Ernte

Von Möhren und Mehrn

Wer eine Möhre pflanzt, sieht nur das Grüne über der Erde. Man kann hoffen, dass sie gedeiht – und gießen. Ob aber unten auch etwas wächst, kann man nur erahnen. So ähnlich geht es manchen Juden im Elul, dem letzten Monat im jüdischen Jahr: Wir versuchen, die guten Eigenschaften zu nähren und die schlechten loszuwerden. Doch wie die Ernte ausfällt, ja wie das neue Jahr wird, wissen wir nicht.

Im Elul wandelt der König durch die Felder, sagen die Kabbalisten. Er sitzt nicht oben in seinem Palast. Gott ist nah und macht es uns einfach, zu ihm zurückzukehren. Was für ein Druck!
Der Sommer ist längst über den Zenit. Die Blätter der Bäume vor dem Balkon rascheln, ausgedörrt von den vergangenen Hitzewellen. Die Sonnenblume ist welk. Die Chilis sind überfällig. Sie müssen dringend geerntet werden.

29 Tage, um ein besserer Mensch zu werden

Im Nachbarhaus treffen sich jeden Morgen fromme Männer zum Gebet in einem kargen Raum. Heute schallt es herüber: »Hodu LaSchem ki tow – ki leolam chasdo!« – »Danket dem Ewigen, denn Er ist gut, denn ewig währt Seine Güte!« Ihr Hallel-Gebet leitet diesen so bedeutsamen Monat ein. 29 Tage, um ein besserer Mensch zu werden. Ich starre auf meine Pflanzen – und fühle mich so kraftlos wie sie.

Drei Tage später habe ich die Chilis immer noch nicht geerntet. Zum ersten Mal in meinem Stadtkindleben hatte ich im Frühjahr Samen in die nasskalte Erde gedrückt, hellgrüne, erste Sprossen mit Wasser besprüht, jeden Morgen mit vom Schlaf verquollenen Augen beobachtet, wie sich die Triebe ein paar Millimeter weiter streckten. Ich sah, wie Gott die Natur zum Blühen bringt, und betete, dass er meine Pflänzchen nicht sterben lässt. Vielleicht brauche ich zur Vorbereitung auf das Neujahr eine Pflanze, die mich an die göttliche Nähe erinnert. Wenn der König im Elul über die Felder wandelt, wieso dann nicht auch über meinen Balkon?

Mein Kollege bringt mich auf die glorreiche Idee, eine Möhre zu pflanzen. »Passend zu Rosch Haschana!«, ruft er begeistert. Denn die Möhre steht bei vielen jüdischen Familien am Neujahrsabend als »Siman« auf dem Tisch, als symbolisches Zeichen. In der aschkenasischen Tradition isst man das orange Gemüse und wünscht sich in Anspielung auf die Möhren, die man im Jiddischen »Mehrn« nennt, dass sich die Segen im kommenden Jahr vermehren.

Vor Neujahr wandelt der König in den Feldern. Wieso dann nicht auch über meinen Balkon?

Mir gefällt die Vorstellung, eine selbst gezogene Möhre zu Neujahr zu verspeisen. Doch dafür will ich mehr über diese Tradition wissen. Ich rufe Jake Schneider an. Er ist Teil einer Gruppe, die versucht, in Deutschland das Jiddische wiederzubeleben. Regelmäßig treffen sie sich in Berliner Bars und Cafés, um die Sprache zu sprechen, die Jake als seine eigentlich eigene begreift – die er aber als Kind nie richtig gelernt hat. »Weil Englisch die Sprache war, die meine Großeltern brauchten, um in den USA Fuß zu fassen – und die irgendwann das Jiddische ganz verdrängt hat, was meine Vorfahren über Generationen in Europa gesprochen haben.«

Zum Abschied sagte man »Bye Bye« und fügte hinzu: »Sei gesund!«

Jake ist in »ziemlich religiösen Kreisen« in Brooklyn aufgewachsen, erzählt er. »Wir sprachen einen Soziolekt, das sogenannte ›Jeschiwisch‹ – Englisch mit vielen jiddischen Begriffen.« Zum Abschied sagte man »Bye Bye« und fügte hinzu: »Sei gesund!«

