Man erzählt, dass der berühmte Rabbi Chaim aus Brisk, als er eines Tages von einer langen Reise zurückkehrte, im Zug von Schlägern überfallen wurde. Als sie seine abgetragenen Kleider und sein elendes Aussehen sahen, überschütteten sie ihn mit Spott.
Am Bahnhof von Brisk erwartete den Rabbi ein Empfangskomitee, wie es einem Gelehrten seines Ranges gebührte. Die Banditen, beschämt und erschrocken, stiegen aus dem Zug und reihten sich hinter dem Gefolge des Rabbiners ein, um ihm ihre erbärmlichen Entschuldigungen anzubieten.
Tag für Tag kamen sie an seine Tür und flehten ihn um Vergebung an. Nichts half – der Rabbi wollte ihnen nicht verzeihen.
»Wer nicht vergibt, ist der Sünder«
»Wie kann das sein, lieber Meister? Es steht doch schwarz auf weiß im Mischne Tora des Rambam!«, riefen seine ungläubigen Schüler aus. »Wer nicht vergibt, ist der Sünder« (Rambam, Hilchot Teschuwa 2,9). Der Brisker Rabbi antwortete ihnen: »Sie sollen die armen, wehrlosen Juden um Vergebung bitten, die sie beleidigt haben!«
Der Rabbi wies seine Schüler darauf hin, dass der Spott dieser angesehenen Männer einer sozialen Schicht, einer ganzen Kategorie von Menschen gegolten hatte. Für solche Schurken sei es viel leichter, sich vor einem großen Gelehrten kleinzumachen, als diejenigen um Vergebung zu bitten, die sie verachten.
Bei der Geschichte geht es nicht darum, dass der Brisker Rabbi nachtragend wäre. Vielmehr tritt er beiseite und errichtet eine Grenze zwischen der Beleidigung und dem Beleidigten. Sie erreicht ihn nicht, denn in Wahrheit ging es nie um ihn.
Eine ähnliche, unmögliche Vergebung erscheint auch in einer rätselhaften Anekdote, die im Talmud überliefert wird: Wenn Rabbi Seira gegen jemanden einen Groll hegte, der ihm Unrecht getan hatte, ging er vor dieser Person auf und ab, damit derjenige, der ihn gekränkt hatte, die Gelegenheit bekam, zu ihm zu kommen und um Vergebung zu bitten.
Danach wechselt das Setting, und der Talmud erzählt von einem Menschen namens »Rav«, der einen Streit mit einem gewissen Metzger hatte. Er war das Jahr über nicht zu diesem Mann gegangen, um ihm seine Entschuldigung anzubieten.
»Ich werde hingehen und ihn besänftigen«
Am Vorabend von Jom Kippur sagte Rav zu sich selbst: »Ich werde hingehen und ihn besänftigen.« Auf dem Weg traf er seinen Schüler Rav Huna, der ihn fragte: »Wohin geht der Meister?« Er antwortete: »Ich gehe, um den und den zu besänftigen.« Und Rav Huna sagte: »Abba geht jemanden töten.« Abba war der Name des Rav.
Rav ging und fand den Metzger sitzend, wie er den Kopf eines Tieres spaltete. Der Metzger blickte auf und sah ihn. Er sagte: »Bist du Abba? Geh – ich habe dir nichts zu sagen.« Doch während er den Kopf spaltete, flog ein Knochen aus dem Schädel heraus, traf ihn an der Kehle und tötete ihn (Joma 87a).
Vergeben bedeutet nicht nur, einem anderen Gnade zu gewähren, sondern sich zu befreien.
Was bedeutet diese Geschichte? Im Gegensatz zu Rabbi Seira, der sich bloß physisch verfügbar macht und die Menschen in seiner Umgebung dadurch zur Vergebung einlädt, geht Rav direkt zu demjenigen, von dem er glaubt, dass er verpflichtet sei, sich bei ihm zu entschuldigen. Er drängt den Mann in die Enge – durch seine körperliche Anwesenheit, aber auch durch den Zeitpunkt, den er gewählt hat: den Vorabend von Jom Kippur.
