9/11

Suche nach Gewissheit

Insgesamt starben 2753 Menschen in den brennenden Türmen, darunter auch zahlreiche Juden. Foto: picture-alliance / dpa

9/11

Suche nach Gewissheit

Auch 25 Jahre nach dem Terror sind noch nicht alle Opfer eindeutig identifiziert. Das stellte jüdische Gelehrte vor halachische Fragen – neben dem großen Ringen um eine religiöse Erklärung für die Katastrophe

von Rabbiner Dovid Gernetz  08.09.2026 17:36 Uhr

»No day shall erase you from the memory of time.« Mit diesem übersetzten Zitat des römischen Dichters Vergil wird am Ground Zero an die Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 erinnert.

Die überdimensionalen Buchstaben wurden aus Metallresten der eingestürzten Türme gefertigt. Den Schriftzug umgibt ein blaues Meer aus Zetteln, insgesamt 2983 Stück – entsprechend der Gesamtzahl der Opfer von 9/11. Die Installation von Spencer Finch trägt den Namen »Trying to Remember the Color of the Sky on That September Morning«. Sie ist der Versuch, sich an die Farbe des Himmels an jenem Septembermorgen zu erinnern.

Vor 25 Jahren, am Morgen des 11. September 2001, wurden zwei von Al-Qaida-Terroristen entführte Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center gesteuert. 2753 Menschen starben.

Aufgrund des Ausmaßes der Zerstörung erwiesen sich die Bergungsarbeiten als äußerst schwierig

Aufgrund des enormen Ausmaßes der Zerstörung erwiesen sich die Bergungsarbeiten als äußerst schwierig. Herkömmliche Identifizierungsmethoden wie Zahn- oder Fingerabdrücke standen in den meisten Fällen nicht zur Verfügung, sodass die DNA-Analyse zu einem entscheidenden Instrument bei der Identifizierung der Opfer wurde. Die Arbeiten entwickelten sich zur größten forensischen Untersuchung in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

Die geborgenen Proben waren häufig durch Feuer, Wasser und Kerosin so stark beschädigt, dass eine herkömmliche DNA-Analyse nicht ausreichte, um ein verwertbares Profil zu erstellen. Bis heute – 25 Jahre später – konnten nicht alle Opfer identifiziert werden.

Unter den zunächst nicht Identifizierten befanden sich auch mehrere verheiratete Juden, die in den beiden Türmen des World Trade Center arbeiteten, sowie ein Passagier des Flugzeugs, das in den Nordturm stürzte. Ihre Witwen hatten nicht nur ihre Ehemänner verloren, sondern waren zugleich der Gefahr ausgesetzt, zu »Agunot« zu werden. Nach dem jüdischen Religionsgesetz darf eine Frau erst dann wieder heiraten, wenn ihr Mann sich von ihr scheiden lässt oder sein Tod eindeutig nachgewiesen ist. Ist dies nicht möglich, gilt sie noch als »aguna«, als gebunden. Was – nach all der Trauer über den schmerzhaften Verlust – auch einen Neuanfang unmöglich macht.

Die neue Technik der DNA-Profilierung wurde auch vor rabbinischen Gerichten relevant.

Die Frauen wandten sich an das Beth Din of America, ein rabbinisches Gericht, das sich daranmachte, die Fälle zu klären und den Witwen eine Wiederheirat zu ermöglichen. Aufgrund der Komplexität dieser Aufgabe und der grundsätzlichen Schwierigkeiten, die dieser Bereich der Halacha mit sich bringt, zog Rabbi Mordechai Willig, damals Vizepräsident des Beth Din of America, unter anderem Rabbi Ovadia Yosef, den ehemaligen sefardischen Oberrabbiner Israels, sowie Rabbi Zalman Nechemia Goldberg, eine renommierte halachische Autorität in Israel, hinzu.

So befasste sich Rabbi Ovadia Yosef unter anderem mit dem Fall von Eliyahu Saayeda, der im 104. Stock des Nordturms des World Trade Center tätig war. Seine Frau, Delphine Saayeda, berichtete, dass ihr Ehemann sie um 8.20 Uhr aus seinem Büro angerufen hatte, um sie zu wecken. Um 8.52 Uhr, kurz nach dem Einschlag des Flugzeugs, rief er sie erneut von seinem Mobiltelefon aus an und sagte ihr, dass die Mitarbeiter des Gebäudes evakuiert würden. Seitdem hatte sie nichts mehr von ihm gehört.

