Einspruch

Jeden Tag neu

Rabbinerin Ulrike Offenberg

Einspruch

Jeden Tag neu

Rabbinerin Ulrike Offenberg erinnert daran, dass im Elul alle Verantwortung tragen, sich selbst zu verändern

von Rabbinerin Ulrike Offenberg  25.08.2026 14:32 Uhr

Jetzt ist der wohl wichtigste Monat des jüdischen Jahres da, der uns direkt zu den Hohen Feiertagen führt. Im Elul bedenken wir, was war und wie es weitergeht. Der jüdische Philosoph Bachja ibn Pakudah sagte: »Tage sind wie Schriftrollen – schreibe auf sie das, von dem du möchtest, dass es erinnert wird.« Er betont den freien Willen und die Urteilsfähigkeit des Menschen. Unsere Taten und unser Verhalten beschreiben die Schriftrollen – Tag für Tag, ein Leben lang.

Der Gedanke, dass wir unsere Schriftrollen selbst beschreiben, kommt ohne das bedrohliche Bild einer Gerichtssituation aus, wie es die Hohen Feiertage prägt. Aber das entlässt uns nicht aus unserer Verantwortung. Bachja erinnert uns daran, dass alles, was wir tun, Auswirkungen hat – nicht nur auf uns, sondern auch auf unsere Welt. Das drückt sich auch im Symbol der Waage für die Hohen Feiertage aus.

Wenn wir gute Taten üben, füllt sich die Waagschale und beeinflusst die Welt zum Guten.

Wenn wir gute Taten üben, füllt sich die Waagschale und beeinflusst die Welt zum Guten. Auch umgekehrt trifft es zu: Die Herrschaft des Bösen ist nicht etwas Metaphysisches, sondern das Ergebnis des Tuns und des Unterlassens vieler Individuen. Das meint die jüdische Tradition, wenn es dramatisch heißt, dass wir die Wahl haben zwischen Leben und Tod. Und doch ist das eine Vorstellung voller Hoffnung und Kraft.

Das Hoffnungsvolle liegt darin, dass wir jeden Tag neu die Chance haben, unsere Schriftrolle zu beschreiben. Das, was gestern war, ist nicht vergessen, aber es muss uns auch nicht für alle Zukunft festlegen. Wir können uns ändern, wir können die Welt verbessern – und wir können jederzeit anfangen. Erst am Abend ist das Kapitel des Tages abgeschlossen. Am nächsten Morgen können wir anpacken, was unerledigt blieb.

So gestalten wir unsere Einträge und hoffen, dass sie in das Buch des Lebens aufgenommen werden. In den Gebeten der Hohen Feiertage sagen wir täglich mehrmals: »Im Buch des Lebens, des Segens, des Friedens und des ausreichenden Einkommens mögen wir bedacht und eingeschrieben werden, wir und ganz Israel, zu einem guten Leben und zum Frieden.« Bachja erinnert uns daran, dass wir daran selbst mitwirken – jeden Tag aufs Neue.

Die Autorin ist Rabbinerin und Historikerin.

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