Neujahr

Stunde null

Rabbinerin Elisa Klapheck Foto: picture alliance / dpa

In Zeiten, in denen unsere freiheitliche Grundordnung in Bedrängnis gekommen ist, könnte die Frage, warum wir Juden im siebten Monat den neuen Jahresanfang feiern, aufschlussreich sein. In der Tora wird ganz klar der Frühlingsmonat als der erste Monat des Jahres bezeichnet. Das ist der Monat Nissan, in dem wir Pessach feiern. Die Tora führt zwar einen »ersten Tag im siebten Monat« auf und bezeichnet ihn als »Feiertag des Posaunenschalls« – Jom Terua (3. Buch Mose 23,24 und 4. Buch Mose 29,1), aber von einem neuen Jahresanfang ist dort keine Rede. Im Talmud wird viel über die Verwirrung von zwei Jahresanfängen diskutiert.

Es gibt allerdings eine andere Stelle – viel später im Tanach –, die auch eine Erklärung sein könnte. Es ist Kapitel 8 im Buch Nehemia. Darin wird der Moment beschrieben, als die jüdischen Exilanten aus dem babylonischen Exil zurückgekehrt sind und sich in Jerusalem am Wassertor versammeln (im 5. Jh. v.d.Z.). In dieser Szene steigt Esra, der charismatische Priester und Schriftgelehrte, auf die Bühne und liest der Menge aus einem Sefer Tora, einer Torarolle, vor.

Für die zurückgekehrten Juden beginnt eine neue Zeit

Die Wissenschaft ist sich einig, dass diese Sefer Tora, die Esra aus dem Exil mitgebracht und dort aus älteren Schriftstücken zu einer Tora zusammengestellt hat, im Großen und Ganzen unserer heutigen Tora entspricht, die wir jeden Schabbat in der Synagoge lesen. Mit dieser Sefer Tora, die Esra den jüdischen Zuhörern – Männern und Frauen – an diesem und an dem darauffolgenden zweiten Tag vorliest und erklären lässt, beginnt für die zurückgekehrten Juden eine neue Zeit.

Dass es sich um den Anfang des siebten Monats gehandelt haben muss, erkennen wir beim Lesen dieses Kapitels daran, dass die Menge von den Bestimmungen für Sukkot erfährt, welches nur ein paar Tage später gefeiert werden soll.

Mit diesem Vorlesen der Tora wird ein Neuanfang gesetzt. Im Zentrum steht fortan weniger der alte Opferkult als das Lesen der Tora – die Auseinandersetzung mit dem Text und den Gesetzen. Es gibt in diesem historischen Kontext auch eine Art Abstimmung. Die Menge spricht sich dafür aus, dass ab jetzt diese Tora gelten soll.

Es ist eine Stunde null. Und es ist das demokratische Element darin, das mich berührt.

Es ist eine Stunde null. Und es ist das demokratische Element darin, das mich berührt. Dass es den Menschen zusammen gelungen war, aus einer traumatischen Zeit herauszuziehen und einen neuen Anfang zu setzen. Die jüdische Tradition verbindet mit dieser Rückkehr zugleich die Umkehr zu Gott (Teschuwa). Hierfür brachte Esra die entscheidende Voraussetzung mit – eine Sefer Tora.

Solche historischen Stunden null gibt es in der Menschheitsgeschichte immer wieder. Menschen haben das Potenzial, nach aufwühlenden Zeiten von Unrecht, Unterdrückung, Verfolgung, Gewaltherrschaft wieder eine Stunde null zu setzen. Menschen tragen auch das Potenzial in sich, zu wissen, welche Werte und Bestimmungen in dieser Stunde null in Kraft treten und fortan halten müssen. Mit einem Grundgesetz, einer neuen freiheitlichen Ordnung, einer Verfassung – einer Sefer Tora.

Die beiden ersten Tage des siebten Monats zum Neuanfang erklärt

Der Tanach gibt eine solche historische Stunde null im Buch Nehemia an, und möglicherweise sind mit dieser Szene auch die beiden ersten Tage des siebten Monats zum Neuanfang erklärt worden, ab dem man die Jahre zählt – und sogar die Zeit der Schöpfung. Unsere Tradition hat daraus eine alljährliche Stunde null gemacht, in der wir durch Teschwua unsere guten persönlichen Potenziale hervorrufen und starkmachen. Jeder kleine Moment ist auch ein großer historischer Moment oder zumindest Voraussetzung dafür.

Ich wünsche im Namen der Allgemeinden Rabbinerkonferenz allen Leserinnen und Lesern der Jüdischen Allgemeinen ein Schana towa u-meworechet, ein gutes und gesegnetes neues Jahr 5787.

Die Autorin ist Vorsitzende der Allge­meinen Rabbinerkonferenz Deutschland (ARK) und Rabbinerin der liberalen Synagogengemeinschaft »Egalitärer Minjan« in der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main.

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