Die Stille auf der Straße war eisig. Die Kälte umhüllte meinen ganzen Körper. Es waren die Tage des Monats Elul, und in den Bergen von Kiryat Arba – oder »der Kirya«, wie wir den Ort auch nannten – wehte nachts bereits ein kühler Wind. Es war vier Uhr morgens. Vater war schon in der Synagoge, um die Slichot zu beten. Er kam niemals zu spät zum Gebet. Immer war er mit der Pünktlichkeit eines jemenitischen Jecken unterwegs.
Ich ging schnell. Ich rannte nicht, weil ich vor mir selbst nicht angespannt und ängstlich erscheinen wollte. Doch ich war von Furcht gepackt. Mehrere Rudel kanaanitischer Hunde aus der benachbarten Stadt Hebron jagten nachts durch die leeren Straßen der Kirya. Ihre Schwänze standen hoch und gebogen in der Luft, während sie nach einer vorbeihuschenden Katze suchten. Oder vielleicht nach einem Kind? Die Angst vor ihnen verdrängte die andere, vielleicht realistischere Bedrohung: Ein Terrorist könnte aus dem Wadi hervorkommen und versuchen, mir etwas anzutun.
Wir alle warteten ungeduldig auf die Slichot
Ich erreichte die Synagoge, die bereits voller Betender und Kinder war. Ich war bereit für den Kampf. Die Kinder der Familien Gispan und Pedahel, Chezroni und Amusi hatten ihre Kehlen schon geölt. Wir alle warteten ungeduldig auf die Slichot. Nicht nur, weil ihre Pijutim schön und ergreifend waren, sondern auch, weil wir den anderen Familien dann die Kraft unseres Gebets zeigen konnten.
Wenn der Vorbeter mit »Rachmana« anhob, antworteten wir mit lauter, heller Stimme: »Rachmanaaaaaaa!«, während wir zu den Kindern der benachbarten Familien hinüberschielten, um uns zu vergewissern, dass sie es nicht besser machten. Zion Zadok mit seinem schelmischen Blick ging zwischen uns umher, zwinkerte und spornte uns an, ermutigte und bestärkte uns. Wir wussten, dass er darüber entschied, welche Kinder am besten und am schönsten gebetet hatten. Sie waren es, die am Ende der Slichot auch eine Tüte Süßigkeiten bekommen würden.
Wir waren nicht müde. Wir konzentrierten uns auf unsere Aufgabe. Erst als das Morgengebet und mit ihm die eintönigen Psuke de-Simra begannen, erinnerte sich unser Körper daran, in einen leichten oder tiefen Schlummer zu versinken. Nicht wenige Erwachsene schlossen sich uns an, als auch ihre Augenlider schwer wurden.
Wer die Slichot am schönsten sang, wurde mit Süßem belohnt.
Die Slichot am Vorabend von Rosch Haschana waren die aufregendsten. Dann kam sogar unser Nachbar Sohar mit. Sein Vater war aschkenasischer, seine Mutter jemenitischer Herkunft. Er selbst fühlte sich aber der jemenitischen Tradition stärker verbunden. Damit Sohar auch wirklich aufwachte, band er ein Seil an seinen Fuß, das aus seinem Fenster im zweiten Stock zu unserem Fenster darunter hinunterhing. Punkt halb vier zogen wir daran, und er schloss sich uns an.
Vor der jemenitischen Synagoge im Zentrum der Kirya herrschte bereits geschäftiges Treiben. Die Autobesitzer aus der Synagoge luden Dutzende von Betenden in ihre Wagen. Für uns Kinder blieb nur noch ein Platz im Fuß- oder Kofferraum. Sicherheitsgurte waren in diesen Momenten weniger relevant.
Wir beteten im »Zelt Jakows«, wo unser Stammvater Jakow begraben liegt
Die Autos jagten durch die Kurven des verschlafenen Hebron bis zur Höhle der Patriarchen. Wir beteten im »Zelt Jakows«, wo unser Stammvater Jakow begraben liegt. Diesmal gab es weitere Gründe, besonders laut zu beten: Es war der Vorabend von Rosch Haschana, und wir wollten die Tore des Himmels aufreißen – und natürlich waren da noch die Marokkaner und die Aschkenasen, die in der Nähe an den Gräbern Awrahams und Jizchaks beteten.
