Am 4. Mai 2023 gab die israelische Botschaft in Abu Dhabi ihren ersten Empfang zum Jom Haazmaut, Israels Unabhängigkeitstag. Neben diplomatischem Personal und Mitgliedern der emiratischen jüdischen Gemeinde machten auch der Staatsminister Ahmed bin Ali al-Sayegh und Amir Hayek, der Botschafter Israels in den Emiraten, ihre Aufwartung. Auf die obligatorischen Reden und Hors d’Œuvres folgte eine künstlerische Darbietung, die später über soziale Medien verbreitet wurde: Der emiratische Sänger Ahmed Al-Hosni und die Israelin Nicole Raviv trugen ihre jeweiligen Nationalhymnen vor. Es war das erste Mal, dass die »Hatikva« bei einem offiziellen politischen Anlass in den Emiraten gesungen wurde.
Botschafter Hayek beschrieb die Beziehungen zwischen beiden Ländern in der Sprache der Internetwirtschaft als Verwandlung eines Start-ups in ein Einhorn. Man sei dabei, so fügte er hinzu, eine bessere Welt für die kommenden Generationen aufzubauen.
Zwischen 2020 und 2023 besuchten mehr als eine Million Israelis die Emirate
Zwischen 2020 und 2023 besuchten mehr als eine Million Israelis die Emirate. 2023 wuchs kein Markt für den Dubaier Tourismus schneller als der israelische. Allein in den ersten beiden Monaten kamen rund 85.000 Gäste, ein Plus von 212 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Manche blieben sogar, gründeten Firmen, schickten ihre Kinder in die neue jüdische Schule. Für einen israelischen Pass, der in den meisten Nachbarstaaten nichts galt, wurde Dubai förmlich über Nacht zu einem Reiseland ohne Angst.
Als erstes arabisches Land nahmen die Emirate den Holocaust in die Lehrpläne auf.
Am 15. September jährt sich die Unterzeichnung der Abraham-Abkommen zum sechsten Mal. 2020 nahmen Israel, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain in Washington diplomatische Beziehungen auf, Marokko und der Sudan folgten später. Dass die von der ersten Trump-Administration vermittelte Normalisierung den Erschütterungen der vergangenen Jahre standhielt, überraschte manche.
Nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 wurde sie einer Belastungsprobe nach der anderen ausgesetzt: dem Krieg gegen die Hamas in Gaza und die Hisbollah im Libanon, den Drohnen- und Raketenangriffen des Iran, die auch die Golfstaaten trafen, darunter die Emirate, mit Toten in Abu Dhabi und einem Hotelbrand in Dubai. In Marokko demonstrierten Tausende gegen die Normalisierung zwischen Rabat und Jerusalem. Bahrain zog seinen Botschafter zeitweise ab. Saudi-Arabien, das kurz vor einem eigenen Ausgleich mit Israel gestanden hatte, machte die Gründung eines palästinensischen Staates zur Vorbedingung weiterer Schritte. Doch die Abkommen wurden nicht aufgekündigt.
»Ernsthafte und schwere Eskalation«
Am deutlichsten hielten die Emirate Kurs. Schon am 8. Oktober 2023 nannte ihr Außenministerium die Angriffe der Hamas eine »ernsthafte und schwere Eskalation« und zeigte sich »entsetzt« über die Entführung israelischer Zivilisten. Abu Dhabi kritisierte Israel mit der Dauer des Krieges schärfer, doch flydubai steuerte weiterhin den Flughafen Ben Gurion an.
Die erste Normalisierung – die zwischen den Regierungen – hat sich damit vorerst bewährt. Die zweite betrifft das alltägliche Leben. Dieses lässt sich in Dubai besser beobachten als irgendwo sonst in der arabischen Welt. Denn hier lebt die Mehrheit der Juden der Emirate.