Rabbi Yosef argumentierte, dass angesichts der Tatsache, dass das Flugzeug den Nordturm zwischen dem 93. und 96. Stockwerk getroffen hatte und dort ein gewaltiges Feuer ausgebrochen war, jeder, der sich in den oberen Stockwerken befunden hatte, halachisch gesehen mit einem Menschen verglichen werden könne, der in einen brennenden Ofen gefallen sei. Für einen solchen Fall bestimmt der Talmud (Traktat Jebamot 121), dass man vom Tod des Betroffenen ausgehen und seiner Frau die Wiederheirat gestatten könne.

Die Rettungskräfte hatten keine Überlebenden aus den oberen Stockwerken gefunden

Auch wenn die Situationen nicht vollständig miteinander vergleichbar seien, könne man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass Saayeda ums Leben gekommen war, argumentierte Rabbi Yosef. Schließlich hatten die Rettungskräfte keine Überlebenden aus den oberen Stockwerken gefunden.

Auch Rabbi Zalman Nechemia Goldberg beschäftigte sich mit dem Fall von Eliyahu Saayeda. In einem späteren Schreiben informierte Rabbi Willig ihn darüber, dass ein Knochen Saayedas durch einen DNA-Abgleich mit DNA-Proben seiner Eltern identifiziert worden war.

Da die DNA-Profilierung erst in den 90er-Jahren entwickelt worden war, sahen sich die halachischen Autoritäten im Zusammenhang mit 9/11 möglicherweise erstmals mit einer grundlegenden neuen Frage konfrontiert: Kann ein DNA-Profil – unter der Annahme, dass jeder Mensch über ein einzigartiges genetisches Profil verfügt – als »Siman Muvhak«, also als eindeutiges Identifikationsmerkmal, gelten und damit ausreichen, um einer Witwe die Wiederheirat zu gestatten?

DNA-Analysen werden im Talmud und in der rabbinischen Literatur natürlich nicht behandelt. Es gibt jedoch eine Quelle aus dem 12. Jahrhundert, in der eine andere Methode der Identifizierung beschrieben wird – gewissermaßen ein möglicher Vorläufer der DNA-Analyse.

Im »Sefer Chassidim« des aschkenasischen Gelehrten Rabbi Yehuda aus Regensburg (1150–1217) wird eine interessante Begebenheit über Rabbi Saadia Gaon berichtet.

Ein Mann reiste mit seinem Diener und einem großen Vermögen ins Ausland und ließ seine schwangere Frau zurück. Als der Mann starb, bemächtigte sich der Diener des gesamten Vermögens und gab sich als Sohn des Verstorbenen aus. Jahre später, als der leibliche Sohn erwachsen war, kam er, um sein Erbe einzufordern. Er fürchtete jedoch, dass der Diener ihn töten könnte. Deshalb suchte er Rat bei Rabbi Saadia Gaon. Dieser ordnete an, beiden Anspruchstellern Blut abzunehmen und es in getrennte Schalen zu geben. Anschließend nahm er einen Knochen des verstorbenen Vaters und legte ihn zunächst in die Schale des Dieners. Das Blut wurde vom Knochen nicht aufgenommen.

Als er den Knochen anschließend in die Schale des Sohnes legte, wurde das Blut vom Knochen aufgenommen. Rabbi Saadia erklärte, dass das Blut des Sohnes gewissermaßen als Teil des Vaters betrachtet werden könne und deshalb eine besondere Verbindung zwischen beiden bestehe. Aufgrund dieses Tests sprach Rabbi Saadia dem Sohn sein rechtmäßiges Erbe zu.

Bereits in der rabbinischen Literatur findet sich eine Quelle für eine Art biochemische Methode der Identifizierung

Damit findet sich bereits in der rabbinischen Literatur eine Quelle für eine Art biochemische Methode der Identifizierung. Daraus könnte sich möglicherweise ableiten lassen, dass auch die DNA-Analyse zur Feststellung der Identität eines Menschen herangezogen werden kann.

