Schoftim

Was wir sehen – und was nicht

Der Rorschach-Test macht sichtbar, wie unterschiedlich ein und dasselbe Bild wahrgenommen und gedeutet werden kann. Foto: Getty Images/iStockphoto

Stellen Sie sich vor, Sie erhalten eine einfache Aufgabe: Zählen Sie, wie oft sich zwei Teams einen Ball zuspielen. Sie konzentrieren sich, verfolgen jeden Pass, versuchen, keinen Fehler zu machen. Plötzlich läuft eine Person im Gorillakostüm durch das Bild. Sie bewegt sich mitten durch die Szene, bleibt kurz stehen und schlägt sich sogar wie King Kong auf die Brust. Und trotzdem sehen Sie den Gorilla nicht.

Kann nicht sein? Genau das geschah bei einem berühmten Experiment der Psychologen Daniel Simons und Christopher Chabris. Viele Teilnehmer bemerkten den Gorilla nicht. Nicht, weil er versteckt gewesen wäre, sondern weil ihre Aufmerksamkeit vollständig vom Zählen des Balls gebunden war.

Wir erleben jene Ausschnitte der Wirklichkeit, auf die unsere Aufmerksamkeit gerichtet ist

Das Experiment wurde zu einem Klassiker der Wahrnehmungsforschung, weil es eine ebenso einfache wie tiefgreifende Erkenntnis sichtbar macht: Wir erleben nicht die gesamte Wirklichkeit. Wir erleben jene Ausschnitte der Wirklichkeit, auf die unsere Aufmerksamkeit gerichtet ist. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, ob unsere Urteile richtig sind, sondern auch, worauf wir unseren Blick überhaupt richten.

Mit genau dieser Frage beginnt auch die Parascha »Schoftim« (Richter). »Richter und Aufseher sollst du dir einsetzen in all deinen Toren«, heißt es zu Beginn (5. Buch Mose 16,18). Und diese Formulierung ist bemerkenswert. Die Tora spricht zwar von Richtern und Ordnung, verortet sie aber nicht zuerst im Gerichtssaal, sondern »in deinen Toren« – dort, wo etwas eintritt. Denn bevor ein Richter urteilen kann, muss ein Fall überhaupt vor ihm erscheinen.

Dasselbe gilt für uns. Bevor wir entscheiden, bewerten oder verurteilen, hat unser Bewusstsein bereits ausgewählt, was wir wahrnehmen – und was nicht. Ein Tor ist mehr als ein Ort. Es ist ein Übergang. Hier wird entschieden, was von außen nach innen gelangt.

Noch bevor ein Mensch urteilt, hat bereits ein anderer Prozess begonnen: Eindrücke werden ausgewählt, gewichtet und eingeordnet. Nicht alles, was vor unseren Augen liegt, erreicht unser Bewusstsein. Genau an diesem Punkt beginnt auch die moderne Psychologie.

Im Zentrum unseres Wochenabschnitts (16,20) steht einer der bekanntesten Sätze der Tora: »Zedek, Zedek tirdof« (»Gerechtigkeit, Gerechtigkeit sollst du verfolgen«). Warum die Doppelung? Vielleicht spricht die Tora von zwei Ebenen der Gerechtigkeit. Die erste betrifft das Urteil selbst. Die zweite betrifft den Blick, aus dem das Urteil entsteht. Denn auch ein gerechtes Urteil kann kaum entstehen, wenn die Wahrnehmung bereits verzerrt ist. Es lässt sich darin also deutlich eine doppelte Bewegung erkennen: Es gibt die Gerechtigkeit des Handelns. Und es gibt die Gerechtigkeit der Wahrnehmung.

Entscheidungen wachsen aus den Bildern, Annahmen und Deutungen, mit denen wir auf die Welt blicken

Entscheidungen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie wachsen aus den Bildern, Annahmen und Deutungen, mit denen wir auf die Welt blicken. Die Psychologen Daniel Kahne­man und Amos Tversky zeigten, wie stark Menschen von der Art beeinflusst werden, wie Informationen präsentiert werden.

Eine medizinische Behandlung mit »90 Prozent Überlebenschance« wird anders wahrgenommen als dieselbe Behandlung mit »10 Prozent Sterberisiko«. Die Fakten sind identisch. Und dennoch verändert der Rahmen die Entscheidung. Der Mensch reagiert nicht nur auf Inhalte. Er reagiert auf die Weise, wie Inhalte erscheinen. Vielleicht fordert die Tora deshalb mehr als bloß korrektes Urteilen. Vielleicht fordert sie auch die Bereitschaft, den Rahmen zu hinterfragen, in dem Urteile entstehen.

