Am Mittwochabend, dem 12. August, beginnt mit Sonnenuntergang der jüdische Monat Elul. Nur ein paar Minuten vorher ist über Teilen Europas eine Sonnenfinsternis zu beobachten. Diese Parallele ist bemerkenswert, denn der Elul gilt in der jüdischen Tradition als ganz besonderer Monat der Vorbereitung. Und seine ersten zwei Tage werden als »Rosch Chodesch« feierlich begangen.
Auch der Sonnenfinsternis wird in der jüdischen Tradition eine besondere Bedeutung zugesagt. Die jüdische Tradition verbindet die Himmelskörper grundsätzlich mit der göttlichen Ordnung der Schöpfung, wie sie im ersten Buch Mose beschrieben wird. Himmlische Ereignisse können daher nicht nur astronomisch, sondern auch symbolisch betrachtet werden. Allerdings sind die Gelehrten sich uneinig, ob man aus ihnen tatsächlich so etwas wie eine »göttliche Botschaft« herauslesen kann. Gerade eine astrologische oder schicksalsgläubige Interpretation wird in der jüdischen Tradition kritisch gesehen.
Finsternis als schlechtes Omen
Eine der bekanntesten jüdischen Quellen zur Sonnenfinsternis findet sich im Talmud, Traktat Sukkah 29a. Dort heißt es: »Die Rabbanan lehrten: Die Sonnenfinsternis ist eine böse Vorbedeutung für die ganze Welt.« Es folgt ein Gleichnis. »Dies ist ebenso, als wenn ein König aus Fleisch und Blut seinen Dienern ein Festmahl bereitet und für sie eine Lampe hinstellt, dann aber über sie zornig wird und zu seinem Diener spricht: Nimm die Lampe fort und lasse sie im Finstern sitzen.«
Später im Traktat präzisieren die Gelehrten: »Die Sonnenfinsternis ist eine schlechte Vorbedeutung für die Völker der Welt, die Mondfinsternis ist eine schlechte Vorbedeutung für die Israeliten, denn die Israeliten rechnen nach dem Monde, die Völker der Welt nach der Sonne.«
Zum Hintergrund: Im Judentum beginnt der Monat mit dem Neumond, in anderen Traditionen wie dem gregorianischen Kalender werden die zwölf Monate nach dem Sonnenjahr berechnet.
Der Zeitpunkt spielt eine Rolle
Die Sonnenfinsternis wird hier als mögliches Vorzeichen einer Krise für die Völker der Welt beschrieben. Sogar aus ihrem Zeitpunkt, der Form und Farbe meinen die Gelehrten, Details über die bevorstehende Katastrophe zu lesen: »Hat sie das Aussehen von Blut, so fährt das Schwert über die Welt; eines Sackes, so fahren Pfeile des Hungers über die Welt (...). Tritt die Finsternis beim Untergange ein, so kommt die Heimsuchung langsam, wenn beim Hervortreten, so kommt sie schnell; manche sagen, es sei umgekehrt.« Weiter beschäftigen sich die Gelehrten damit, welche moralischen Verfehlungen zu solch einer Strafe führen könnten.
Die Passage ist im Kontext ihrer Quelle zu verstehen: Der Talmud ist wie ein Protokoll einer jahrhundertelangen juristischen, theologischen und philosophischen Diskussion und lässt sich nicht ohne Weiteres aus heutiger Sicht interpretieren. Vielmehr zeigt sich hier die traditionelle Vorstellung, nach der außergewöhnliche Ereignisse in der Natur Fragen aufwerfen und Anlass zur moralischen und religiösen Selbstprüfung sein können.
Elul als Zeit der Reflektion
Dies wiederum spielt auch im beginnenden Monat Elul eine zentrale Rolle. Der Monat gilt traditionell als Zeit der Teschwua, also der Umkehr und inneren Neuorientierung, sowie als Vorbereitung auf die Hohen Feiertage. In dieser Zeit stehen Gebet, Selbstprüfung, Versöhnung und die Beziehung zu Gott und den Mitmenschen im Mittelpunkt.
Vor diesem Hintergrund erhält die Sonnenfinsternis zum Beginn des Elul eine doppelte symbolische Dimension. Während die untergehende Sonne für kurze Zeit vom Mond verdunkelt wird, beginnt ein Monat, der traditionell dem Innehalten, der Selbstprüfung und der Veränderung gewidmet ist. ja