Zwischen uns bewegte sich langsam der »muslimische Gabbai«. Die Höhle der Patriarchen diente damals sowohl als Synagoge wie auch als Moschee. Der alte Mann mit der weißen Kufiya und der grauen Galabiya ordnete gemächlich die muslimischen Gebetbücher und rollte die Teppiche zusammen, während er sich auf seinen schweren Holzstock stützte. Über dem Hof der Höhle der Patriarchen, der mit gewaltigen, jahrhunderte- und vielleicht jahrtausendealten Steinen gepflastert war, füllte sich der Himmel mit den leuchtenden Farben der Morgendämmerung.
Zwei Jahrzehnte später lebte ich in Jerusalem. Schmerzhaft umklammerten mich die Tage des Monats Elul in Bauch, Herz und Seele. Ich studierte an der Hebräischen Universität Psychologie, doch kein Psychologe konnte mir helfen. Ich war von Zweifeln erfüllt und hatte vor allem meinen Weg verloren. Die sichere und stabile Welt, die bis zu meinem Militärdienst mein Leben bestimmt hatte, die religiös-zionistische Gesellschaft mit all ihren Werten und Zielen, gehörte nicht mehr zu mir. Ich hatte das Schiff verlassen und war mitten im Meer zurückgeblieben, kaum fähig, darin zu schwimmen.
Über Rabbi Nachman hatte ich viel gelesen, von Uman hatte ich bereits gehört
Es war, als hätte Bini Landau mein Herz und meine Gedanken gelesen, als er »Or Behirut HaDerech«, das »Licht der Klarheit des Weges«, gründete: eine Gemeinschaft, die Reisen ins ferne Uman in der Ukraine unternahm, wo Rabbi Nachman von Bratzlaw begraben liegt. Über Rabbi Nachman hatte ich viel gelesen, von Uman hatte ich bereits gehört. Und ich wusste: Genau das brauchte ich jetzt.
Die zentrale Idee der Gruppe war die »Reise zum Rabbi«. Sie versuchte, die Reisen des 19. Jahrhunderts nachzuempfinden, bei denen die Chassidim wirklich alles gaben und den langen, beschwerlichen Weg zum Rabbi auf sich nahmen – ein Weg, der den Wunsch, den Rabbi zu sehen und in seiner Nähe zu verweilen, nur noch stärker machte.
Deshalb verzichteten wir auf den üblichen Weg – einen Flug nach Kyjiw und von dort einen Bus nach Uman – und beschlossen, unsere Reise in Budapest zu beginnen, wo wir einen Zug in die Ukraine nahmen. Dieser war aber weder ein ICE noch eine Regionalbahn. Er war wohl das Verkehrsmittel, das einer langsamen Pferdekutsche auf den kurvigen Straßen der Karpaten am nächsten kam.
Wir holten die Erinnerungen hervor, die gewöhnlich tief im Bauch vergraben blieben
Wir verteilten uns auf die Schlafwagen. Einige von uns versanken in einem Buch, andere begannen ein freundschaftliches Gespräch, doch die meisten versammelten sich in einem einzigen Abteil. Dort saßen wir auf dem Boden oder auf den Pritschen, redeten, tranken und weinten. Der Zweite Libanonkrieg war für viele von uns noch sehr präsent. Wir holten die Erinnerungen hervor, die gewöhnlich tief im Bauch vergraben blieben: den Krieg, die Angst, den Verlust – und auch die Schuld. Einer von uns erzählte mit brechender Stimme von seinem gefallenen Kameraden und von der Schuld darüber, dass er ihn nicht hatte retten können.
Bini begann, auf der Gitarre zu spielen. Wie viel Trost kann in einer Melodie liegen, und wie genau kann sie Schmerz und Verwirrung ausdrücken! Wir sangen ein Lied und danach noch eines, in dem langsamen ukrainischen Zug, mitten in den dunklen Karpaten. Einige von uns gingen hinaus in den Übergang zwischen den Waggons. Dort öffneten wir die Tür des fahrenden Zuges und zündeten eine Zigarette an – etwas, das man sich heute in einem Zug kaum noch vorstellen könnte. Wir ließen den kühlen Wind uns neuen Atem und neue Lebenskraft einhauchen.