Ein weiteres bekanntes Phänomen ist der sogenannte Halo-Effekt. Eine einzelne Eigenschaft eines Menschen – etwa Status, Ausstrahlung oder Autorität – beeinflusst unbewusst unsere gesamte Einschätzung. Wir halten jemanden für kompetent, weil er überzeugend wirkt. Wir vertrauen einem Urteil, weil die Person sympathisch erscheint. Objektivität ist oft weniger selbstverständlich, als wir glauben.

Warnungen der Tora vor Bestechung, Bevorzugung und verzerrtem Urteil

Die Warnungen der Tora vor Bestechung, Bevorzugung und verzerrtem Urteil betreffen deshalb nicht nur moralische Fehltritte. Sie weisen auf eine grundlegende menschliche Schwäche hin: Wir sehen die Welt selten unvermittelt. Wir sehen sie durch Filter.

Fasst man diese Beobachtungen zusammen, entsteht ein bemerkenswertes Bild. Aufmerksamkeit bestimmt, was in unser Bewusstsein gelangt. Der Rahmen beeinflusst, wie wir etwas verstehen. Vorannahmen lenken unsere Bewertungen. Und Kontexte formen unsere Urteile. Die Psychologie beschreibt diese Vorgänge mit wissenschaftlichen Begriffen. Die Tora spricht von Toren, Richtern und Gerechtigkeit.

Die Sprache ist unterschiedlich, doch die Frage dahinter scheint dieselbe zu sein: Wie entsteht die Wirklichkeit, in der wir leben? Denn Menschen leben nicht nur in einer Welt aus Fakten. Sie leben in einer Welt von Bedeutungen.

Nicht alles, was existiert, gelangt unverändert in unser Bewusstsein

Natürlich spricht die Tora nicht in der Sprache moderner Kognitionspsychologie. Doch ihre Bilder lenken die Aufmerksamkeit auf denselben menschlichen Vorgang: Nicht alles, was existiert, gelangt unverändert in unser Bewusstsein.

Rabbi Nachman von Bratzlaw (1772–1810) beschreibt diese Dynamik nicht als kognitives, sondern als existenzielles Problem. Der Mensch kann seinen inneren Ort verlieren. Dann orientiert er sich zunehmend an äußeren Eindrücken, Vergleichen und fremden Maßstäben. Was andere denken, erscheint wichtiger als das, was er selbst als wahr erkennt. Nicht weil ihm Informationen fehlen, sondern weil ihm ein innerer Bezugspunkt fehlt. Die Folge ist nicht nur ein falsches Urteil über die Welt. Oft geht auch der Zugang zum eigenen Selbst verloren.

Vielleicht fordert die Parascha deshalb nicht zuerst bessere Urteile. Es scheint, sie fordert zuerst einen bewussteren Ursprung des Urteilens. Nicht: Wie beurteile ich die Welt richtig? Sondern: Welche Wirklichkeit entsteht in mir, bevor ich überhaupt zu urteilen beginne?

Die Tora spricht von Toren, die Psychologie von Wahrnehmungsfiltern

An diesem Punkt begegnen sich Tora, Psychologie und Rabbi Nachman. Die Tora spricht von Toren. Die Psychologie spricht von Wahrnehmungsfiltern. Rabbi Nachman spricht vom inneren Ort des Menschen.

Alle drei verweisen auf dieselbe Einsicht: Die entscheidende Arbeit beginnt nicht erst beim Urteil. Sie beginnt dort, wo etwas in unser Bewusstsein eintritt. Wer seine inneren Tore nicht bewacht, wird am Ende Urteile fällen über eine Wirklichkeit, die er nie wirklich gesehen hat.

Der Autor ist Rabbiner sowie Paar- und Familientherapeut in Jerusalem.

inhalt
In diesem Wochenabschnitt Schoftim geht es um Rechtsprechung und Politik. Es werden Gesetze über die Verwaltung der Gemeinschaft mitgeteilt sowie Verordnungen für Richter, Könige, Priester und Propheten. Die Tora betont, dass die Kinder Israels in jeder Angelegenheit nach Gerechtigkeit streben sollen. Bevor mit Verordnungen zum Verhalten in Kriegs- und Friedenszeiten geschlossen wird, weist die Tora darauf hin, dass ein Israelit, der einen anderen ohne Absicht totgeschlagen hat, sich in einer von drei Zufluchtsstädten vor Blutrache retten kann.
5. Buch Mose 16,18 – 21,9

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