Paraschat Re’eh beginnt mit einer ungewöhnlichen Anweisung: »Siehe, Ich lege euch heute Segen und Fluch vor« (5. Buch Mose 11,26). Wenn wir einmal davon absehen, dass die Anrede in diesem Satz vom Singular zum Plural wechselt, verblüfft in diesem wichtigen Vers vor allem die Betonung des Sehens. Im zweiten Abschnitt des Schma, einem anderen bedeutsamen Text (11,13), mit dem wir den vorherigen Wochenabschnitt Ekew abgeschlossen haben, war noch das Hören der zentrale Ausdruck unseres Bundes mit dem Ewigen. »Wenn ihr auf meine Gebote hört«, hieß es da, woraufhin die Tora Segen und Fluch als Folge von Gehorsam oder Ungehorsam darlegte. Nun rückt an diese Stelle das Sehen. Dies bedarf einer Erklärung.
Eine der zentralen Warnungen des vorangegangenen Abschnitts galt der Gefahr des Götzendienstes. Dort (11,16) heißt es: »Hütet euch, dass euer Herz nicht verführt werde (jifte).« Über die Bedeutung des Wortes »jifte« streiten die Kommentatoren seit Jahrhunderten. Geht es dabei um einen äußeren Akt der Täuschung – dass das Herz also von äußeren Einflüssen irregeführt wird – oder doch eher um eine innere, gleichsam selbst initiierte Verführbarkeit? Verschiedene Deutungen sind üblich. Auf jeden Fall scheint dieser Vorgang aber dem zu entsprechen, was wir im dritten Abschnitt des Kriat Schma gewissermaßen als Erklärung des zweiten lesen: »Auf dass ihr euren Augen nicht nachhurt.« Wir entfernen uns von Gott, der Tora und unserem Volk nicht nur durch den Vorgang des Hörens, sondern auch – oder vielleicht primär – durch das Sehen. Nicht umsonst werden kanaanitische Kultpraktiken von den Propheten in äußerst sinnlichen, körperlichen Begriffen verstanden und getadelt.
Die israelische Toraforscherin Zippora Lifschitz bezeichnet unseren Wochenabschnitt als »Gebotsrede«
Doch hält unsere Parascha noch mehr bedeutsame Botschaften für uns bereit. Die israelische Toraforscherin Zippora Lifschitz bezeichnet den mittleren Teil des 5. Buches Mose, der mit unserem Wochenabschnitt Re’eh beginnt, gar als die »Gebotsrede«. Dieser Mittelteil sei – wie bereits der sefardische Exeget Abarbanel (Don Isaac Abarbanel, 1437–1508) bemerkt hat – das Herzstück des ganzen Buches.
Besonders aufschlussreich ist hierbei Lifschitz’ Beobachtung zur Parallelität zwischen dem Beginn dieser Parascha und dem Abschluss der Parascha Nizawim. Auch dieser Abschnitt (30,15) beginnt mit dem Wort »Siehe«. Doch während unsere Parascha Segen und Fluch einführt, lautet der Vers dort: »Siehe, Ich habe dir heute Leben und Glück, Tod und Unheil vorgelegt.« Lifschitz hält dazu fest: »Die Tora wechselt (von unserer Parascha hin zu Nizawim) von einer symmetrischen Darstellung zweier gangbarer Optionen zu einer Schlussfolgerung‚ nämlich: ›Wähle das Leben.‹«
Zu Beginn des 12. Kapitels erhalten die Israeliten außerdem den Auftrag, beim Einzug ins Gelobte Land die Kultorte und Altäre der anderen Völker zu vernichten. Die Hinwendung zu einem einzigen Ort der Gottesverehrung, »an dem Ort, den der Ewige, dein Gott, erwählen wird«, war nicht bloß eine kultische Anordnung, sondern eine religiöse Revolution. Die polytheistischen Kulturen der Levante praktizierten Riten, die mit den Grundsätzen des Judentums unvereinbar waren; der Monotheismus bedeutete eine fundamentale Zäsur. Und doch war der lange Schatten auch in den Jahrhunderten danach noch spürbar und bedeutete, durch das Abweichen der Augen auf andere Pfade, eine stetige spirituelle Gefahr.
Weshalb lehrt die Tora ein Gesetz, das niemals angewandt werden kann?