Für alles, was die Religion betraf, gab es allerdings immer nur hebräische Wörter, erinnert sich Jake. Bis auf eine Ausnahme: die Möhren an Rosch Haschana. »Es ist eines der ganz wenigen religiösen Rituale, in denen das Jiddische konserviert ist, denn ohne das Wortspiel mit den ›Mehrn‹ ergibt der Wunsch, dass sich unsere Verdienste vermehren, ja keinen Sinn.«

Jake beschäftigt sich viel mit dem Verlust der jiddischen Sprache, auch in der Religion. »Vor der Schoa spielte das Jiddische noch eine große Rolle in Gebeten und Ritualen, besonders in jenen, die von Frauen durchgeführt wurden«, weiß er. Und stellt eine These auf: »Es könnte sein, dass sich der Siman mit den Möhren auch erhalten hat, weil Frauen traditionell eher für das Zubereiten des Essens vor den Festtagen verantwortlich waren.«

Das Telefonat mit Jake beeindruckt mich. Bisher habe ich den einzelnen Simanim am Neujahr nicht sonderlich viel Beachtung geschenkt. Jetzt aber, wo mir klar wird, dass der Segen mit den »Mehrn« das vielleicht letzte, mit dem Jiddischen verbundene Ritual ist, das ich praktiziere, will ich ihm besondere Aufmerksamkeit schenken. Ich werde eine Möhre pflanzen, den ganzen Elul hegen und mir am Neujahr auf Jiddisch wünschen, dass sich meine »Braches mehrn!«.

Es gibt da nur ein kleines Problem: Möhren brauchen drei Monate, bis man sie ernten kann, mindestens.

Uri ist Lebenskünstler. Wenn mir jemand im Spätsommer eine Möhre besorgen kann, dann er

Einen Tag später rufe ich meinen Freund Uri Schwartz an. Wie viele Jungs, die durch die orthodoxe Schule gegangen sind und sich später in der säkularen Welt durchschlagen mussten, ist Uri ein Lebenskünstler: Er investiert in Immobilien und hat sich selbst beigebracht, mit Aktien zu handeln. Ist der Markt geschlossen, züchtet er auf seinem kleinen Balkon in alten Pötten und längs aufgeschnittenen Plastikflaschen Gemüse: Kartoffeln, runde Zucchini und sogar violettes Basilikum. Einmal waren wir bei Uri zum Schabbat eingeladen, und er hatte fast das gesamte Menü aus seinen Balkonpflanzen zubereitet. Wenn mir jemand im Spätsommer noch eine Möhre besorgen kann, dann er.

»Ich kann dir Karottensamen geben, aber ich kann die Natur nicht zwingen, schneller zu arbeiten«, lacht Uri. Dann überlegt er (denn Uri findet immer eine Lösung). »Meine Schwiegereltern haben einen Bauernhof und vielleicht noch ein paar Möhren in der Erde.«

Wenige Tage später schickt Uri ein Foto von einem Karottenkopf im lehmigen Boden. Die grünen, krautartigen Blätter strahlen in der Sonne. Im Hintergrund entdecke ich ein Pferd auf einer Weide. Ich bin begeistert.

»Wir sollten sie Karoline nennen!«, schreibe ich aufgeregt. »Karoline von Karotte?«, fragt Uri skeptisch. Und schlägt einen besseren Namen vor: »Gezeriel!« Denn Karotte heißt auf Hebräisch Gezer. Und das Wort hat noch eine zweite Bedeutung: Urteil. Deshalb isst man in Israel ebenfalls am Neujahrsabend Karotten und wünscht sich, dass das himmlische Urteil gut ausfällt. Ein bedeutungsschwerer Name für so eine kleine Möhre! Aber ich willige in die Namensgebung ein. Nur beschneiden werde ich die Möhre erst später.

In einem gelben Topf im ruckelnden Auto nach Hause

Uri gräbt Gezeriel aus der Erde und bringt ihn in einem gelben Topf im ruckelnden Auto nach Hause. Die Fahrt nimmt Gezeriel ganz schön mit. Seine grünen Haare liegen schlapp auf der Seite, als ich ihm auf meinem Balkon ein schattiges Plätzchen suche. Ein paar Tage muss er hier ja noch durchhalten.

