Jom Kippur

Noch einen Bissen, dann ist Schluss

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Suppe, Kartoffeln und Fleisch, vielleicht noch etwas Salat und zur Nachspeise ein Stück Kuchen nach dem Familienrezept. Danach ist Schluss, und zwar für 25 Stunden. Für viele, die sich ans Fastengebot von Jom Kippur halten, beginnt am Vorabend des höchsten jüdischen Feiertags eine Zeit, die nicht nur mit Ein- und Umkehr zu tun hat, sondern auch mit Entbehrung.

Der wohl zentralste Verzicht an diesem Tag, den Juden seit 2500 Jahren begehen, ist der des Essens und Trinkens. Dem einen macht das Fasten kaum etwas aus, die andere kämpft mit dem permanenten Hungergefühl und zählt die Stunden, bis drei Sterne am Himmel zu sehen sind und der Feiertag endlich vorbei ist.

Wer 25 Stunden lang nichts isst und trinkt, setzt sich dem Feiertag auch körperlich aus

Ob religiös oder nicht, viele Jüdinnen und Juden fasten an diesem Tag. Gerade für weniger praktizierende Menschen kann das Fasten zu einer körperlichen Herausforderung werden. Wer 25 Stunden lang nichts isst und trinkt, setzt sich dem Feiertag nicht nur gedanklich, sondern auch körperlich aus. Der Verzicht an Jom Kippur macht den Tag unmittelbar erfahrbar – und wird damit zu einem Ausdruck jüdischer Zugehörigkeit, die nicht zwingend an Religiosität gebunden ist. »Bereits der jüdische Philosoph und Theologe Philon von Alexandrien hielt an einer Stelle fest, dass das ›Fasten‹, so bezeichnet Philon den Jom Kippur, auch von jenen Juden eingehalten werde, ›die in ihrem sonstigen Leben keine Werke der Frömmigkeit üben‹«, sagt René Bloch, Judaistikprofessor an der Universität Bern.

Nicht zufällig heißt die englische Bezeichnung für Frühstück »breakfast« – »Fastenbrechen«. Auch das französische »déjeuner« wollte ursprünglich ein Fastenbrechen bezeichnen, abgeleitet vom vulgärlateinischen »disieiunare«, obwohl sich seine Bedeutung im Lauf der Zeit zu Mittagessen verlagerte. Sprachgeschichte erzählt hier zugleich Kulturgeschichte: Fasten war einst so selbstverständlich, dass sich sein Ende – das erste Essen nach einer Zeit des Verzichts – im alltäglichen Wortschatz festsetzte.

Man kann das Fasten auch als Flirt mit göttlicher Unsterblichkeit verstehen.

Bereits in der Antike war man überzeugt, dass diese Art des Verzichts, oder zumindest der Mäßigung, gesund sei. Auch der griechische Arzt Hippokrates, der vor 2500 Jahren die Grundlagen für die Medizin als Wissenschaft legte, beschäftigte sich mit dem Fasten: »Wer stark, gesund und jung bleiben will, (…) heile sein Weh eher durch Fasten als durch Medikamente.« Gleichzeitig ist in Hippokrates’ Aphorismen eine gewisse Skepsis zu erkennen: »Weder Sättigung noch Hunger noch sonst irgendetwas ist gut, wenn es das natürliche Maß überschreitet.«

Auf Nahrung zu verzichten, um den Körper zumindest zu schonen und etwas Gesundes zu bewirken, ist allerdings keinesfalls neu. »Das Fasten erinnert den Menschen an seine Sterblichkeit«, erklärt der Judaist Bloch. »Man kann das Fasten auch als Flirt mit göttlicher Unsterblichkeit verstehen: Der fastende Mensch tut so, als müsste er nicht essen, als wäre er unsterblich. In der griechischen Mythologie heißt die Götterspeise typischerweise ›Ambrosia‹, was wörtlich ›unsterblich‹ bedeutet.« Götter müssen nicht essen, oder sie haben eine Speise, die sie unsterblich macht. »Wenn der Mensch nicht isst, nähert er sich dem Göttlichen an. Typischerweise fastet Moses auf dem Berg Sinai in unmittelbarer Nähe zu Gott. 40-mal länger als an Jom Kippur.«

Trotzdem sei Fasten zuerst einmal eine Form von Speisegesetz, sagt Bloch. »Sozusagen ein Speisegesetz ex negativo. Und wir wissen, dass der Mensch ein Bedürfnis hat, sein Essensverhalten zu regulieren.«

Im antiken Griechenland und Rom spielte das Fasten kaum eine Rolle

Die jüdischen Speisegesetze mögen detailliert sein, aber sie seien kulturgeschichtlich die Regel, nicht die Ausnahme. Fasten ist im Christentum genauso zentral wie im Islam. Andererseits spielte es laut dem Judaisten und Altphilologen im antiken Griechenland und Rom kaum eine Rolle, außer bei Initiationsriten.

