Rosch Haschana

»Wenn ich einmal reich wärʼ …«

»If I Were a Rich Man«: Chaim Topol als Tevje in dem amerikanischen Musicalfilm »Fiddler on the Roof« (1971) Foto: picture alliance / United Artists/AF Archive/Mary E

Rosch Haschana

»Wenn ich einmal reich wärʼ …«

An Neujahr, so sagt der Talmud, legt Gʼtt die Summe fest, die wir im kommenden Jahr verdienen werden. Warum wir trotzdem arbeiten, planen und gut haushalten sollten

von Rabbiner Dovid Gernetz  11.09.2026 11:32 Uhr

Wenn es um das Verhältnis vieler Menschen zu Geld und Reichtum geht, dann trifft das Lied »If I Were a Rich Man« aus dem Musical Fiddler on the Roof den Nagel auf den Kopf. Darin richtet sich der Protagonist Tevye an G’tt und schwärmt davon, wie sehr sein Leben besser wäre, wenn er einmal reich wäre – er müsste nicht mehr arbeiten, er wäre im Besitz einer prächtigen Villa, und seine Frau Golde hätte endlich ein richtiges Doppelkinn.

Viele von uns können sich sicherlich mit Tevye und seinen Träumen (zumindest mit den meisten) identifizieren. Nicht umsonst wurde das Lied im Juni dieses Jahres von CBS News in die Liste der 250 bedeutendsten US-amerikanischen Lieder aufgenommen. Doch können wir einen Einfluss darauf nehmen, ob wir arm oder reich sind?

Streben nach materiellem Reichtum

Natürlich muss zuvor betont werden, dass wahrer Reichtum laut der jüdischen Auffassung nicht darin liegt, viel Geld oder materiellen Besitz zu haben, sondern mit seinem Anteil zufrieden zu sein (Pirkei Avot 4,1). Unsere Weisen haben erkannt, dass das Streben nach materiellem Reichtum den Menschen nicht glücklich machen wird, und solange er die Anhäufung von Geld als Zweck betrachtet, wird er ungesättigt und unglücklich bleiben – auch mit 800 Milliarden Dollar auf dem Bankkonto, so wie Elon Musk laut dem Magazin »Forbes«.

Elon Musks Tweet im Februar 2026 »Whoever said ›money can’t buy happiness‹ really knew what they were talking about« ist ein gutes Beispiel dafür. Dennoch benötigen wir Geld, um uns zu ernähren, und der Broterwerb gehört zu den Pflichten des Menschen. Im Rahmen dieser Pflicht ist Finanzplanung daher auch aus der Sicht des Judentums vollkommen legitim.

Im Talmud werden Reichtum und Armut zu den Tugenden gezählt, die noch vor der Geburt des Menschen von G’tt vorbestimmt werden. Diese Vorbestimmungen stehen in Einklang mit der individuellen Aufgabe und Mission des Menschen, wofür er oder sie auf die Erde geschickt wird. Obwohl diese generelle Tendenz, die den Menschen im Verlauf seines Lebens begleiten wird, festgelegt wurde, kann der Mensch Einfluss darauf nehmen, wie erfolgreich er oder sie jedes Jahr sein wird.

Mit einem bestimmten Jahresbudget sollte man seine Ausgaben sehr gründlich abwägen.

Im Talmud (Beiza 16b) steht, dass G’tt an Rosch Haschana entscheidet, wie viel Einkommen jeder Mensch im kommenden Jahr bekommen wird. Aus diesem Grund beten wir an Rosch Haschana auch für das materielle Wohl, und im Gebet »Avinu Malkenu« bitten wir G’tt explizit darum, dass uns G’tt in das Buch von Parnassa (Einkommen) und Kalkala (Verpflegung) einschreiben soll. Durch unser Gebet können wir bewirken, dass das Einkommen höher bemessen wird.

Nachdem das Urteil an Rosch Haschana gefällt wurde, scheint es jedoch, dass das festgelegte Einkommen nicht mehr geändert werden kann. So steht auch im »Chovat HaLevavot« (»Die Pflichten des Herzens«, 11. Jahrhundert, von Rabbi Bahya ibn Paquda), dass G’tt es so wollte, dass der Mensch für seinen Lebensunterhalt arbeiten muss – aber man wird auch durch noch so viel Mühe nicht mehr verdienen, als an Rosch Haschana bestimmt wurde.

Durch Fleiß und Anstrengung sein Einkommen vergrößern

Rabbi Jehoschua Leib Diskin (1818–1898) ist damit nicht einverstanden. Er ist der Ansicht, dass der Mensch durch Fleiß und Anstrengung sein Einkommen vergrößern kann (natürlich darf er es nicht auf Kosten der Erfüllung der Gebote und der Vernachlässigung der Familie tun). Somit erklärt er auch, warum König Schlomo im Buch Mischlei den Fleiß der Ameisen preist und einen faulen Menschen auffordert, sich ein Beispiel an dem fleißigen Tier zu nehmen.

