Tu beAw, der fünfzehnte Tag des hebräischen Monats Aw, war zur Zeit des Zweiten Tempels ein Tag des Sommers, der Freude und der Hoffnung. Die Frauen kleideten sich in weiße Gewänder, die sie oft voneinander ausliehen – als Zeichen von Solidarität und Gleichheit – und tanzten zwischen den Weinbergen. Es war ein Fest der Begegnung, der Liebe und der Entstehung neuer Beziehungen unter der warmen Augustsonne und zwischen den Früchten des Weinstocks. Dieser Brauch stand vermutlich im Zusammenhang mit alten Erntefesten rund um die Weinlese.
Im Alten Orient war Krieg weitgehend saisonabhängig. Militärische Feldzüge fanden meist im Frühjahr statt, während die große Sommerhitze die Bewegung von Heeren und die Durchführung von Schlachten erschwerte. Der Monat Aw wurde daher zu einer Zeit der Pause – einer Gelegenheit, Konflikte hinter sich zu lassen und den Blick wieder auf das Leben, die Gemeinschaft und die Zukunft zu richten. Es war eine Zeit, um Liebe und Frieden zu feiern, aus Hoffnung heraus aufzubauen und sich eine bessere Welt vorzustellen.
Die Töchter Jerusalems
Die wenigen Details, die wir über dieses Fest besitzen, finden sich im Talmud, genauer gesagt im Traktat Taanit 26b:
»Es gab keine freudigeren Tage für das jüdische Volk als den fünfzehnten Aw und Jom Kippur. An diesen Tagen gingen die Töchter Jerusalems in weißen Kleidern hinaus, die jede Frau von einer anderen geliehen hatte. Warum waren die Kleider geliehen? Damit niemand beschämt würde, der keine eigenen weißen Gewänder besaß. Alle geliehenen Kleider mussten rituell eingetaucht werden, da ihre vorherigen Trägerinnen möglicherweise rituell unrein gewesen waren.«
Der gleiche Abschnitt setzt sich mit der Frage auseinander, wie wahre Liebe erkannt werden kann: nicht, indem man sich ausschließlich von äußerer Schönheit blenden lässt, sondern indem man auf die Taten, die Lebensweise und den Charakter eines Menschen achtet. Er erinnert uns daran, dass Themen, die wir oft für moderne Probleme halten – Schönheitsideale oder Oberflächlichkeit –, in Wahrheit uralte und beständige menschliche Herausforderungen sind.
»Und die Töchter Jerusalems gingen hinaus und tanzten in den Weinbergen. Und was sagten sie? ›Junger Mann, erhebe deine Augen und sieh genau hin, wen du dir zur Frau erwählst. Richte deinen Blick nicht auf die Schönheit, sondern auf eine gute Familie, wie es im Vers heißt: «Trügerisch ist die Anmut und vergänglich die Schönheit; eine Frau, die den Ewigen fürchtet, sie soll gepriesen werden» (Sprüche 31,30).‹ Und weiter heißt es: ›«Gebt ihr von der Frucht ihrer Hände, und ihre Werke sollen sie in den Toren preisen» (Sprüche 31,31).‹«
Zerstörung und Wiederbelebung
Doch am 9. Aw des Jahres 70 n. d. Z. veränderte die Zerstörung des Tempels in Jerusalem alles. In jenem Jahr siegte der Krieg über die Liebe. Damit begann das große Exil, und dieses Datum wurde schließlich zum schmerzlichsten Tag des jüdischen Kalenders. Von diesem Zeitpunkt an verlor Tu beAw allmählich seinen festlichen Charakter. Über Jahrhunderte hinweg blieb die Erinnerung an diesen Tag vor allem durch ein kleines liturgisches Detail erhalten: den Verzicht auf das Tachanun, die Buß- und Bittgebete des täglichen Gottesdienstes.
