Schweiz

Neues Holocaust-Memorial in Bern

Die Gedenkstätte erstreckt sich über die Casinoterrasse inmitten der Berner Altstadt Foto: ASA+SAGA, Jannik Giger, Schürch&Koellreuter, Rahel Zaugg

Eine Minute ist nicht viel. Wer 60 Meter zu Fuß zurücklegt, braucht kaum länger. In Bern soll diese Minute künftig eine andere Bedeutung bekommen. Auf der Casinoterrasse, unweit des Bundeshauses, entsteht ein neuer Erinnerungsort für die Opfer des Nationalsozialismus. Sein auffälligstes Element wird eine 60 Meter lange Metallwand sein. Sie soll die Schweizer Grenze darstellen – allerdings nicht als gerade Linie, sondern in Falten gelegt.

»Unfolded minute« lautet der Name des Siegerprojekts, das Bundesrat Ignazio Cassis und die Berner Stadtpräsidentin Marieke Kruit am Dienstag an einer Pressekonferenz präsentierten. Bis Ende 2027 soll es realisiert werden, bereits 2023 entschied der Schweizer Bundesrat, einen Erinnerungsort für die Opfer der Nazi-Zeit zu bauen.

Zuvor wurde es in zwei einstimmig angenommenen parlamentarischen Motionen vorgeschlagen. Die Gestaltung der Gedenkstätte stammt von einem interdisziplinären Team aus Historikerinnen, Architektinnen und Kunstschaffenden. Der Entwurf setzte sich in einem internationalen Wettbewerb gegen zehn weitere Projekte durch.

Die Faltung ist nicht nur eine ästhetische Entscheidung. Sie verweist auf eine Grenze, die während der nationalsozialistischen Herrschaft für viele Menschen zur tödlichen Realität wurde. Jüdinnen und Juden und andere Verfolgte suchten in der Schweiz Schutz. Manche wurden aufgenommen, die meisten jedoch zurückgewiesen.

Jüdische Flüchtlinge gerettet an Schweizer Grenze

Wer an der Grenze abgewiesen wurde, konnte den nationalsozialistischen Verfolgern erneut in die Hände fallen. Das wussten die Schweizer Behörden. Viel dagegen wurde nicht unternommen. Dass der sichere Tod hinter der Schweizer Grenze lauerte, war bekannt. Der Einzige, der sich mit größtem Einsatz für jüdische Flüchtlinge an der Grenze einsetzte, war der St. Galler Polizeikommandant Paul Grüninger.

Zwischen 1938 und 1939 ließ er trotz der geltenden Grenzsperre mehrere hundert jüdische und andere Flüchtlinge ins Land. Um sie zu schützen, manipulierte er Einreisedaten und setzte sich über Weisungen aus Bern hinweg. Dafür wurde er 1939 fristlos entlassen und 1940 wegen Amtspflichtverletzung und Urkundenfälschung verurteilt. Erst Jahrzehnte später wurde Grüninger rehabilitiert: 1993 politisch, 1995 auch juristisch.

Seine Geschichte zeigt, dass die Grenze nicht nur von staatlichen Regeln geprägt wurde, sondern auch von den Entscheidungen einzelner Menschen. In Diepoldsau, wo das zusätzlich geplante Vermittlungszentrum des Schweizer Memorials entstehen soll, half Grüninger gemeinsam mit anderen, Flüchtlinge aufzunehmen. Sein Beispiel gehört deshalb zu jener Erinnerung, die neben Versagen und Ausgrenzung auch den Mut zum Handeln sichtbar machen will.

Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg

Das Memorial erinnert an die sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden ebenso wie an die zahlreichen weiteren Opfer des NS-Regimes. Gleichzeitig nimmt es die Rolle der Schweiz während dieser Zeit in den Blick: ihre Flüchtlingspolitik, die Entscheidungen an der Grenze und die Menschen, die trotz der damaligen Politik Verfolgten halfen.

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Die geplante Gedenkstätte will dabei kein Ort des stillen Erinnerns sein. Entlang der Anlage ist eine Klanginstallation vorgesehen. Biografien von Opfern sollen vermittelt werden, digitale Angebote zusätzliche Informationen liefern. Ein Forum auf der Casinoterrasse soll Raum für Veranstaltungen, Führungen und Angebote für Schulklassen schaffen.

Bei der Präsentation betonte Cassis, dass wer die Schwächsten ausgrenze, die gesamte Gemeinschaft schwäche: »Unsere Verfassung sagt es ganz klar: ›Die Stärke der Gemeinschaft misst sich am Wohlergehen ihres schwächsten Mitglieds.‹« Der Bundesrat verwies dabei auf die Verantwortung einer Gesellschaft gegenüber den Schwächsten. Erinnerung müsse dazu beitragen, Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit auch in der Gegenwart zu verteidigen.

Bern als Zentraler Erinnerungsort

Auch für den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) ist die Auswahl des Projekts ein wichtiger Schritt. Der SIG gehört zu den Initianten des Schweizer Memorials; sein Präsident Ralph Friedländer war Mitglied der Wettbewerbsjury.

Das zudem in Diepoldsau geplante Vermittlungszentrum und ein gesamtschweizerisches Netzwerk, das bestehende Erinnerungs- und Bildungsangebote miteinander verbinden soll, wollen die Geschichte der Flucht während der NS-Zeit und der Schweizer Flüchtlingspolitik im damaligen Grenzraum vermitteln. Bern wiederum soll der zentrale Erinnerungsort sein. Dass dieses Projekt in unmittelbarer Nähe des Bundeshauses steht, hat seine Absicht: Die Geschichte der Schweizer Flüchtlingspolitik wird mitten im politischen Zentrum des Landes erzählt.

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