In der Paraschat Haʼasinu blickt Mosche auf die gemeinsame Geschichte des Ewigen mit dem jüdischen Volk zurück und erinnert sowohl an Zeiten des Aufbegehrens als auch an Momente der Versöhnung, an den göttlichen Zorn ebenso wie an seine unendliche Barmherzigkeit.
Dabei liegt in Mosches poetischen Worten etwas Drängendes, ja beinahe Verzweifeltes. Der Lehrer des Volkes scheint zu fürchten, dass nach seinem Tod all das, wofür er gekämpft hat, verblassen könnte. Als wolle er sicherstellen, dass sein Lebenswerk nicht vergeblich gewesen ist, verwendet er seine letzten Worte darauf, den Ruf zum Monotheismus und zur Treue gegenüber dem Gott der Hebräer zu bekräftigen.
Wie aber wurde dieser Aufruf damals verstanden, und wie können wir ihn heute auch für uns noch in seiner Bedeutsamkeit erhalten?
Nicht wenige biblische Texte scheinen die Existenz anderer höherer Mächte vorauszusetzen
Ein zentraler Aspekt des langen Gedichts ist die wiederkehrende Warnung vor der Verehrung anderer Götter. Der lyrische Text scheint die Existenz dieser Gottheiten jedoch nicht grundsätzlich infrage zu stellen. Wir lesen diese Verse aus einer modernen Perspektive und sind daran gewöhnt, den großen revolutionären Beitrag des Judentums in der Verkündigung eines absoluten Monotheismus zu sehen. Dabei übersehen wir leicht, dass nicht wenige biblische Texte die Existenz anderer höherer Mächte vorauszusetzen scheinen, auch wenn sie deren Legitimität als Gegenstand der Verehrung Israels verneinen oder sie von ihren polytheistischen Götterthronen stoßen.
»Sie opferten den Dämonen, die kein Gott sind, Göttern, die sie nicht kannten. Neue waren es, die von unweit kamen, die aber eure Väter nicht verehrt hatten« (5. Buch Moses 32,17).
Der Übergang zum Monotheismus erstreckte sich über Jahrhunderte
Der Übergang zum Monotheismus geschah wahrscheinlich nicht plötzlich. Er war das Ergebnis eines langen religiösen und theologischen Entwicklungsprozesses, der sich über Jahrhunderte erstreckte. Der erste und zunächst wichtigste Schritt bestand darin, sich ausschließlich dem Gott Israels zuzuwenden. Einem Gott, der fordert und begleitet, der sowohl in männlichen als auch in weiblichen Bildern erscheint und der einen besonderen Bund mit seinem Volk schließt.
Die Art und Weise, wie wir die Welt verstehen, ist meist tief in unserer kollektiven Erfahrung verwurzelt. Für die Menschen der Antike war die Verehrung verschiedener Gottheiten etwas Selbstverständliches. Es gab Götter für Fruchtbarkeit, Krieg, Regen, Liebe oder Ernte. Viele Religionen strukturieren spirituelle Erfahrung bis heute auf ähnliche Weise.
Die israelitische Revolution: ein einziger Gott über allen anderen
Die israelitische Revolution bestand zunächst in etwas Bescheidenerem, aber zugleich zutiefst Transformierendem: einen einzigen Gott über alle anderen zu stellen. Dies ist unser Gott; die anderen sind es nicht. »Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.« Die Tora kann in vieler Hinsicht als ein fortwährender Kampf gelesen werden, diese ausschließliche Loyalität zu festigen.
Im Laufe der Jahrhunderte vertiefte das biblische und dann das rabbinische Judentum diese Einsicht. Die Frage war nun nicht mehr, welchem Gott man dienen sollte, sondern was es bedeutet, zu sagen, dass Gott einer ist. Nach und nach verlor die Möglichkeit anderer Götter an Bedeutung und verschwand schließlich weitgehend aus der theologischen Reflexion. Die Entstehung und Ausbreitung anderer monotheistischer Religionen wie des Christentums und des Islam verstärkten diese Entwicklung.