Mit der Rückkehr des jüdischen Volkes in sein angestammtes Land und der Gründung des Staates Israel erlebten jedoch viele Feste, die mit dem Land, dem landwirtschaftlichen Zyklus und dem nationalen Leben verbunden sind, eine Wiederbelebung. Tu beAw bildete keine Ausnahme. Was einst ein altes Fest der Begegnung und Hoffnung gewesen war, wurde aus einer zeitgenössischen Perspektive neu entdeckt.
Heute lädt dieser Tag dazu ein, die menschliche Fähigkeit zu lieben in all ihren Facetten zu feiern: romantische Liebe, Freundschaft, Solidarität, gemeinschaftliches Engagement und Mitgefühl für andere. Tu beAw verbindet uns mit unserer überlieferten Geschichte und fordert uns zugleich heraus, unseren Blick auf die Zukunft zu richten. Er erinnert uns daran, dass Liebe eine tägliche Entscheidung ist und dass eine gerechtere und mitfühlendere Gesellschaft nur auf echten menschlichen Beziehungen aufgebaut werden kann. Liebe ist eine Kraft, die erweitert, trägt und verwandelt.
Wie kann Tu beAw uns helfen, zu einem tieferen und großzügigeren Verständnis von Liebe zurückzufinden? Vielleicht lädt uns dieser Tag dazu ein, uns wieder mit einer Energie zu verbinden, die heute zunehmend selten erscheint: Hoffnung. Wenn wir aufhören, Liebe als eine Transaktion zu betrachten, die sofortige Gegenseitigkeit verlangt, verliert das Leiden einen Teil seiner Macht. Zu lieben bedeutet zu erkennen, dass der Wert der Liebe nicht allein davon abhängt, selbst geliebt zu werden, sondern von unserer Fähigkeit zu Großzügigkeit, Offenheit und Hingabe.
Vielleicht liegt darin die tiefste Botschaft von Tu beAw: Auf den Krieg kann Frieden folgen; auf die Zerstörung der Wiederaufbau; auf die Trauer die Hoffnung. Und nach jeder Entfremdung bleibt die Möglichkeit bestehen, die Liebe erneut zu wählen.
Grundlose Liebe
Vielleicht endet deshalb die Trauer von Tischa beAw im jüdischen Kalender nicht mit Hass, sondern weist den Weg zur Liebe. Die Antwort auf grundlosen Hass (שִׂנְאַת חִנָּם, Sinat Chinam) ist grundlose Liebe (אַהֲבַת חִנָּם, Ahavat Chinam). Das Heilmittel für eine gespaltene Gesellschaft besteht nicht allein im Wiederaufbau von Gebäuden oder Institutionen, sondern im Wiederaufbau menschlicher Beziehungen.
Tu beAw erinnert uns daran, dass jeder Wiederaufbau im Bereich menschlicher Verbundenheit beginnt. Bevor wir Mauern errichten, müssen wir Vertrauen wiederherstellen. Bevor wir über die Zukunft sprechen, müssen wir lernen, einander erneut zu begegnen. Liebe, verstanden als die Anerkennung der unveräußerlichen Würde des anderen, wird so zu einer zutiefst verwandelnden Kraft, die die Welt zu heilen vermag.
Zwischen Tischa beAw und Tu beAw entfaltet sich eine der tiefsten Lehren des jüdischen Kalenders: Keine Zerstörung ist endgültig, solange wir noch fähig sind zu lieben. Wo Hass trennt, baut Liebe wieder auf. Wo Krieg Narben hinterlässt, eröffnet Liebe neue Wege. Und dort, wo die Hoffnung erloschen scheint, bleibt immer die Möglichkeit, sich erneut für das Leben zu entscheiden.
Heute mehr denn je erheben wir unsere Gebete für das Ende des Krieges und den Beginn einer Zeit der Liebe.
Die Autorin studiert am konservativen Rabbinerseminar Abraham J. Heschel in Potsdam.