Die sogenannten »rites de passages« markieren auch im Judentum eine wichtige Schwelle: Fasten kann dabei eine Möglichkeit sein, diesen Übergang nicht nur symbolisch, sondern auch körperlich erfahrbar zu machen. »Dazu gehört zum Beispiel das Fasten vor der Hochzeit«, sagt Bloch. »Auch das Fasten (der Erstgeborenen) vor Pessach markiert den Übergang von der Sklaverei zur Freiheit.«

Gefastet wird längst nicht mehr allein aus religiösen Gründen. Heilfasten, Intervallfasten oder zeitlich begrenzte Ernährungspausen sind Teil einer modernen Gesundheitskultur geworden. Wo früher die Seele im Mittelpunkt stand, geht es heute häufig um den Körper: um Stoffwechsel, Gewicht, Wohlbefinden oder die Hoffnung, ihm mit einer Essenspause etwas Gutes zu tun. Es gibt Fastenkliniken, Kuren und zahllose Anleitungen zum Fasten als Vorgang mit kathartischem Effekt.

Beim Intervallfasten darf nur während acht Stunden am Tag gegessen werden

So gilt auch das Intervallfasten, das dem oder der Fastenden nur innerhalb eines bestimmten Zeitraums erlaubt zu essen, als eine Art des Fastens, dem eine gesundheitsfördernde Wirkung auf den Stoffwechsel zugeschrieben wird. Beim Verhältnis 16:8 darf während acht Stunden am Tag gegessen werden, in den restlichen 16 Stunden wird auf die Nahrungszufuhr komplett verzichtet. Die fastende Person entscheidet individuell, was sie in den acht Stunden zu sich nimmt.

Irgendwann nach der Pandemie hat auch Debbie, eine jüdische Berlinerin, die nicht mit vollem Namen in der Zeitung erscheinen möchte, mit dem Intervallfasten begonnen. Eine einschneidende Veränderung ihrer Essgewohnheiten, die bis heute andauert, wie die 39-Jährige rückblickend erzählt: »Ich esse nach wie vor kein Frühstück und spüre meinen Hunger erst gegen Mittag.« Fast zehn Monate lang habe sie es durchgezogen – mit Erfolg, wie sie stolz sagt. »Mein Ziel war es, mehrere Kilos abzunehmen«, was ihr auch gelungen sei.

Aber der Anfang sei hart gewesen. Man sei permanent müde und schaue immer auf die Uhr. Um der Versuchung zu widerstehen, nach der letzten Mahlzeit noch einmal etwas zu sich zu nehmen, sei sie früh ins Bett gegangen. »Ich versuchte, den Hunger mit Schlaf zu überlisten. Solche Strategien braucht man, zumindest anfangs«, sagt die zweifache Mutter, die jeweils zusammen mit ihren Kindern die warme Mahlzeit am Abend eingenommen hat.

So fing sie an, ihren Alltag nach ihren Essgewohnheiten zu gestalten. »Wenn ich mich abends mit Freundinnen traf, musste ich spätestens um 20 Uhr gegessen haben. Danach gab es für mich außer Wasser oder Tee nichts mehr.« Das Umfeld habe positiv darauf reagiert, und oft bekam sie zu hören: »Das würde ich nie hinbekommen.« Sogar ihre Mutter wollte mitmachen, »doch sie gab irgendwann auf, weil ihr der Kaffee mit Milch und Zucker fehlte«.

Debbie machte dies nichts aus. Nach einigen Wochen hatte sie den Rhythmus intus. »Ich war natürlich glücklich darüber, dass ich es so lange aushielt, gerade auch, weil ich das Intervallfasten ohne Sport umsetzte. Ich veränderte mein Leben nicht radikal, sondern passte lediglich auf, was ich zu mir nahm, und richtete die Zeiten danach aus.« Als besondere Herausforderung verzichtete Debbie einmal 30 Tage lang komplett auf Zucker. »Auch daran gewöhnt man sich. Das erste Stück Kuchen danach war besonders süß.« Wie viele Kilos tatsächlich gepurzelt sind, lässt die junge Frau offen. »Aber irgendwann begann auch das Shoppen wieder Freude zu machen.«

Was macht es mit einem Menschen, wenn er eine Zeit lang auf das verzichtet, was sonst selbstverständlich ist?

Was auch immer die Waage anzeigt, beim Fasten stellt sich generell die Frage: Was macht es mit einem Menschen, wenn er für eine Weile auf das verzichtet, was sonst selbstverständlich ist? Denn wer fastet, tut dies für nur kurze Zeit. Alles Weitere wäre ein Hungerstreik. So kann eine nächtliche Essenspause von etwa zwölf Stunden bereits sinnvoll sein, wie die Ärztin Yael Adler erklärt. »Schon in dieser Pause ohne ständigen Nahrungsnachschub muss der Körper weniger neu zugeführte Energie verarbeiten und greift zunehmend auf seine gespeicherten Energiereserven zurück.

Außerdem unterstützt eine regelmäßige nächtliche Essenspause unsere Darmflora und unseren natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus.« Mehrtägiges Fasten könne ebenfalls positive Stoffwechsel- und psychische Effekte haben. Mit zunehmender Fastendauer sinke das Insulin, und der Körper schalte stärker von Zucker als Energiequelle auf seine Fettreserven um und bilde aus Fett sogenannte Ketonkörper, die unter anderem Gehirn und Muskeln als Energiequelle nutzen können.

