Talmudisches

Ein jüdischer Münchhausen

Foto: KI via ClaWi

Im talmudischen Traktat Bava Batra begegnen wir fantastischen Geschichten, die Rabba bar bar Chana von seinen Erlebnissen zu Wasser und zu Lande erzählt, von Seeungeheuern und unvorstellbar großen Vögeln. Die Erzählung von einer schönen grünen Insel, an der sein Schiff anlegte, erinnert an Sindbads Reisen (Bava Batra 73b).

Denn auch die Schiffsreisenden, die auf dieser Insel ein Lagerfeuer zum Kochen und Backen entzündeten, mussten feststellen, dass es sich nicht etwa um festes Land, sondern um einen riesigen Fisch handelte. Als es dem Fisch zu ungemütlich wurde, drehte er sich um, und die Leute konnten sich nur retten, weil ihr Schiff gleich in der Nähe war. Erst vor ein paar Wochen haben wir an dieser Stelle von der abenteuerlichen Geschichte berichtet.

Ein Vogel, der mit der unteren Hälfte seiner Beine im Wasser stand

Ein anderes Mal sahen sie einen Vogel, der mit der unteren Hälfte seiner Beine im Wasser stand. Es hätte sie eigentlich schon stutzig machen sollen, dass der Kopf des Vogels bis zum Himmel hinaufreichte. Aber es war so heiß, und sie wollten gern aussteigen und sich in dem vermeintlich flachen Wasser abkühlen. Zu ihrem Glück ertönte nun eine »Bat Kala«, eine Hallstimme, die sie warnte, dass hier vor sieben Jahren einem Zimmermann die Axt ins Wasser gefallen und diese immer noch nicht auf dem Meeresgrund angekommen sei, weil das Wasser nicht nur tief sei, sondern auch eine reißende Unterströmung habe.

Rabba bar bar Chana wusste auch fesselnde Geschichten aus der Wüste zu erzählen. So habe er dort tatsächlich einmal zwei Erdspalten gesehen, aus denen heißer Rauch aufstieg. Dies seien die Schluchten Korachs, habe ihm ein arabischer Mitreisender erklärt (Bava Batra 74a). Als man ein nasses Wollbüschel dort hineinhielt, wurde es sofort von der Hitze versengt. Aus dem tiefen Riss im Wüstenboden waren wehklagende Stimmen zu hören, die sagten: »Mosche und seine Tora sind wahr, und wir sind Lügner.«

Auch den Sinai habe er gesehen, berichtete Rabba bar bar Chana. Der Berg sei von lauter Skorpionen umgeben gewesen, so hoch wie weiße Esel. Auch hier hörte er eine Hallstimme vom Himmel, die rief: »Wehe mir, dass ich einen Eid geschworen habe, und nun, da ich ihn geschworen habe – wer kann ihn wieder aufheben?« Da reichte es den anderen Gelehrten, und sie entgegneten Rabba bar bar Chana: Jeder Abba sei ein Esel (ein Wortspiel mit seinem Namen, Rabbi Abba) und jeder Sohn des bar Chana ein Idiot. Warum habe er denn nicht einfach zu der Hallstimme gesagt: »Dein Schwur ist aufgehoben?«

Ein Eid um das Exil des jüdischen Volkes

Bei dem Eid sei es um das Exil des jüdischen Volkes gegangen; so meint auch der Raschbam. Andere Ausleger vermuteten hingegen, es ginge vielleicht darum, dass diejenigen, die während der 40 Jahre Wüstenwanderung gestorben waren, nicht in die Ruhe der kommenden Welt (Olam haba) eingehen sollten (Psalm 95,11).

Schließlich erwiderte Rabba bar bar Chana: Woher hätte er das denn wissen sollen? Er habe gedacht, die göttliche Hallstimme meinte womöglich den Schwur, dass keine große Flut mehr die Erde verwüsten solle. Die während der Wüstenwanderung verstorbenen Israeliten habe er übrigens auch gesehen. Sie lagen dort in der Wüste auf dem Rücken und machten den Eindruck von Betrunkenen.

Einer der Toten habe ein Bein angewinkelt, unter dem konnte ein Mann zu Pferde mit aufgestellter Lanze hindurchreiten, ohne es zu berühren. Rabba schnitt bei der Gelegenheit bei einem der Toten ein Ende eines purpurnen Tallitfaden ab. Doch mitnehmen konnte er ihn nicht. Denn er blieb festgebannt an Ort und Stelle und konnte sich erst wieder weiterbewegen, als er das gestohlene Gut zurückgab. Auch hier nannten ihn die anderen Gelehrten einen Esel. Vermutlich glaubten sie ihm kein Wort.

War Rabba bar bar Chana nun einfach ein jüdischer Münchhausen, wie ihn Rabbiner Joseph Hertz nennt? Namhafte Kommentatoren wie Rabbi Jehuda Löw von Prag und Rabbi Nachman von Bratzlaw sind da ganz anderer Meinung. Sie sehen hinter den vermeintlichen Nonsensgeschichten stattdessen tiefgründige Weisheiten.

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