Anders als Bagdad, Aden oder Casablanca besaß Dubai keine bedeutende historische jüdische Gemeinde. Jüdische Händler zogen über Jahrhunderte durch die Region, doch hinterließen sie keine tiefen Spuren. Deshalb gab es auch keine Erinnerung an eine im 20. Jahrhundert nach der Gründung Israels vertriebene jüdische Bevölkerung. Was in Dubai entstand, so der World Jewish Congress, war die erste neue jüdische Gemeinde in der arabischen Welt seit mehr als einem Jahrhundert.
Deren Anfänge lagen in Privatwohnungen, wo sich Juden seit den späten 2000er-Jahren zum Gebet und zum sozialen Austausch einfanden. Ab 2014 waren es bereits genug für einen regelmäßigen Minjan. 2019 gab sich eine der Gemeinden eine Verfassung und wählte den südafrikanischen Anwalt Ross Kriel zum Präsidenten. Der Chabad-Rabbiner Levi Duchman kam Mitte der 2010er-Jahre nach Dubai, um Schritt für Schritt eine jüdische Infrastruktur aufzubauen. Wie karg der Anfang war, beschreibt er in deutlichen Worten: »Wer koscher essen wollte, brachte seine Speisen im Koffer mit. Wer eine Mikwe brauchte, ging ins Meer. Wer die Kinder jüdisch bilden wollte, tat es über das Internet.«
Zugezogene aus Europa, Nordamerika, Israel und Russland
Wie viele Juden heute in den Emiraten leben, ist schwer zu sagen. Die Schätzungen reichen von einigen Hundert bis zu mehreren Tausend. Die meisten sind Zugezogene aus Europa, Nordamerika, Israel und Russland, darunter Unternehmer, Finanzleute und Diamantenhändler. Es gibt heute jüdische Bildungseinrichtungen, koschere Restaurants und Cateringdienste. Ende 2022 eröffnete in Dubai mit dem »Rimon Market« der erste koschere Supermarkt der Golfregion.
Für die Kinder dieser Gemeinschaft ist jüdisches Leben in Dubai Normalität, etwas, das für die Elterngeneration kaum vorstellbar war. Sie wachsen mit jüdischer Schule, koscherem Essen und Gottesdiensten auf. Bei der Einweihung der Synagoge in Abu Dhabi erinnerte Kriel daran, wie schnell der Wandel sich vollzog: »Vor zehn Jahren trafen wir uns in meinem Wohnzimmer, jetzt können wir hier zusammenkommen.« Die Synagoge befindet sich im Abrahamic Family House in Abu Dhabi, einem 2023 eröffneten Komplex, der auch eine Kirche und eine Moschee beherbergt. Sie ist der einzige eindeutig staatlich anerkannte jüdische Gebetsort des Landes.
Die Beziehungen der Gemeinde zum Herrscherhaus reichten weiter zurück. Schon 2019 ließen die Juden der Emirate eine Torarolle anfertigen und überreichten sie dem damaligen Kronprinzen Mohammed bin Zayed als Dank für die Duldung und Förderung jüdischen Lebens.
Wie sehr diese Normalität von der gebotenen Sicherheit abhängt, zeigte sich nach dem 7. Oktober. Die informellen Gebetsorte in Dubai wurden geschlossen, während die staatlich anerkannte Synagoge in Abu Dhabi geöffnet blieb, weil der Staat sie sichern konnte. Im November 2024 folgte ein weiterer Schlag. Zvi Kogan, ein 28 Jahre alter Chabad-Rabbiner, der den Rimon Market betreute, wurde entführt und ermordet. Seine Leiche fand man später bei Al Ain an der Grenze zu Oman. Ein emiratisches Gericht verurteilte im März 2025 drei Männer mit usbekischer Staatsbürgerschaft wegen terroristisch motivierten Mordes zum Tode.
