Zuwendung

Hagars Schicksal

Hagar hat nie die Möglichkeit, dem Bund Awrahams beizutreten. Stattdessen erhält sie ein Versprechen, das ihren Sohn Jischmael betrifft. Foto: picture-alliance / Mary Evans Picture Library

Zuwendung

Hagars Schicksal

Am Neujahrstag erzählt der Toraabschnitt von Saras ägyptischer Magd, der Mutter Jischmaels. Oft übersehen, ist sie eine Figur, die uns mahnt, die Augen offen zu halten und uns anderen Völkern nicht zu verschließen

von Paige Harouse  11.09.2026 10:49 Uhr

Rosch Haschana ist ein einzigartiges Fest, weil es nicht nur in der Diaspora, sondern auch in Israel zwei Tage lang gefeiert wird. Diese Tage bieten zwei Möglichkeiten: über das alte Jahr zu reflektieren und das neue Jahr zu begrüßen. Obwohl sich viele liturgische Elemente wiederholen, werden passend zu dieser Dualität zwei unterschiedliche, aber miteinander verbundene Abschnitte aus der Tora gelesen.

Am ersten Tag wird das 1. Buch Mose Kapitel 21 gelesen; im Fokus stehen die Schicksale von Hagar und ihrem Sohn Jischmael. Am zweiten Tag wird das anschließende Kapitel 22 gelesen; die Bindung Jizchaks wird erzählt. Auf Hebräisch heißt diese Geschichte die »Akeda« und ist im Mittelalter zu einem beliebten Kunstmotiv geworden. Deswegen ist diese zweite Geschichte oft bekannter.

Die Textauswahl scheint ungewöhnlich, weil am jüdischen Neujahr ein Text über einen nichtjüdischen Sohn Awrahams, Jischmael, und ein Text über einen jüdischen Sohn Awrahams, Jizchak, gelesen wird. Diese Spannung zwischen Partikulärem und Universellem gehört zu den Hauptthemen der Hohen Feiertage. Zehn Tage nach Rosch Haschana, an Jom Kippur, kommt dieses Thema noch einmal vor. Dann wird das Buch Jona gelesen. Jona, ein jüdischer Prophet, rettet die Einwohner der assyrischen Hauptstadt, also Nichtjuden, durch seine Prophezeiung.

Betonung des Universellen

Die Betonung des Universellen wird auch in der Mischna erwähnt. Im Kapitel Rosch Haschana 1,2 heißt es dort, dass die Welt viermal im Jahr gerichtet wird. Das dritte Mal ist Rosch Haschana: »Alle Menschen der Welt ziehen an Ihm vorüber, wie eine Heerschau, denn es heißt: Der insgesamt ihr Herz gebildet, der auf alle ihre Taten achtet.«

Das Verhältnis zwischen Mensch und Welt ist auch ein prominenter Teil der Rosch-Haschana-Toralesungen. Gott als Schöpfer der Menschen und der Welt spielt dabei ebenfalls eine bedeutende Rolle. Viele wichtige Figuren kommen in diesem Abschnitt vor: Awraham, Sara, Jizchak, Hagar und Jischmael. Die ersten drei sind Teil der jüdischen Vorfahren. Die letzten beiden gehören nicht dazu. Aber ihre Geschichten werden nicht verschwiegen. Im Gegenteil: Sie werden hervorgehoben, als Teil der Rosch-Haschana-Lesung.

Die Spannung zwischen Partikulärem und Universellem gehört zu den Hauptthemen.

Was können wir von den Erfahrungen Hagars lernen, einer ägyptischen Frau, die Kontakt mit dem israelitischen Gott aufnahm? Die Geschichte Hagars fängt schon früher im 1. Buch Mose an. Damals heißen Sara noch Sarai und Awraham noch Awram. Um Verwirrung zu vermeiden, werden im Folgenden ihre bekannteren Namen verwendet. Sara wird als eine Frau mit Kinderwunsch beschrieben. Sie macht Gott Vorwürfe. Erst in diesem Kapitel wird ihr ägyptisches Dienstmädchen Hagar vorgestellt.

