Teschuwa

Auf die echte Erneuerung!

Passt auch zum Neujahr: »Titchadschi!« wünscht man einer Frau zur neuen Frisur. Foto: Getty Images

»Titchadschu!« Dies ist ein erfreulicher und empathischer Ausruf auf Hebräisch, der die Freude für Mitmenschen ausdrückt, die eine Erneuerung im Leben erfahren durften – verbunden mit wohlwollendem Segen und guten Wünschen. Das kann die Anschaffung eines neuen Kleidungsstücks, Handys, Möbels, Automobils oder einer Wohnung sein, oder auch eine persönliche Veränderung wie einen anderen Look oder eine neue Frisur betreffen. Wörtlich genommen bedeutet der Ausruf: »Erneuert euch!« Sinngemäß heißt es aber eher: »Viel Freude mit der Erneuerung!«

Dieser Ausdruck ist auch in Erwartung des Neuen Jahres im jüdischen Kalenderjahr nicht verkehrt. Doch was erneuert sich eigentlich? Erneuern wir uns mit dem Neuen Jahr wirklich? Werden wir zu anderen Menschen?

Vielleicht lassen sich diese Fragen gut am Konzept der Teschuwa veranschaulichen, die während der Hohen Feiertage im Mittelpunkt steht. Teschuwa lässt sich sowohl mit »Umkehr« als auch mit »Rückkehr« übersetzen. Zwischen diesen beiden Begriffen liegt jedoch ein großer Unterschied.

»Umkehr« meint die Abkehr von Sünden, das Ablassen vom frevelhaften Weg. Im Talmud werden Biografien von Männern geschildert, die von ihrem sündigen Dasein gänzlich abließen und ein komplett neues Leben begannen, wie etwa Resch Lakisch, der vom Räuber-Hauptmann zum großen Talmudgelehrten avancierte (Bawa Mezia 84a), oder Rabbi Elasar ben Durdaja, welcher mit der intensiven Abkehr von seinen Sünden seine geläuterte Seele dem Schöpfer zurückgab (Awoda Sara 17a).

»Rückkehr« trägt eine andere, wesentlich umfassendere Bedeutung in sich: die Rückkehr zu sich selbst oder zu G’tt.

»Rückkehr« aber trägt eine andere, wesentlich umfassendere Bedeutung in sich: die Rückkehr zu sich selbst oder zu G’tt, zum ursprünglichen Element, aus welchem die Seele gestrickt ist. Rav Avraham Yitzchak Kook, der erste aschkenasische Oberrabbiner Israels, sieht darin die höhere Stufe der Teschuwa: nicht nur von einzelnen Sünden abzulassen, sondern den Weg der Seele zu sich selbst zurück, zu einem seelisch erfüllten, werteorientierten Leben, den Weg zur ewiglichen Bedeutung im Lichte G’ttes zu verfolgen (Orot haTeschuwa 4,8; 13,6; 17).

Dieser Weg bedeutet nicht zwingend, das Bisherige loszulassen, sondern auf ihm aufzubauen, die positiven Elemente aus dem Erreichten zu übernehmen und auf ihnen ein weiteres Stockwerk zu errichten in jenem Gebäude der Persönlichkeit, das dem Himmel entgegenstrebt. Und wenn die Gesamtheit dieses Gebäudes auf seine ganze edle und reine Schönheit ausgerichtet ist, werden auch die Mängel behoben, denn sie beflecken diese Schönheit und werden als störende Trennwand im Gesamtbild erkannt.

Einklang, Harmonie und Resonanz mit dem eigentlichen inneren Wesen werden dem Menschen wieder feste Begleiter sein und sich günstig auf sein Leben und dessen Begleitumstände auswirken. Wenn wir auf das vergangene und das neue Jahr blicken, möge unser Blick nicht nur auf das Schlechte und Negative gerichtet sein, das wir zurücklassen und nicht mehr an uns heranlassen wollen.

Er möge mindestens ebenso auf all die Errungenschaften, das viele Gute und Positive, das Stärkende und das Wachsende, das uns im vergangenen Jahr begleitet und vorangebracht hat, fokussieren, um darauf weiter aufzubauen und als Individuum und Gemeinschaft weiter wachsen zu können, dem Himmel entgegen.

In diesem Sinne: Titchadschu! Mögen alle viel Freude mit dem Neuen Jahr haben und in ihm erleben.

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