Hohe Feiertage

»Die Sterne neu berechnen«

Aster Taylor

Hohe Feiertage

»Die Sterne neu berechnen«

Aster Taylor über Astrophysik, die Berechnung des Himmels und den Ausgang der Festtage

von Mascha Malburg  10.09.2026 12:26 Uhr

Aster Taylor, was machen Sie an den kommenden Feiertagen anders als sonst?
Ich halte sie ein paar Minuten länger ein. Denn ich berechne das Ende anders, als es von unserer örtlichen Gemeinde angegeben wird. Das machen mein Mann und ich übrigens schon seit einem Jahr jeden Schabbat.

Wie kommen Sie darauf?
Das Ende des Schabbats und einiger Feiertage wird nach den jüdischen Quellen dadurch definiert, dass man drei Sterne am dunkelnden Abendhimmel erkennen kann. Heute verwenden die meisten jüdischen Gemeinden Methoden, die auf Näherungswerten beruhen, die sich an den Minuten nach Sonnenuntergang oder dem Stand der Sonne unter dem Horizont orientieren. Da ich derzeit meinen Doktor in Astrophysik mache, habe ich mich damit näher beschäftigt und festgestellt, dass man das heute tatsächlich genauer berechnen kann: Und siehe da, die Sterne sind eigentlich erst ein paar Minuten später sicher sichtbar.

Stellen Sie damit nicht ein uraltes Prinzip infrage?
Das Schabbatende war schon immer Gegenstand von Diskussionen. Die frühen Quellen besagen, dass der Schabbat vorüber ist, wenn man drei mittelgroße Sterne sehen kann. Spätere Rabbiner waren strenger und sagten, dass man drei kleine Sterne an einer Stelle beobachten muss. Schließlich konnte niemand genau sagen, was ein mittelgroßer Stern eigentlich ist. Außerdem stellte sich die Frage, wie nah sie beieinander liegen müssten und wessen Augen man trauen könne. Heute können wir den Himmel viel genauer beobachten. Ich würde argumentieren, dass uns die moderne Technologie ermöglicht, der wörtlichen Bedeutung des traditionellen Textes näherzukommen.

Auch andere Bedingungen haben sich in unserer modernen Welt verändert …
Nicht zuletzt die Lichtverschmutzung! Dadurch kann man die Sterne erst viel später sehen – in New York würde der Schabbat quasi nie enden. Allerdings argumentiere ich in meiner Forschung, dass es sich bei Lichtverschmutzung ähnlich wie bei Wolken nur um eine temporäre Verdeckung des Himmels handelt. Wir können uns also auf Berechnungen verlassen, die angeben, wann wir theoretisch die Sterne sehen können.

Wie hat die religiöse Welt auf Ihre Entdeckungen reagiert?
Ich bekomme viele interessierte Mails von Rabbinern. Eine Masorti-Zeitschrift wird meine Forschung publizieren. Die streng Orthodoxen scheinen aber nicht gerade glücklich über meine Forschungen. Sie argumentieren, dass vielmehr die Zeitangaben im Talmud entscheidend sind. Und es stimmt, dass dort neben den Sternen auch die Zeit nach Sonnenuntergang als Kriterium eingeführt wird, wobei sich in dem Abschnitt die Gelehrten wiederum widersprechen. So oder so: Mein Modell verpflichtet mich, die Ruhetage etwas länger zu halten – damit tue ich in jedem Fall nichts Falsches!

Aster Taylor promoviert an der University of Michigan in Astrophysik.
Das Gespräch führte Mascha Malburg.

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