Rabbi Zalman Nechemia Goldberg war der Ansicht, dass DNA als »Siman Muvhak«, als eindeutiges Identifikationsmerkmal, betrachtet werden könne und man sich darauf auch im Zusammenhang mit Agunot verlassen dürfe. Nach halachischen Kriterien gilt ein Merkmal als eindeutig, wenn es nur bei etwa einer von 1000 Personen vorkommt. Ein DNA-Profil erfülle diese Voraussetzung, da es einzigartig sei. Auf dieser Grundlage kam Rabbi Zalman Nechemia Goldberg zu dem Schluss, dass Delphine Saayeda die Wiederheirat gestattet werden könne.

Auch andere namhafte Rabbiner vertraten die Auffassung, dass die DNA eine äußerst verlässliche Methode zur Identifizierung eines Menschen darstellt.

Es gab jedoch auch Rabbiner, die die Aussagekraft von DNA-Ergebnissen skeptischer bewerteten. Nach Ansicht von Rabbi Shmuel HaLevi Wosner und Rabbi Nissim Karelitz, beides bedeutende halachische Autoritäten, muss zwischen zwei Szenarien unterschieden werden: Werden die DNA-Funde mit einer bereits vorhandenen DNA-Probe des Vermissten verglichen, besitzt der Befund eine hohe Beweiskraft und kann mit einem »Siman Muvhak« verglichen werden. Liegt hingegen keine DNA-Probe des Vermissten vor und erfolgt die Identifizierung lediglich über die Ähnlichkeit mit der DNA von Verwandten, hat das Ergebnis nach dieser Auffassung nicht den Status eines »Siman Muvhak« und reicht im Fall einer Aguna nicht aus.

Die Rabbiner standen auch vor der Aufgabe, eine religiöse Perspektive auf das Geschehen zu entwickeln

Bei einer Katastrophe von der Dimension des 11. September mussten sich die Rabbiner jedoch nicht nur mit halachischen Fragen wie der Situation der Agunot auseinandersetzen. Sie standen auch vor der Aufgabe, eine religiöse Perspektive auf das Geschehen zu entwickeln.

Eine Deutung formulierte Rabbi Moshe Shapiro, ein bedeutender Rabbiner in Israel, bereits zwei Tage nach den Anschlägen. Er verwies auf die Prophezeiung aus dem zweiten Kapitel des Propheten Jesaja. Darin beschreibt der Prophet ein Land, das mit Gold und Silber gefüllt ist und über große militärische Macht verfügt. Die Menschen sind jedoch hochmütig und fühlen sich allmächtig. In Jesaja heißt es, dass Gott sie am Ende der Tage von ihrem Höhenflug herabholen und ihnen ihre Grenzen aufzeigen werde. Dabei ist ausdrücklich auch von hohen Türmen die Rede.

»Wir müssen die moralischen Grundlagen der Freiheit erneuern.«

Rabbi Jonathan Sacks

Nun scheint dieser Vergleich auf den ersten Blick moralisch kritisch. Rabbi Shapiro ging es jedoch nicht darum, den Terroropfern im Nachhinein eine Schuld zuzuweisen, sondern vielmehr aufzuzeigen, dass dieses tragische Ereignis daran erinnert, wie verletzlich und vergänglich wir Menschen sind – und dass allein Gott allmächtig und unantastbar ist.

Der ehemalige britische Oberrabbiner, Rabbi Jonathan Sacks, reflektierte zehn Jahre nach der Katastrophe darüber, dass die tiefste Lehre des 11. September nicht einfach darin bestehe, dass der Westen den Terrorismus im Ausland besiegen müsse. Vielmehr müsse er ehrlich auf seine eigenen inneren Schwächen blicken.

Für Rabbi Sacks gehörte zu einer angemessenen Reaktion auf 9/11 eine moralische Erneuerung – die Stärkung jener Institutionen und Werte, die Freiheit dauerhaft tragfähig machen. Seine zentrale Idee war, dass eine Zivilisation nicht stark bleiben könne, wenn das »Ich« dauerhaft Vorrang vor dem »Wir« habe. »Der einzige Weg, die Welt zu retten, besteht darin, bei uns selbst anzufangen. Unsere Aufgabe nach den Terroranschlägen ist es, die moralischen Grundlagen der Freiheit zu erneuern.«

Auch heute, ein Vierteljahrhundert nach dem 11. September 2001, dürfen wir diese Botschaften nicht vergessen, wenn wir der Opfer und Helden dieser Katas­trophe gedenken.

Der Autor ist Assistenz-Rabbiner der Gemeinde Kahal Adass Jisroel und Dozent am Rabbinerseminar zu Berlin.

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