Uman empfing uns wie eine große Mutter, die ihre Söhne willkommen heißt. Die Stadt war überfüllt mit Zehntausenden Männern, die aus allen Enden des Landes und der Welt gekommen waren. Ein Gemisch aus Sprachen und ein Mann, der seit Langem tot war und uns alle vereinte: Rabbi Nachman von Bratzlaw. Wir bezogen Quartier am Fuß des Grabhügels in einem weitläufigen ukrainischen Haus.
Am Vorabend des Festes saßen wir im Hof, schälten Möhren und Kartoffeln
Die Hausherrin räumte sämtliche Zimmer aus und stellte so viele Betten wie möglich hinein. Am Vorabend des Festes saßen wir im Hof, schälten Möhren und Kartoffeln und bereiteten das Festessen in riesigen Töpfen zu. Eine weiße Ziege war mit einem groben Seil an den Zaun des benachbarten Hofs gebunden. Ihr unschuldiger Blick verriet, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, welches Schicksal sie erwartete.
Menschenmassen zogen zur Grabstätte, um am Vorabend des Festes das »Tikkun HaKlali« zu sprechen. Ich zog einen zerknitterten Zettel aus meiner Tasche, auf dem die Namen der Familienmitglieder standen, für die ich beten sollte. Ich konzentrierte mich auf meine geliebte Schwester, die einige Jahre zuvor geheiratet hatte, aber noch nicht mit einem Kind gesegnet worden war. Bitte, mein Gott, betete ich, erfülle an ihr die Worte des Gebets: »Lass mich Söhne und Enkelsöhne großziehen.« Tränen liefen mir über das Gesicht, und ich hoffte, sie würden bis zum Thron der Herrlichkeit gelangen.
In jedem Haus hatte sich eine Gruppe versammelt, um gemeinsam ein Festmahl zu feiern.
Am Abend, nach dem Festessen, ging ich allein durch Uman. Es war das Bild, das einem Schtetl von Scholem Alejchem am nächsten kam: ungepflasterte Straßen, einige davon schlammig, und gelbe Laternen, die den Weg nur schwach beleuchteten. Von allen Seiten waren Gespräche, Gesang und Predigten zu hören. In jedem Haus hatte sich eine Gruppe versammelt, absichtlich oder zufällig, um gemeinsam zu essen und zu feiern.
Wer braucht Netflix, wenn es solche Menschen gibt?
Lautes Gelächter war zu hören. Ich folgte ihm und sah einen langen Tisch, um den etwa 30 Menschen saßen. An seinem Kopfende stand ein Mann, der gute jüdische Witze erzählte. Wer braucht Netflix, wenn es solche Menschen gibt? Aus einem anderen Haus hörte ich einen so schönen Gesang, dass ich an die Tür klopfte. Dort saßen drei junge Männer an einem runden Tisch, mit Knabbereien und Getränken, und sangen. Ich setzte mich zu ihnen.
Uman und Rabbi Nachman hielten, was sie versprochen hatten. Sie gaben dem Herzen und der Seele eines jungen Mannes, der nach Verständnis und Sinn – und sogar nach ein wenig Eskapismus – suchte, Raum und Heilung.
An Jom Kippur dann fand ich mich in der jemenitischen Synagoge der Kirya wieder, Schulter an Schulter mit Elnatan Chezroni, während wir die Pijutim des Tages vortrugen. Ich schämte mich, als Vorbeter neben einem solchen Zaddik zu stehen, doch ich betete aus tiefstem Herzen. Gemeinsam mit der ganzen Gemeinde sang ich: »El Nora Alila, schenke uns Vergebung in der Stunde der Ne’ila«, und spürte mit ihr die gewaltige Erleichterung am Ende des heiligen Tages und am Abschluss dieser schönen, Ehrfurcht gebietenden Tage.
Der Autor ist Kantor und Religionslehrer. Er wurde 1979 in Israel geboren und lebt seit 2017 in Bayern.