Dann werden zelluläre Reparatur- und Recyclingprozesse wie die Autophagie stärker aktiviert, eine Art zelluläre Müllabfuhr: Die Zelle zerlegt beschädigte oder nicht mehr benötigte Bestandteile und verwertet einen Teil davon wieder. Gleichzeitig wird bei längerem Fasten auch körpereigenes Eiweiß, darunter Muskelmasse, zur Energiegewinnung und zur Herstellung von Zucker abgebaut, was nachteilig ist, denn Muskeln sind unsere Brennöfen, schützen Knochen und geben Kraft und Stabilität.

»Fasten ist für gesunde Menschen also kein Muss«, erklärt die Expertin für Ernährungsmedizin: »Fasten reinigt die Organe auch nicht. Der Körper besitzt mit Leber, Nieren, Darm und Lunge ohnehin eigene Systeme, die ständig Stoffwechselprodukte abbauen, umwandeln und ausscheiden. Fasten verändert vielmehr den Stoffwechsel und bestimmte Zellprozesse.« Verschiedene Formen des Fastens sind inzwischen gut untersucht, so die Medizinerin. Menschen mit Übergewicht, einer verminderten Wirkung von Insulin, einer Kombination aus Übergewicht, erhöhtem Blutdruck und gestörtem Zucker- und Fettstoffwechsel oder einer Fettleber können profitieren.

»Intervallfasten eignet sich nicht für jeden«, räumt die Ärztin Yael Adler ein

»Allerdings ist Intervallfasten zum Beispiel bei vergleichbarer Kalorienmenge nicht unbedingt wirksamer als eine normale Kalorienreduktion und eignet sich nicht für jeden«, räumt Adler ein. Mehrtägiges Fasten könne zudem Schwindel, Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme, Verschiebungen wichtiger Salze im Körper, Gichtanfälle oder Muskelverlust verursachen. Untergewicht, geringe Muskelmasse, altersbedingter Muskelabbau, Essstörungen sowie Schwangerschaft und Stillzeit sprechen dagegen. Genauso sollten auch Kinder und Jugendliche nicht ohne medizinischen Grund fasten. Bei Medikamenteneinnahme, Diabetes sowie chronischen oder schweren Leber- und Nierenerkrankungen ist ärztliche Begleitung wichtig.

Dass Fasten heute vor allem mit Gewichtsverlust und Stoffwechsel verbunden wird, ist eine vergleichsweise junge Entwicklung. Über Jahrhunderte war es vor allem ein religiöses Ritual. Der bewusste Verzicht auf Nahrung sollte den Menschen aus seinem Alltag herauslösen und ihn auf das Wesentliche konzentrieren. Er konnte als Zeichen der Reue verstanden werden, der Selbstdisziplin dienen oder die Nähe zu Gott suchen lassen.

Wer fastet, tut dies nur für kurze Zeit. Alles Weitere wäre ein Hungerstreik.

Auch Raisy Marilus, eine orthodoxe Jüdin aus Zürich, betrachtet diese Praxis als eine Form der Kommunikation mit Gott. »Man vertieft die Verbindung zu Haschem. Indem man die Heiligkeit dieses Tages voll ausschöpft – durch den Aufenthalt in der Synagoge, durch Fasten und Gebet –, spürt man eine Nähe zu Ihm.« Sie komme sehr gut mit dem Fasten zurecht, sagt sie. »Einmal machte sich eine Freundin darüber lustig, dass ich – selbst nach einem ganzen Tag des Betens in der Synagoge und dem Fasten – erst noch duschte, bevor ich das Fasten brach«, erinnert sich die gebürtige Engländerin. Aber so sei sie eben, sie müsse sich wohlfühlen, bevor sie esse. Auch an einem Tag wie Jom Kippur.

Heute erinnert sich die 42-Jährige, wie sie als junge Mutter an diesem Tag zum ersten Mal wieder in die Synagoge ging: »Ich ließ meine Kinder bei Freunden, die am Vormittag bei uns gespielt hatten – wir hatten uns abgewechselt. Ich fühlte mich wie ein freier Vogel.« Sie sei genau zum Avoda-Teil angekommen und habe gesehen, wie der Vorbeter sich verneigte: »Genau wie es damals im Bet HaMikdasch gewesen sein muss. Das ließ mich vor Ehrfurcht schaudern. Es herrschte eine majestätische, feierliche Stimmung, und ich wollte die Synagoge am liebsten gar nicht verlassen. Dieses jährliche Ritual, bei dem die Kinder bei denselben Freunden spielten oder diese zu uns kamen, tat allen gut. Wir behielten es bei, bis die Kinder alt genug waren, um mitzukommen und still und ruhig dazustehen.«

Vermutlich werden auch sie eines Tages an Jom Kippur fasten. Der Wunsch nach freiwilligem Entbehren wird den Menschen gewiss auch in Zukunft begleiten. Die Gründe mögen sich ändern – der Verzicht bleibt.

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