Sara darf über Hagars Schicksal entscheiden

Sara schlägt vor, dass Hagar ihre Leihmutter werden soll. Awraham hört auf Sara, und Hagar gebiert ein Kind. Ihr Erfolg gefällt Sara nicht, und Hagar leidet darunter. Sara beschreibt es als ein Unrecht, das Awraham ihr antut. Er wehrt ab und betont, dass Hagar doch ihr, nicht sein Dienstmädchen sei. Also darf Sara über Hagars Schicksal entscheiden.

Nur zwei hebräische Wörter berichten davon, was Sara daraufhin tut: Üblicherweise wird es als »und Sarai quälte sie« übersetzt. Gleich danach folgen zwei Wörter: »Und sie (Hagar) entlief.« Nachdem sie also geflohen ist, findet sich Hagar in der Wüste wieder. Dort besucht sie ein Engel Gottes, der ihr sagt, dass sie zu Sara zurückgehen soll. Aber Hagar erhält auch ein Versprechen: Ihre Nachkommen werden zahlreich sein, und sie bekommt sogar den Namen für ihr Kind vorausgesagt: Jischmael (»Gott hört«), denn der Ewige hat ihr Elend wahrgenommen (1. Buch Mose 16,11).

Wie Hagar darauf antwortet, ist bemerkenswert. Sie benennt Gott mit einem neuen Namen: El-Ro’eh (»Gott, der sieht«). Sehen ist die Begegnung zwischen Mensch, Welt und Gott. In dieser Geschichte ist es eigentlich ein Engel Gottes, den Hagar sieht. Aber ihre Anerkennung, genau wie ihre Dankbarkeit, ist wichtig. Im Midrasch Bereschit Rabba schlagen die Rabbiner zwei Theorien über ihr Sehen vor. Die erste ist, dass Hagar eine Begegnung mit Gott allein hatte; vorher war sie immer mit Sara. Die zweite Idee wird als Parabel erzählt.

Ein König ruft eine Adlige, und sie kommt zu ihm mit ihrem Dienstmädchen. Die Adlige dreht ihr Gesicht und sieht den König nicht, aber das Dienstmädchen erhascht einen Blick.

Das Dienstmädchen, das einen Blick erhascht

In Bezug auf unsere Geschichte ist Hagar das Dienstmädchen, das einen Blick erhascht. Das ist mehr, als Sara in der Regel widerfährt. Und Hagar bekommt noch etwas: ein Versprechen und Hoffnung für ihre Zukunft. Sie muss daran nur festhalten, weil die kommende Zeit noch schwieriger wird. Sara gebiert einen Sohn, Jizchak. Der Status quo dieser Familie wird dadurch verändert. Zwei Jahre nach seiner Geburt, gleich nach seinem Entwöhnungsfest, bemerkt Sara Jischmael.

Sara, die bis jetzt stillende Mutter war, hat jetzt mehr Kapazitäten, aber vielleicht auch mehr Sorgen, weil ihr Sohn älter wird. Sie erweitert ihren Blick und beobachtet Jischmael beim Spielen (1. Buch Mose 21,9). Dieser Blick ist der zweite Blick, der sein Leben verändert. Vorher bekam seine Mutter Hagar den barmherzigen Blick Gottes, durch den ihr Leben gerettet wurde. Und jetzt bekommt er den eifersüchtigen Blick Saras. Der sparsame Text beschreibt nicht, auf welche Art und Weise er spielt. Was genau Sara sah, können die Kommentatoren nur vermuten.

Raschi vergleicht das Wort »Spiel« mit seinen anderen Verwendungen. Er schlägt vor, dass Jischmael am Götzendienst teilnahm, Unzucht trieb oder sogar an einem Mord beteiligt war. Ibn Ezra widerspricht Raschi. Er erklärt, dass Jischmael wie ein Junge spielte, weil er ein Junge ist. Sara war einfach eifersüchtig, weil Jischmael älter als Jizchak war.

So bittet Sara Awraham, Jischmael und Hagar zu entlassen. Jischmael sollte nicht mit ihrem (Saras) Sohn Jizchak erben. Vermutlich weiß Sara nicht, dass Jischmael durch Hagar bereits ein Versprechen von Gott erhalten hat. Vielleicht kann sie sich dies nicht vorstellen. Es ist eine anspruchsvolle Idee, dass Gott beiden Söhnen Awrahams eine Zukunft versprechen könnte. Vielleicht war diese Idee auch unvorstellbar oder schien widersprüchlich.

