaffen verwandelt wurden, raubt mir den Verstand.
Als Präsident Obama im Mai 2011 vor die Kameras trat und verkündete, amerikanische Elitesoldaten hätten Osama bin Laden eine Kugel in den Kopf verpasst, war ich zufällig mit meiner Familie in Jerusalem. Ich habe damals nicht gejubelt, verspürte aber doch eine Art grimmige Befriedigung.
Seit zehn Jahren habe ich allerdings angefangen, darüber nachzudenken, ob die Terroristen, die diese Anschläge verübt haben, vielleicht nicht nur tollwütige Wölfe, sondern außerdem noch Giftschlangen waren. Ob sie Amerika nicht nur verwundet, sondern auch infiziert haben.
Nach dem 11. September war häufig von »regime change« in der arabischen Welt die Rede. Den hat es gegeben, nur leider nicht bei den Arabern, sondern bei uns, hier in Amerika. Am 6. Januar 2021 drang ein Lynchmob ins Kapitol in Washington ein, um einen rechtsradikalen Präsidenten an der Macht zu halten, der eine demokratische Wahl verloren hatte. Es gab Verwundete. Es gab Tote.
»Nur wenige kulturelle Gemeinsamkeiten verbinden die gewalttätigen Extremisten im Ausland mit den kulturellen Extremisten zu Hause. Aber in ihrer Verachtung des Pluralismus, ihrer Missachtung von Menschenleben, ihrer Entschlossenheit, nationale Symbole zu schänden, sind sie Kinder desselben verrotteten Geistes.« Das sagte kein woker Universitätsprofessor, das waren die Worte von George W. Bush bei einer Gedenkveranstaltung zum 11. September. Und natürlich hatte er recht.
Manchmal ertappe ich mich bei einem düsteren Gedanken: Am 11. September verwandelten Troglodyten vom anderen Ende der Welt (Die al-Qaida-Terroristen versteckten sich buchstäblich in Höhlen.) Zentren der amerikanischen Macht in Schutt. Als Antwort führte Amerika zwei Kriege – und verlor. (Im Moment sind wir außerdem dabei, den Krieg gegen die Mullahs im Iran zu verlieren.) Vielleicht war das eine Demütigung, die Amerika seelisch nicht verkraften konnte, deshalb setzte sie enorme Selbstzerstörungskräfte frei. Im Moment haben wir eine Regierung, die planmäßig alles demontiert, was Amerikas Größe ausmacht, vielleicht irreparabel.
Vielleicht war das eine Demütigung, die Amerika seelisch nicht verkraften konnte.
Die schreckliche Ironie dabei ist, dass es eine Parallele dazu ausgerechnet in der islamischen Geschichte gibt. Im Hochmittelalter war der Islam ohne Zweifel die fortgeschrittenste Zivilisation. Geniale Baumeister, wunderbare Künstler, großartige Mathematiker. Alle Gestirne, die man mit bloßem Auge sehen konnte, wurden von islamischen Astronomen benannt. In Baghdad entstand das »Haus der Weisheit«, die erste Universität der Geschichte mit angeschlossenem Forschungskrankenhaus. Dann kamen die Mongolen. Dann ging al-Andalus verloren. Und die tief traumatisierten Araber beschlossen, sich künftig dem intellektuellen Fortschritt zu verweigern. Mathematik galt nun als teuflisch, die großen islamischen Aufklärer als Häretiker. Die Folge: Die islamische Welt versank in Stumpfsinn und Stagnation.
Wird Amerika denselben Weg gehen? An diesem 25. Jahrestag des 11. September bete ich, dass ich mit meinen düsteren Ahnungen komplett auf dem Holzweg bin.