»Wunder in der Wüste«
Auch dieses Verbrechen bewog die Gemeinde nicht, dem Land den Rücken zu kehren. Kriel nannte den Mord eine persönliche Tragödie für die Familie Kogan und die Gemeinde, aber keine Bedrohung für die Juden der Emirate. Er hoffe, die Tat treibe den Aufbau erst recht an. Der Filmemacher Tom Gallagher, der die Gemeinde für seinen Dokumentarfilm Amen begleitet hatte, sagte, ihre Entstehung sei ein »Wunder in der Wüste« gewesen, und niemand wolle dieses Wunder sterben sehen.
Der Staat behandelte den Mord nicht als Konflikt zwischen Juden und ihren Gegnern, sondern als Angriff auf seine eigene Ordnung. Diese Ordnung beruhte nicht auf Wohlwollen allein. Die Emirate verboten die als terroristische Organisation eingestufte Muslimbruderschaft. Ihren einheimischen Ableger Al-Islah zerschlugen sie in den 2010er-Jahren durch Verhaftungen und Prozesse. Sie bekämpften den politischen Islam, weil er ihre Herrschaft bedrohte. Dass davon auch die jüdische Gemeinde profitierte, war ein Nebeneffekt.
Religiöse Liberalisierung verbanden die Emirate mit strikter politischer Kontrolle. Seit 2023 gilt für Nichtmuslime ein Personenstandsrecht, das zivile Ehe und Scheidung ermöglicht. Als erstes arabisches Land nahmen die Emirate den Holocaust in die Lehrpläne auf. Die Öffnung endet jedoch, wo Religion politisch wird. Missionieren unter Muslimen ist strafbar, religiöse Gemeinschaften dürfen sich nicht politisch betätigen, organisierter Protest wird nicht geduldet.
Die Öffnung der Gesellschaft endet, wo Religion politisch wird.
Bleibt die dritte Normalisierung – die in den Köpfen. Schon 2020 war die Haltung der Emiratis gespalten. 47 Prozent bewerteten die Abraham-Abkommen positiv, 49 Prozent negativ. Drei Jahre später sahen nur noch 27 Prozent ihre regionalen Wirkungen positiv. Diplomatische Normalisierung erzeugt nicht automatisch gesellschaftliche Zustimmung.
Für Dubai sagen solche Umfragen ohnehin wenig, denn befragt wurden nur Staatsbürger, während die große Mehrheit der Einwohner aus dem Ausland stammt. In einer Stadt mit Menschen aus mehr als 100 Nationen gibt es keine einheitliche Meinung zu Israel. Ein amerikanischer Geschäftsmann mit langer Bindung an die Emirate brachte die Ambivalenz auf den Punkt: Die Führung sei ihrem Volk weit voraus. Dieses habe nach dem 7. Oktober große Sympathie für die Palästinenser gezeigt, und bei so vielen Nationalitäten stünde der Lehrplan der Schulen nicht immer im Gleichklang mit der staatlichen Toleranz. Die Botschaft der Führung aber sei aufrichtig gemeint.
Diplomatie, Handel, Flugverbindungen, Gebetsorte, gemeinsame Feiern und Schulen
Die Emirate warten nicht darauf, dass ihre Bevölkerung für dauerhafte Beziehungen mit Israel bereit ist. Zuerst kommen Diplomatie, Handel, Flugverbindungen, Gebetsorte, gemeinsame Feiern und Schulen. Die Zustimmung soll den Tatsachen nachwachsen, anstatt ihnen vorauszugehen. Ob das gelingt, wird sich weniger an diplomatischen Erklärungen zeigen als an der jüdischen Generation, die gerade in Dubai heranwächst.
Ob die »Generation Golf« eines Tages keinen besonderen Schutz mehr brauchen wird, weil ihre Anwesenheit selbstverständlich geworden ist, oder ob die Normalität eine Episode bleibt, wird sich zeigen. Das Start-up, von dem der Botschafter so hoffnungsvoll sprach, ist noch kein Einhorn. Aber kostbar und selten ist es dennoch.