In der Aussage des Talmuds, wonach alles an Rosch Haschana vorbestimmt wird, sieht er keinen Widerspruch, weil dort seiner Meinung nach lediglich von den Ausgaben die Rede ist und nicht vom Einkommen. Außerdem steht im Talmud (Joma 47a), dass Rabbi Jehoschua Ben Chanina nach einem Ratschlag für Reichtum gefragt wurde. Seine Antwort lautete: »Viel arbeiten und für Reichtum beten.«

Jedenfalls erklärt der Talmudkommentator Raschi (Rabbi Schlomo Jizchaki, 1040–1105), dass uns der Talmud über das festgelegte Einkommen beziehungsweise die Ausgaben auch einen finanziellen Ratschlag gibt: Weil dem Menschen ein bestimmtes Jahresbudget zugeteilt wird, muss er seine Ausgaben sehr gründlich abwägen, damit er nicht in die roten Zahlen abrutscht. Es obliegt ihm, finanzielle Prioritäten zu setzen und bewusste Entscheidungen zu treffen, um seinen Unterhalt zu sichern.

Ausgaben für Schabbat, die Feiertage und die Tora-Erziehung der Kinder

Interessanterweise berichtet der Talmud, dass es gewisse Ausnahmen gibt, wofür man tiefer in die Tasche greifen darf und soll. Dabei handelt es sich um Ausgaben für Schabbat, die Feiertage und die Tora-Erziehung der Kinder. Diese Ausgaben sind nicht im Budget enthalten, und man soll dafür Geld ausgeben, ohne sich zu sorgen, dass man seinen finanziellen Rahmen sprengt. Der Ritva (Rabbi Jom Tov aus Sevilla, 1260–1320) schreibt, dass Schabbat und jüdische Bildung für Kinder nur Beispiele sind und dasselbe für alle Ausgaben für Mizwot gilt. Bei allen anderen Ausgaben – besonders größeren Investitionen – ist Vorsicht geboten.

Am Ende des Liedes »If I Was a Rich Man« wundert sich Tevye, warum G’tt ihn nicht als wohlhabenden Menschen geschaffen hat. Ich hätte ihm geantwortet, dass »If I Were a Rich Man« sonst nicht zu einem der 250 bedeutendsten Lieder der USA gezählt hätte. Außerdem würde ich ihm empfehlen, an Rosch Haschana stärker für Parnassa zu beten.

Der Autor ist Assistenz-Rabbiner der Gemeinde Kahal Adass Jisroel, Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) und Dozent am Rabbinerseminar zu Berlin.

Feiertage

Rosch Haschana für Anfänger

Vom Lichterzünden bis zum Taschlich: eine kleine Einführung für weniger erfahrene Synagogenbesucher

von Rabbinerin Ulrike Offenberg  11.09.2026 Aktualisiert

Teschuwa

Auf die echte Erneuerung!

Statt einfach nur unsere schlechten Laster loszuwerden, bedeutet die Mizwa vielmehr das Finden unseres wahren Ichs

von Rabbiner Jaron Engelmayer  11.09.2026

Neujahr

Stunde null

Zu Rosch Haschana können wir alljährlich durch Teschuwa unsere guten Potenziale hervorrufen

von Rabbinerin Elisa Klapheck  11.09.2026

Rosch Haschana

Jahr der Einheit

Wenn wir uns gegenseitig stärken, werden wir viel erreichen

von Rabbiner Avichai Apel  11.09.2026

Ernte

Von Möhren und Mehrn

Unsere Redakteurin will zu Rosch Haschana eine selbst gezogene Karotte essen. Ein jiddisches Wortspiel brachte sie auf die Idee – und auf einen Weg, auf dem sie manches über das Judentum und über sich selbst lernte

von Mascha Malburg  11.09.2026

Spiritualität

Eine Reise zum Ich

Unser Autor verbrachte die Feiertage als Kind in der Enge der jemenitischen Gemeinschaft von Kiryat Arba. Dann verließ er die religiöse Welt – und fand sie an Rosch Haschana in der Ukraine wieder

von Yonatan Amrani  11.09.2026

Zuwendung

Hagars Schicksal

Am Neujahrstag erzählt der Toraabschnitt von Saras ägyptischer Magd, der Mutter Jischmaels. Oft übersehen, ist sie eine Figur, die uns mahnt, die Augen offen zu halten und uns anderen Völkern nicht zu verschließen

von Paige Harouse  11.09.2026

Tekia

Wenn das Schofar zur Hoffnung ruft

Warum auch in bewegten Zeiten Zuversicht wachsen kann

von Rabbiner Raphael Evers  11.09.2026

Rosch Haschana

Zwischen Angst und Wirklichkeit

In Krisen sehen wir oft nicht die Lösung − und merken erst später, dass die Realität viel freundlicher war als unsere Fantasie

von Rabbiner David Kraus  11.09.2026