Tekia

Wenn das Schofar zur Hoffnung ruft

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Es beginnt nicht mit einer Eilmeldung. Nicht mit einem politischen Statement, keiner Sirene und keinem Bildschirm, der uns erklärt, was als Nächstes geschieht. Es beginnt mit einem Ton. Roh. Klar. Unverstellt. Ein Schofar erklingt. Für einen Augenblick wird alles andere still. Die Nachrichten. Die Bilder. Die Debatten. Die Sorgen des Alltags. Und plötzlich hören wir etwas, das eindringlicher ist als jede Schlagzeile: den Ruf der Hoffnung.

Rosch Haschana 5787 kommt in eine Welt, die vor großen Herausforderungen steht. Aber es ist auch eine Welt voller Menschen, die helfen, aufbauen, heilen, trösten und Verantwortung übernehmen. Jeden Tag entscheiden sich Unzählige für Empathie statt Gleichgültigkeit, für Frieden statt Hass und für Zusammenarbeit statt Spaltung. Vielleicht überhören wir all dies Gute manchmal, weil schlechte Nachrichten lauter dröhnen. Aber es ist da.

Unser Volk hat nicht nur überlebt, es hat immer wieder neues Leben geschaffen

Gerade in schwierigen Zeiten wird eine besondere Kraft wichtig: Solidarität. Auch für das jüdische Volk war und ist sie von unschätzbarem Wert. Das ist eines der größten Wunder der jüdischen Geschichte. Unser Volk hat nicht nur überlebt, es hat immer wieder neues Leben geschaffen. Aus zerstörten Städten entstanden neue Gemeinden. Nach verbrannten Büchern bauten wir neue Schulen. Aus unserem Schmerz sprachen wir Gebete. Heute lernen jüdische Kinder in Israel von ihren Eltern Hebräisch. An der Kotel pulsiert jüdisches Leben. Überall auf der Welt werden Schabbat-Tische gedeckt, Synagogen gefüllt und Tora-Worte weitergegeben.

Natürlich gibt es weiterhin Antisemitismus. Er darf niemals verharmlost werden. Gerade deshalb sollten wir jedoch nicht nur über diejenigen sprechen, die hassen. Wir sollten vielmehr auch über diejenigen sprechen, die schützen, widersprechen und zusammenstehen. Über Menschen, die sagen: Antisemitismus hat in unserer Gesellschaft keinen Platz. Auch das ist Realität. Die Welt besteht nicht nur aus dem, was uns Angst macht. Sie besteht auch aus dem, was uns Mut macht.

Millionen kleiner guter Taten können die Welt verändern.

An Rosch Haschana tunken wir Äpfel in Honig. Eine kleine Geste, und doch steckt in ihr eine gewaltige Botschaft. Wir wissen, dass das Leben manchmal auch bitter ist. Aber wir entscheiden uns bewusst dafür, es zu versüßen. Wir sagen damit: Das Schlechte mag Teil unserer Geschichte sein – aber es soll nicht unsere Zukunft bestimmen.

Rosch Haschana ist mehr als der Beginn eines Kalenderjahres. Es ist ein Moment des Aufbruchs. Wir dürfen zurückblicken, aber wir müssen nicht stehen bleiben. Teschuwa wird oft mit Umkehr übersetzt. Aber Teschuwa bedeutet auch Rückkehr: Rückkehr zu unserem besseren Selbst. Vielleicht beginnt eine bessere Welt nicht mit einer großen politischen Entscheidung. Vielleicht beginnt sie mit einem freundlichen Wort. Mit einem Anruf. Mit einem offenen Herzen. Mit der Entscheidung, nicht weiterzugeben, was uns selbst verletzt hat.

Eine Einladung, jeden Tag mit neuen Möglichkeiten zu beginnen

Am Neujahrsmorgen erklingt das Schofar: Tekia, Schewarim, Terua, Tekia. Ein langer, klarer Ton. Gebrochene Töne. Ein bewegter Ruf. Und wieder ein langer Ton. Vielleicht hören wir darin die Geschichte des menschlichen Lebens. Wir sind manchmal stark. Manchmal zerbrechen wir. Manchmal wissen wir nicht weiter. Doch der finale Ton ist die Tekia. Klar. Lang. Voll. Aufrecht. Ein Ton des Neuanfangs. Das ist Rosch Haschana. Keine Garantie dafür, dass jeder Tag im neuen Jahr leicht wird. Aber eine Einladung, jeden Tag mit neuen Möglichkeiten zu beginnen.

Noch können wir lernen. Noch können wir wachsen. Noch können wir helfen. Noch können wir lieben. Noch können wir vergeben. Noch können wir Brücken bauen. Und vor allem: Noch können wir hoffen. Hoffnung ist keine naive Erwartung, dass alles von selbst gut wird. Hoffnung ist eine Entscheidung. Wir glauben daran, dass unser Handeln Bedeutung hat. Ein liebes Wort kann jemanden aufrichten. Ein Ritual kann eine Tradition an die nächste Generation weitergeben. Eine Gemeinde kann zusammenrücken und füreinander einstehen. Und Millionen kleiner guter Taten können gemeinsam eine Welt verändern.

Möge 5787 ein Jahr des Friedens und der Sicherheit werden. Ein Jahr, in dem Israel in Ruhe und Geborgenheit leben kann. Ein Jahr, in dem jüdisches Leben überall frei, sichtbar und selbstverständlich ist. Ein Jahr, in dem Menschen verschiedener Religionen und Kulturen einander besser kennenlernen und respektieren. Möge Jerusalem Frieden sehen. Und wenn das Schofar am Morgen von Rosch Haschana erklingt, mögen wir darin nicht nur einen Ruf aus der Vergangenheit hören. Mögen wir darin einen Ruf in die Zukunft hören. Einen Ruf zum Leben. Einen Ruf zur Hoffnung. Einen Ruf zum Guten. Wenn der letzte Ton verhallt, rufen wir uns zu: Schana towa umetuka! Ein gutes und süßes Jahr! Und vor allem ein Jahr, in dem wir selbst zu dem Licht beitragen, das diese Welt so dringend braucht.

Der Autor ist als Rabbiner und Dayan in den Niederlanden und in Deutschland tätig.

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