Ki Tawo

Demut ist größer als Erfolg

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Ki Tawo

Demut ist größer als Erfolg

Was die Tora über Dankbarkeit, Besitz und den respektvollen Umgang mit anderen lehrt

von Rabbiner Elie Dues  28.08.2026 08:34 Uhr

In Eretz Israel beginnt für den Bauern die Zeit der Ernte. Die ersten Feigen sind gereift, die Trauben der Rebstöcke nehmen Farbe an, und die Granatäpfel färben sich allmählich dunkelrot. Mit Schilfbändern in der Hand geht er früh am Morgen hinaus auf seine Felder, die er mit schweißtreibender Arbeit bestellt hat, und in seinen Garten, den er mit großer Mühe pflegt. Noch liegt die Kühle des Morgens über dem Land. Sorgfältig bindet er ein Schilfband um die ersten reifen Früchte. Er wählt nicht irgendwelche aus, sondern die schönsten. Gerade diese ersten und kostbarsten Früchte legt er später in einen Korb, um sie nach Jerusalem zu bringen.

Dort spricht der Bauer die in der Tora vorgeschriebene Erklärung der Bikkurim vor einem Kohen, wie sie im 5. Buch Mose (26, 5–10) festgelegt ist. Rabbiner Samson Raphael Hirsch übersetzt: »Du aber beginnst und sagst vor dem Angesichte Gottes, deines Gottes: Ein Aramäer, dem Untergange nahe, war mein Vater; da zog er nach Mizrajim, nahm dort seinen Fremdlingsaufenthalt mit geringer Zahl, und dort wurde er zu einem großen Volke, stark und zahlreich. Da misshandelten uns die Mizrer und quälten uns und legten uns harte Arbeit auf. Da führte Gʼtt uns aus Mizrajim hinaus mit starker Hand … und brachte uns zu diesem Ort, gab uns dieses Land, ein Land, das von Milch und Honig fließt.«

Abstieg nach Ägypten, Versklavung, Erlösung und Gabe des Landes

Bemerkenswert ist, worüber der Bauer spricht. Er berichtet nicht von seiner harten Arbeit. Er erwähnt weder die Mühen des Pflügens noch die Ungewissheit des Wetters. Er spricht weder über seinen Fleiß noch über sein wirtschaftliches Geschick. Stattdessen erzählt er die Geschichte des jüdischen Volkes: vom Abstieg nach Ägypten, der Versklavung, der Erlösung und schließlich der Gabe des Landes.

Damit lehrt die Tora eine Wahrheit, die heute oft in Vergessenheit gerät. Erfolg ist niemals ausschließlich das Werk des Einzelnen. Den vollkommenen »Selfmademan« gibt es nicht. Hinter jeder persönlichen Leistung stehen Menschen, die uns geprägt haben, Generationen, die uns getragen haben, und letztlich gʼttliche Führung und Segen. Ohne die Einordnung in die Geschichte des jüdischen Volkes, ohne die Erinnerung an Unterdrückung, Sklaverei und Fremdsein, kann Besitz leicht zur Quelle von Überheblichkeit werden.

Wird die Bikkurim-Erklärung gesprochen und verinnerlicht, verwandelt sich die Haltung zum Besitztum in Verantwortung und Privileg und wirkt als Gegenmittel zur Illusion menschlicher Selbstgenügsamkeit. Auch werden die ersten Früchte abgegeben, bevor der Mensch die Ernte vollständig genießt. Dankbarkeit geht also dem Konsum voraus, und Anerkennung dem Besitztum.

Doch können wir aus dem Bikkurim-Gebot nicht nur den richtigen Umgang mit Besitz und den reifen Blick auf die Früchte unserer Arbeit, sondern auch den richtigen Umgang mit unseren Mitmenschen lernen.