Weder Awraham noch Sara wissen von Gottes Plan für Jischmael. Saras Wunsch missfällt Awraham, aber was sollte er sonst tun? Dann sagt Gott zu Awraham, dass er auf Sara hören soll, aber Gott werde sich um die Zukunft Jischmaels kümmern. Am nächsten Morgen schickt er Hagar mit ihrem gemeinsamen Sohn Jischmael fort.

Hagar und Jischmael allein in der Wüste

Und jetzt sind Hagar und Jischmael allein in der Wüste. Sie haben kein Wasser mehr. Hagar lässt ihren Sohn unter einem Strauch zurück und setzt sich in einiger Entfernung hin, weil sie nicht sehen möchte, wie er verdurstet.

Warum denkt Hagar, dass ihr Sohn bald stirbt? Ihre Reaktion sollte nicht als Verneinung von Gottes Versprechen gelten. Erstens wurde sie mit sehr wenigen Vorräten in die Wüste geschickt, und nun hat sie kein Wasser mehr. Es ist nicht einfach, in der Wüste Wasser zu finden. Zweitens war Jischmael vermutlich krank. Das denken sowohl der Netziv als auch Raschi.

Drittens versteht Hagar vielleicht nicht, wie mächtig Gott ist. Laut der Tora ist sie eine Ägypterin und laut dem Midrasch sogar eine Tochter des Pharaos. Wie sollte sie verstehen, dass der hebräische Gott weder auf eine bestimmte Familie noch auf ein bestimmtes Territorium begrenzt ist? Nur weil Awraham sie fortschickt, bedeutet das nicht, dass Gottes Versprechen seine Gültigkeit verliert.

Hagar fängt an zu weinen. Und Jischmael auch. Und Gott bemerkt die Stimme Jischmaels und schickt einen Engel zu Hagar. Der Engel tröstet Hagar und sagt, dass Gott Jischmael zu einem großen Volk machen wird. Dieses Versprechen spiegelt wider, was Gott Awraham über Jischmael sagte und was Hagar über zahlreiche Nachkommen bereits gehört hatte.

Der Engel tröstet Hagar und sagt, dass Gott Jischmael zu einem großen Volk machen wird.

Und wieder kehrt das Motiv des Sehens zurück, als Gott die Augen Hagars öffnet (1. Buch Mose, 21,19). Vorher nannte sie Gott »den Herrn des Sehens«, und jetzt stellt Gott ihre Sicht wieder her. Diese Tat rettet Jischmaels Leben, weil Hagar sofort einen Wasserbrunnen sieht. Vielleicht war der Wasserbrunnen immer da, vielleicht auch nicht. Es kann sein, dass Hagar ihr Schicksal einfach akzeptiert hatte und – weil sie sich mit dem Tod beschäftigte – den Weg zum Leben nicht sehen konnte.

Der Lebensweg war Gott, der die Welt erschuf und allen Menschen freien Willen gab. Und Gott verschwindet nicht aus Jischmaels Leben, sondern bleibt mit ihm (21,20). Und auch seine Mutter Hagar bleibt bei ihm und findet sogar eine ägyptische Frau für ihn.

Die Toralesung am ersten Tag von Rosch Haschana bietet einen reichen Inhalt

Die Toralesung am ersten Tag von Rosch Haschana bietet einen reichen Inhalt. Viele dieser Themen werden an beiden Tagen angesprochen – Entscheidungen von Eltern und deren Folgen für die Kinder sowie Beziehungen zu Gott. Was die Geschichte von Hagar und Jischmael besonders macht, ist, dass der israelitische Gott eine Beziehung zu Menschen anderer Völker aufbaut.

Hagar erhält nie die Möglichkeit, dem Bund Awrahams beizutreten. Stattdessen bekommt sie ein Versprechen von Gott, das ihren Sohn Jischmael betrifft. Sie soll viele Nachkommen haben, und ein großes Volk soll von ihrem Sohn abstammen. An Rosch Haschana, wenn alle Menschen der Welt gerichtet werden, sind Hagar und Jischmael Teil dieser Menschenmenge, der Heerschau, die die Mischna darstellt, genau wie Awraham, Sara und Jizchak.

Die Autorin studiert am Abraham J. Heschel Seminar in Potsdam.

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