Das Kapitel 13 befasst sich dann, so Rabbiner Joseph Hertz (1872–1946), mit religiösen Verführern: falschen Propheten, Angehörigen der eigenen Familie und ganzen Städten, die dem Götzendienst verfallen sind. Die angedrohten Strafen erscheinen uns heute hart. So soll eine Stadt, die vollständig dem Götzendienst anheimgefallen ist – die »Ir Hanidachat«, die verführte Stadt –, vernichtet werden.
Doch auch diese düstere Lehre birgt einen Silberstreifen am Horizont. Unsere talmudischen Weisen versichern (Sanhedrin 71a), dass eine solche Stadt weder existiert habe noch je existieren werde; die Voraussetzungen für die Anwendung dieses Gesetzes seien praktisch unerfüllbar. Der tannaitische Gelehrte Rabbi Elieser behauptet, eine Stadt mit auch nur einer Mesusa könne nicht zur »Ir Hanidachat« werden. Weshalb also lehrt die Tora ein Gesetz, das niemals angewandt werden kann? Die Antwort des Talmuds lautet: »Lerne es und empfange Lohn!« Die Beschäftigung mit der Tora ist Zweck genug.
Ein lehrreiches Nachspiel zu diesen Themen bietet das Alejnu. Ursprünglich als Einleitung zur Malchujot-Sektion des Rosch-Haschana-Mussaf konzipiert, wurde das Gebet spätestens im 12. Jahrhundert auch täglich rezitiert, zunächst in Nordfrankreich und England, wie die Liturgieforscherin Ruth Langer belegt.
Die erste Strophe preist den Ewigen dafür, Israel erwählt zu haben, im Gegensatz zu den Völkern, die »Nichtigkeit anbeten und zu einem Gott beten, der nicht rettet«. Dieser Satz zog in der Folge die Aufmerksamkeit christlicher Zensoren auf sich. Noch im 18. Jahrhundert schickte die preußische Regierung Zensoren in Synagogen, um sicherzustellen, dass er nicht laut gebetet wurde.
Heute lassen viele nichtorthodoxe aschkenasische Gemeinden diesen Satz stillschweigend aus. Andere setzen ihn in Klammern oder übergehen ihn melodisch. In Israel hingegen gehört er seit dem Erscheinen des Siddurs »Kol Rina« wieder zum Standardtext; ArtScroll folgte, und Koren druckt die Zeile in Klammern – eine faszinierende Dialektik von Hören und Sehen der ganz eigenen Art.
»Nur indem wir das bleiben, worin wir einzigartig sind, geben wir der Menschheit das, was nur wir ihr geben können«
Zwischen der Pflicht zur Vernichtung fremder Altäre (12,3) und der Hoffnung im Alejnu, dass Gott selbst die Götzen von der Erde entfernen möge, liegt eine aufschlussreiche Verschiebung: von menschlichem Handeln zur göttlichen Vollendung. Der frühere britische Oberrabbiner Jonathan Sacks (1948–2020) meinte dazu: »Es gibt keinen Widerspruch zwischen Besonderheit und Universalität. Nur indem wir das bleiben, worin wir einzigartig sind, geben wir der Menschheit das, was nur wir ihr geben können.«
Das Gebot »Re’eh« (Siehe) ist mehr als eine Einladung, Optionen abzuwägen. Es ist ein Aufruf, Segen und Fluch im eigenen Leben zu erkennen und Entscheidungen zu treffen, die den Werten unserer Überlieferung entsprechen.
Der Autor studiert am Abraham Joshua Heschel Seminar.
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Der Wochenabschnitt Re’eh beginnt mit den Worten, die Mosche an das Volk richtet: »Siehe, Ich lege heute vor euch Segen und Fluch!« Den Segen erhalten die Bnei Israel, wenn sie auf die Gebote Gottes hören. Der Fluch wird über sie kommen, wenn sie sich nicht entsprechend verhalten und sich fremden Götzen zuwenden. Bei den nachfolgenden Ritualgesetzen geht es um die Errichtung eines zentralen Heiligtums, um Schlachtopfer, die Entrichtung des Zehnten (Ma’aser) und um die Erfüllung von Gelübden (Neder). Dann folgen die Speisegesetze, und zum Schluss werden die Regeln für das Schabbatjahr beschrieben und die Feiertage Pessach, Schawuot und Sukkot sowie die damit verbundenen Vorschriften erwähnt.
5. Buch Mose 11,26 – 16,17