Schließlich kann Unrecht, das einem Dritten zugefügt wurde, an Jom Kippur von Gott nicht vergeben werden und nur die Vergebung des Beleidigten über jene, die ihm Unrecht begangen haben, kann die Sünde beseitigen.Vielleicht ist dies der Grund, warum Rav sagt, er gehe, um den Metzger zu »besänftigen«: um ihm zu versichern, dass seine Vergebung bereits gewährt ist und er deshalb von diesem furchteinflößenden Tag nichts zu befürchten hat. Zumindest ist das eine Möglichkeit, die Geschichte auf den ersten Blick zu lesen. Doch der Austausch mit seinem Schüler Rav Huna bringt diese Lesart ins Wanken. Rav Huna sagt den unmittelbar bevorstehenden Tod genau des Mannes voraus, von dem Rav behauptet, er wolle ihn besänftigen.
Der Metzger ist bei seiner Arbeit und bereitet am Vorabend des Fastens Fleisch zu
Was nun folgt, ist noch rätselhafter: Der Metzger ist bei seiner Arbeit und bereitet am Vorabend des Fastens Fleisch zu. Er begrüßt den Rabbi mit einer Frage: »Bist du Abba?« Er nennt ihn also bei seinem Vornamen und weigert sich daraufhin auch noch, ihm eine Entschuldigung anzubieten. Der arme Metzger, der sich nicht überwinden kann, um Vergebung zu bitten, erlebt das Urteil von Jom Kippur vor seiner Zeit. Und er wird gleichsam wie durch einen Fluch genau an dem Punkt bestraft, an dem er gesündigt hat: Die Worte des Bedauerns, die er nicht über sich bringt auszusprechen, ballen sich in seiner Kehle zusammen und ersticken ihn.
Eine seltsame Fabel, nicht wahr? Wenn der Metzger tatsächlich Unrecht getan hat, ist sein Tod gewiss ein Scheitern des Modells der Teschuwa (Umkehr), wie die Weisen es verstanden haben. Die Tatsache, dass diese düstere Geschichte unmittelbar nach – und im Gegensatz zu – dem Modell Rabbi Seiras erzählt wird, kann aber auch als implizite Kritik am Verhalten des Rav verstanden werden: Rabbi Seira weiß, wie man eine Beleidigung verschwinden lässt und die Beziehung wiederherstellt, während Rav der Pflicht zur Teschuwa und der ihm geschuldeten Entschuldigung Vorrang gibt – sogar vor dem Leben desjenigen, der das Unrecht begangen hat.
Was wäre geschehen, wenn Rav Rabbi Seira zu seinem Vorbild genommen und, anstatt den Metzger zu demütigen, einen Weg gefunden hätte, ihn seine Verfehlungen erkennen zu lassen, ohne dass er dabei sein Gesicht verlieren musste?
Kehren wir zum Text zurück, denn er lässt die Möglichkeit einer anderen Lesart offen. Tatsächlich ist das Ende der Geschichte nicht eindeutig – der Talmud bevorzugt das unbestimmte »er« gegenüber den Namen der Figuren –, sodass man nicht mit Sicherheit sagen kann, wer Subjekt jedes einzelnen Verbs ist und folglich, wer am Ende der Geschichte lebt und wer tot ist.
Seine Vergangenheit, die nicht vorübergeht
Die meisten Kommentatoren haben aus dem Zusammenhang geschlossen, dass es der Metzger war, der am Ende dieser Geschichte begraben werden musste. Grammatikalisch ebenso möglich ist jedoch die Lesart, dass sich der Knochen, der aus dem Kopf des Tieres herausfliegt, in Ravs Kehle festsetzt, da uns erzählt wird, dass er direkt vor dem Metzger stand. In dieser Lesart ist es nicht mehr der Metzger, der daran stirbt, dass er kein Wort der Vergebung über seine Lippen kommen lässt – es ist Ravs Groll, der ihm im Hals stecken bleibt und ihn mit sich fortreißt; seine Vergangenheit, die nicht vorübergeht.
Vielleicht ist es Absicht, dass der Talmud beide Lesarten offenlässt: Eine unmöglich gemachte Vergebung ist nicht nur für denjenigen tödlich, der dazu verdammt ist, die Schuld auf ewig mit sich zu tragen, sondern auch für denjenigen, der zu sehr auf das ihm zugefügte Unrecht beharrt.
Mögen wir vor diesem Jom Kippur Vergebung nicht als eine Gnade erfahren, die einem anderen gewährt wird, sondern als einen letzten Akt der Befreiung – als eine Erklärung unserer Überlegenheit über unsere Vergangenheit.
Die Autorin ist Talmudlehrerin beim europaweiten jüdischen Lernprogramm Ze Kollel.