Die Mischna (Bikkurim 3,7) berichtet von einer bemerkenswerten Entwicklung. Ursprünglich las jeder, der dazu in der Lage war, die Erklärung selbst vor. Wer nicht lesen konnte, dem wurde sie vorgesprochen. Das hatte zur Folge, dass viele Menschen, die nicht lesen konnten, sich schämten. Sie zogen es vor, die Bikkurim nicht zu bringen, anstatt sich dieser öffentlichen Demütigung zu stellen.

»Zuerst las jeder, der lesen konnte, selbst, und wer nicht lesen konnte, dem wurde vorgelesen«

In ihrer Weisheit reagierten unsere Rabbinen mit einer außergewöhnlich sensiblen Regelung. Die Mischna berichtet: »Zuerst las jeder, der lesen konnte, selbst, und wer nicht lesen konnte, dem wurde vorgelesen. Als man sah, dass diejenigen, die nicht lesen konnten, sich schämten und nicht mehr kamen, bestimmte man, dass allen vorgelesen werde.«

Diese Entscheidung verdient besondere Aufmerksamkeit. Die Weisen sagten nicht: »Wer nicht lesen kann, soll lernen.« Stattdessen veränderten sie die öffentliche Praxis für alle, um die Mizwa als Ganzes für jeden zu sichern. Von nun an musste sich selbst der größte Gelehrte die Erklärung vorsprechen lassen. Der Bartenura (Rabbi Ovadia von Bartenura, Italien, etwa 1450–1515) erklärt ausdrücklich, dass dies geschah, um die Scham derjenigen zu vermeiden, die nicht lesen konnten. Niemand sollte erkennen können, wer gebildet war und wer nicht. Hier begegnen wir einem der schönsten Beispiele dessen, was unsere Weisen unter »Kewod HaBrijot«, der Würde des Menschen, verstehen.

Bemerkenswert ist dabei, dass der Gelehrte bewusst darauf verzichten muss, sein Wissen öffentlich zu demonstrieren. Das ist mehr als Höflichkeit. Es ist »Anawa«, wahre Bescheidenheit und Demut.

Auch hier kommt wieder zum Ausdruck: Ich bin nicht die einzige Quelle meines Erfolges. Der Gelehrte erklärt durch sein Verhalten, dass er nicht über seinen Mitmenschen steht. Beide Aussagen entspringen derselben geistigen Haltung der Demut.

Eine wichtige Botschaft für das jüdische Gemeindeleben unserer Zeit

Vielleicht liegt darin auch eine wichtige Botschaft für das jüdische Gemeindeleben unserer Zeit. Manche Menschen betreten eine Synagoge, einen Schiur oder eine Gemeinde mit Unsicherheit. Nicht wenige sind mit den hebräischen Gebeten und deren Anordnung nicht vertraut, andere können kein Hebräisch lesen, wieder andere fühlen sich aufgrund ihres Wissensstandes oder ihrer persönlichen Biografie fehl am Platz.

Die Mischna über die Bikkurim gibt hierfür eine bemerkenswert zeitlose Orientierung. Die Weisen änderten weder die Mizwa noch den vorgeschriebenen Text und senkten auch nicht die religiösen Anforderungen. Sie gestalteten vielmehr den Rahmen so, dass kein Jude öffentlich beschämt wurde.

So gilt auch für uns, den Menschen mit Würde, in einer Haltung von Verständnis, Offenheit, Liebe und Unterstützung, an die religiösen Rituale und Anforderungen heranzuführen.

Der Autor ist Jugendrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde München.

inhalt
Die Israeliten sollen aus Dankbarkeit für die Ernte und die Befreiung aus der Sklaverei ein Zehntel der Erstlingsfrüchte opfern. Und sie sollen die Gebote des Ewigen auf großen Steinen ausstellen, damit alle sie sehen können. Danach schildert die Tora Fluchandrohungen gegen bestimmte Vergehen der Leviten. Dem folgt die Aussicht auf Segen, wenn die Mizwot befolgt werden.
5. Buch Mose 26,1 – 29,8

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