Talmudisches

Von Marktplätzen und Badehäusern

Mahane Yehuda in Jerusalem Foto: Lydia Bergida

Talmudisches

Von Marktplätzen und Badehäusern

Was unsere Weisen über die Vervollkommnung der materiellen Welt lehren

von Vyacheslav Dobrovych  14.08.2026 09:07 Uhr

Im Traktat Schabbat (33b) des Babylonischen Talmuds ist die bekannte Geschichte von Rabbi Schimon bar Jochai zu finden. Sie beginnt mit einer Debatte über die römischen Besatzer. Rabbi Schimon kritisiert die Römer und sagt, dass sie zwar Brücken, Märkte und Badehäuser bauten, dies jedoch nur für ihre eigenen Zwecke taten. Marktplätze dienten der Prostitution, Badehäuser der Verherrlichung des eigenen Körpers und Straßen dem Eintreiben von Steuern.

Als die Römer davon erfuhren, wollten sie Rabbi Schimon hinrichten lassen. Dieser versteckte sich daraufhin 13 Jahre lang in einer Höhle. Als die Gefahr vorüber war, entschied sich Rabbi Schimon, etwas für das Gemeinwohl zu tun. Er beschloss, einen Marktplatz zu untersuchen, den die Kohanim, die Priester, nicht betraten, da Unklarheit bezüglich der rituellen Reinheit dieses Ortes bestand. Man ging davon aus, dass sich Leichen unter der Erde dieses Marktplatzes befanden, sodass er, ähnlich wie ein Friedhof, für Kohanim unzugänglich war. Nach der Untersuchung erklärte Rabbi Schimon bestimmte Stellen für rein, sodass Kohanim den Marktplatz nun doch passieren konnten.

Wem ein Wunder geschieht, der sollte etwas fürs Gemeinwohl tun

Rabbi Schimon lernte, dass jemand, dem ein Wunder geschieht, etwas für das Gemeinwohl tun sollte, aus dem Verhalten unseres Stammvaters Jakow: »Und Jakow kam in Vollkommenheit zur Stadt Schchem im Land Kanaan, als er aus Paddan-Aram kam; und er lagerte (Wa-Jichan) vor der Stadt« (1. Buch Mose 33,18). Unsere Weisen verstehen das Wort »WaJichan« hier aber nicht in seiner klassischen Lesart, sondern interpretieren es als eine Form des Wortes »Chen«, welches so viel wie »Gunst« bedeutet. Daher endet der Vers laut dieser Interpretation so: »… und er erwies der Stadt seine Gunst.«

Die Weisen fragen, worin die Gunst bestand, und geben drei verschiedene Erklärungen: Er etablierte eine Währung, legte einen Marktplatz an und errichtete ein Badehaus. Die Weisen fragen auch, worin denn die Vollkommenheit Jakows bestand, und antworten: »Vollkommen in der Tora, in seinem Körper und in seinen Finanzen.«

Die Diskussion im Talmud beginnt mit Marktplätzen und Badehäusern und endet mit ihnen. Die Marktplätze und Badehäuser der Römer waren der Grund für Rabbi Schimons Flucht, die Marktplätze und Badehäuser Jakows waren der Grund für seine Wohltätigkeit nach der Flucht.

Rabbi Zadok verbindet die Märkte mit Unzucht, die Badehäuser mit Götzendienst

Von Rabbi Zadok HaKohen (Lublin, 1823–1900) stammt ein sehr interessanter Kommentar zu dieser Geschichte. Er verweist darauf, dass drei Sünden bekannt sind, bei denen man lieber sterben sollte, als sie zu begehen: Unzucht, Götzendienst und Mord. Rabbi Zadok verbindet die Märkte mit Unzucht, die Badehäuser mit Selbstverherrlichung, was eine Form des Götzendienstes ist, und die Straßen mit Habgier, die zu Mord führt.

In talmudischen Zeiten wurden diese drei Sünden mit Rom assoziiert, in der Tora hingegen mit Schchem. Die Tora ist das Gegenteil des Götzendienstes, der vollkommene Körper lehnt die Unzucht ab, und die Vollkommenheit in den Finanzen lehnt die Habgier ab, welche die Quelle des Mordes ist. Jakow symbolisiert diese Vollkommenheit, zu der wir schon im ersten Abschnitt des Schma aufgerufen werden: »Liebe Haschem, deinen G’tt, mit deinem Herzen (Abkehr von unzüchtigen Trieben), deiner Seele (Abkehr vom Götzendienst) und deinem Eigentum (Abkehr von Habgier, also Mord)«.

Als Jakow nach Schchem kam, richtete er Badehäuser, Märkte und eine Währung ein. Auf den ersten Blick macht er dasselbe wie die Römer. Allerdings liegt hierin die Botschaft: Es geht nicht darum, der Welt zu entsagen. Badehäuser sind gut, Finanzen sind gut, und auch Marktplätze sind gut, vorausgesetzt, sie werden für G’tt und nicht gegen G’tt verwendet. Jakow hat uns gelehrt, dass jemand, der seine eigene Seele »repariert« hat, mit der physischen Welt in Kontakt treten und sie vervollkommnen kann, statt von ihr heruntergezogen zu werden.

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