»Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid.« Das klingt nach einem Satz eines talmudischen Weisen – doch er stammt von Meister Yoda (Episode I der Star Wars-Reihe).
George Lucas war in seinem Drehbuch aber nahe an der talmudischen Idee. Dort ist die Kette der Ereignisse sogar noch drastischer. Denn im Traktat Joma (9b) wird die Frage gestellt, warum der Erste Tempel zerstört wurde. Die Antwort lautet: wegen dreier schwerer Sünden – Götzendienst, Unzucht, Blutvergießen. Und der Zweite Tempel? Wegen grundlosen Hasses. »Dies lehrt dich, dass grundloser Hass die drei Sünden, Götzendienst, Unzucht und Blutvergießen, aufwiege.«
Schon in der Tora heißt es: »Du sollst deinen Bruder nicht in deinem Herzen hassen« (3. Buch Mose 19,17). Doch warum sollen wir uns dieses starke Gefühl nicht leisten?
Nachmanides, der Ramban (1194–1270), weist in seinem Kommentar auf etwas Entscheidendes hin: Hass ist feige. »Weil es die Art der Hassenden ist, ihren Hass im Herzen zu verbergen.« Man lächelt, grüßt, schweigt, während die Verachtung im Innern wächst. Deshalb spricht die Tora ausdrücklich vom »Hass im Herzen«. Sie hat die verborgene Variante im Blick. Das stille Vergiften, das auch dem modernen Menschen nicht ganz unbekannt ist.
Was aber ist mit »offenem Hass«, der sich nicht versteckt? Da müssen wir juristisch argumentieren. Der ist bereits durch andere Verbote abgedeckt, die das Zeigen offenen Hasses – wie schlechte Rede, Gewalt oder Übervorteilung – regeln.
Der Talmud illustriert den Satz aus der Tora mit einer tragischen Geschichte.
Der Talmud (Gittin 55b–56a) illustriert den Satz aus der Tora mit einer tragischen Geschichte. Ein wohlhabender Bewohner Jerusalems gab ein Festmahl. Er sandte seinen Diener aus, um seinen Freund Kamtza einzuladen. Der Diener allerdings lud Bar Kamtza ein, dem der Gastgeber feindlich gesinnt war. Als der Gastgeber diesen unter den Gästen entdeckte, forderte er ihn auf zu gehen. Bar Kamtza wollte nicht öffentlich beschämt werden und bot an, sein Essen zu bezahlen. Das wurde abgelehnt. Er bot dann sogar an, die Hälfte des Festes zu bezahlen. Auch das wurde abgelehnt. Letztendlich bot er an, das gesamte Fest zu bezahlen, und wurde dennoch weggeschickt.
Besonders bedrückend: Es heißt, »die Rabbinen saßen dabei und schwiegen«. Bar Kamtza schloss daraus, dass sie das Verhalten damit billigten. Aus Frust ging er zum Kaiser, um die Juden zu verleumden. Das sei der Auslöser für die Belagerung Jerusalems gewesen, so der Talmud. Weiter heißt es dann: »Komm und sieh, wie groß die Macht der Beschämung ist; der Heilige, gepriesen sei Er, unterstützte Bar Kamtza, der gedemütigt worden war, und zerstörte seinetwegen Seinen Tempel« (Gittin 57a).
Yodas Kette beginnt mit Furcht. Die talmudische Kette beginnt mit einer falschen Einladung, einer Weigerung zur Versöhnung und dem Schweigen der Anständigen. Rabbi Jehoschua sagt in der Mischna Awot: »Das böse Auge, der böse Trieb und Menschenhass bringen den Menschen aus der Welt« (Sprüche der Väter 2,12).
In seinem Werk Pele Joetz schreibt Eliezer Papo (1785–1828) dazu: »Hass führt zu Streit, Streit zu übler Nachrede, üble Nachrede zu Schadenfreude, Schadenfreude zu aktiver Schädigung, aktive Schädigung zu Rache.« Damit wären wir wieder bei Meister Yoda.
Von Raw Kook, Awraham Jitzchak Kook (1865–1935), dem ersten aschkenasischen Oberrabbiner vor der Gründung des Staates Israel, ist ein optimistischerer Ansatz überliefert. Er formulierte es so: »Wenn wir zerstört wurden, und die Welt mit uns, durch grundlosen Hass, werden wir wiederaufgebaut werden, und die Welt mit uns, durch grundlose Liebe« (Schmonah Kewatzim 8,47).
Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass es auch »Sinat Dawar« gibt (Hass aufgrund einer Sache), der etwas komplexer ist. Ist er erlaubt oder sogar geboten? Etwa wenn jemand eine schwerwiegende Sünde begeht? Das muss in einem anderen Text geklärt werden.