Zwei Wochen später ist Gezeriels Grün ganz kraus und trocken geworden. Am Anfang habe ich die Karotte jeden Tag gegossen – vielleicht zu viel? Ich habe Löcher in das kleine Eimerchen gebohrt, damit die Staunässe abfließen kann. Vergebens! Aber heute ist der 18. Elul, in der chassidischen Vorstellung ein besonders kraftvoller Tag. Gleich zwei große Gelehrte wurden heute geboren: der Baal Schem Tow und Rabbi Schneur Salman von Liadi. Letzterer war es übrigens auch, der das Gleichnis vom König in den Feldern zum ersten Mal erzählt haben soll. Die Zahl 18 steht im Judentum für das Leben, sie ist die Gematria des hebräischen Wortes »Chai«. Und Gezeriel braucht dringend ein neues Leben!

In der kommenden Welt soll er in einem leckeren Gericht landen. In einem alten jüdischen Kochbuch finde ich etwas nach meinem Geschmack. In der Küche der polnischen Juden, erschienen kurz vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, heißt es über das Neujahrsfest bei den Ostjuden: »An das Hauptgericht der Festmahlzeit schloss sich oft noch ein weiteres üppiges Gericht an: der Zimmes.« Zimmes könne, so der Autor des Buches, mit den unterschiedlichsten Zutaten zubereitet werden. Hauptsache, sie werden danach mit ordentlich Honig gesüßt. Jeder Zimmes sei außerdem so fett, dass der moderne Diätarzt sofort sein Veto einlegen würde. Der einfachste bestehe aus gesüßten und exotisch gewürzten Karotten.

In einem alten Kochbuch aus Polen entdecke ich ein Rezept nach meinem Geschmack.

Der Begriff Zimmes ist in übertragener Bedeutung sogar in die jiddische Volkssprache übergegangen: »Sie macht einen ganzen Zimmes daraus«, sagt man, wenn jemand etwas unnötig dramatisiert oder aufbauscht. Damit steht meine Entscheidung fest: Ich werde aus meiner Möhre einen »ganzen Zimmes« machen!

Von Generation zu Generation weitergegeben

Das Rezept dazu bekomme ich von einer Freundin, deren Mutter es von einer verstorbenen Frankfurter Jüdin geerbt hat. Es ist mit feiner Handschrift auf ein fettiges Blatt geschrieben. In meiner romantischen Verklärtheit stelle ich mir vor, dass das Rezept schon so im Schtetl an einer Küchenwand hing. Von Generation zu Generation weitergegeben.

Butter in einer Pfanne zerlassen. (Ich nehme Margarine, denn es wird Fleisch dazu geben.) In Taler geschnittene Karotten zugeben und bissfest garen – ich kaufe acht normschöne aus dem Supermarkt und ziehe am Schluss Gezeriel aus seinem Topf. Oh weh, meine Möhre ist noch mickriger, als ich befürchtet hatte. Aber immerhin orange und fest.

Nach acht Minuten füge ich Orangensaft (gab es den schon im Schtetl?), Honig, Zimt, Sultaninen, eine Prise Salz und ein wenig Pfeffer hinzu. Nach einer halben Stunde sind die Karotten weich. Als besonderen Tipp von meiner Freundin gebe ich noch einen Löffel Aprikosenmarmelade hinzu. Ein schwerer, süßer Duft zieht durch die ganze Wohnung, als ich den Zimmes in Beutel fülle und für das Festmahl einfriere.

Das Judentum lebt von der Praxis

Was ich doch alles von dieser Möhre gelernt habe! Natürlich Geduld und Zuversicht. Aber auch, dass man das Beste aus dem jüdischen Jahreszyklus machen muss. Wenn der Elul mit Sommerdepressionen beginnt, sollte man ihn für sich selbst mit Sinn füllen – auch wenn es nur mithilfe einer Möhre gelingt. Das Judentum lebt von der Praxis!

Unsere Rituale sind nicht zufällig, sondern tragen eine über Generationen erhaltene Bedeutung in sich. Es lohnt sich, ihre Geschichte zu erfragen und sie mit neuem Leben zu füllen. Mit der Hilfe von Freunden kann man eine Möhre über 100 Kilometer weit transportieren. Was ich im Leben ernte, ist immer auch die Frucht der Gemeinschaft. Apropos: Ich sollte mich bei meinen Freunden bedanken und sie an Rosch Haschana einladen …

Da dieser Text vor dem Neujahrsabend gedruckt wird, kann ich hier nur darüber fantasieren, wie mein Elul-Experiment ausgeht: Ich sehe Uri und seine Frau an unserem Wohnzimmertisch sitzen und den süßen Zimmes essen. Wie werden sie lachen, wenn sie erfahren, dass unter den Möhren auch Gezeriel ist.

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