Und doch bleibt die menschliche Natur eigensinnig. Auch wenn wir die Einheit Gottes bekennen, neigen wir weiterhin dazu, die Wirklichkeit zu zergliedern. Wir klassifizieren, unterteilen und spezialisieren. Wir trennen das Menschliche vom Göttlichen, die Materie vom Geist, das Unbelebte vom Lebendigen. Je mehr unser Wissen wächst, desto stärker zerlegen wir die Welt in immer kleinere Kategorien.
Die moderne Physik zeigt uns, dass alles tief miteinander verbunden ist
Die moderne Physik zeigt uns, dass das, was wir als getrennt wahrnehmen, tief miteinander verbunden ist. Die Biologie offenbart, dass alle Lebensformen einen gemeinsamen Ursprung teilen. Die Ökologie erinnert uns daran, dass kein Organismus isoliert existiert. Paradoxerweise wird es umso schwieriger, an einer fragmentierten Sicht der Wirklichkeit festzuhalten, je mehr wir das Universum verstehen.
Vielleicht ist genau dies der Punkt, an dem Wissenschaft und Religiosität beginnen, einander zu begegnen. Nicht weil die eine die andere ersetzt, sondern weil beide auf ein immer tieferes Verständnis jener Einheit hinzuweisen scheinen, die allem Sein zugrunde liegt. Aus dieser Perspektive ist Gott nicht mehr nur eine externe Instanz. Gott wird auch als Gegenwart erfahrbar, die die gesamte Wirklichkeit durchdringt. Doch unsere Neigung zur Aufspaltung bleibt bestehen. Und genau dort tauchen die falschen Götter wieder auf.
Wir verehren nicht mehr die alten Götter. Dennoch errichten wir weiterhin Altäre: der Kult um die Eitelkeit und unerreichbare Schönheitsideale; die Macht und die Besessenheit, jeden Aspekt unseres Lebens kontrollieren zu wollen; Reichtum, der zum höchsten Ziel erhoben wird; Produktivität als oberster Wert; der Perfektionismus und die Selbstüberforderung, die uns daran hindern, auszuruhen und die einfachen Dinge des Lebens zu genießen.
Es sind jene Kräfte, die den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit einnehmen, unsere Entscheidungen prägen und uns schließlich von dem entfernen, was wirklich zählt. Sie überzeugen uns davon, dass wir voneinander getrennte Individuen seien, die miteinander konkurrieren, während wir uns daran erinnern sollten, dass wir Teil einer gottgegebenen Einheit sind, die weit größer ist als wir selbst.
Manche Elemente der Herausforderung, die Ha’asinu an uns stellt, sind heute ebenso aktuell wie zu Zeiten Mosches. Doch heute besteht sie nicht mehr nur darin, an die Existenz eines einzigen Gottes zu glauben, sondern auch darin, zu erkennen, was in unserem Leben den Platz des Heiligen einnimmt. Denn wenn die gesamte Schöpfung an einem einzigen göttlichen Funken teilhat, dann ist die Liebe zum Mitmenschen auch eine Form, den Ewigen zu ehren.
Die Autorin studiert am Abraham J. Heschel Seminar in Potsdam.
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Der Wochenabschnitt Ha’asinu gibt zu einem großen Teil das »Lied Mosches« wieder. Mosche trägt es dem Volk vor und weist darauf hin, wie wichtig es ist. Er fordert die Israeliten auf, sich an den Werdegang der Nation und an ihre Vorfahren zu erinnern, die den Bund mit G’tt geschlossen haben. Das Lied erzählt von der Macht G’ttes und wie sie sich in der Geschichte der Welt gezeigt hat. Es erinnert an das Gute, das der Ewige dem Volk Israel zuteilwerden ließ, aber auch an die Widerspenstigkeit der Israeliten und die Bestrafung dafür. G’tt spricht zu Mosche und fordert ihn auf, auf den Berg Newo zu kommen. Von dort soll er auf das Land Israel schauen – betreten aber darf er es nicht.
5. Buch Mose 32, 1–52