Was bedeutet die Tora heute für mich?» Für Nurith Schönfeld ist das eine der wichtigsten Fragen, die guter Religionsunterricht aufwerfen muss. Die Autorin des ersten Bandes der neuen Schulbuchreihe «Da’at Hadorot» lehrt seit fast 30 Jahren das Fach «Jüdische Religion». Sie kennt die Schülerinnen und Schüler, für die sie dieses Arbeitsheft entwickelt hat, aus dem Klassenzimmer: Kinder aus orthodoxen und säkularen Familien, Kinder, die mit Hebräisch aufwachsen oder kaum einen Buchstaben entziffern können, Kinder, die nie in die Synagoge gehen und sich ihr als «nur kulturell jüdisch» vorstellten.
Diese Heterogenität war eine der großen Herausforderungen bei der Konzeption des Buches. Denn «Da’at Hadorot» soll nicht nur Wissen über Judentum vermitteln, sondern den Schülern ermöglichen, sich in den Inhalten wiederzufinden, egal welchen Hintergrund sie haben. Der Zentralrat der Juden in Deutschland gibt die Reihe heraus. Insgesamt sind acht Schülerarbeitsbücher für die Jahrgangsstufen 5 bis 10 geplant. Den Auftakt bildet der Band Tora, der für Schülerinnen und Schüler der fünften und sechsten Klasse konzipiert ist und im nun beginnenden Schuljahr erstmalig eingesetzt werden kann.
Damit schließt das Arbeitsbuch eine Lücke: «Bisher konnten wir vor allem übersetzte Arbeitsblätter für die Grundschule und ein Ethikbuch für die Oberstufe anbieten», sagt Shila Erlbaum, Abteilungsleiterin Politik und Religion beim Zentralrat und eine der Projektleiterinnen. Es fehlte ein systematisch aufgebautes Lehrwerk, das zudem nicht nur Lesestoff bietet, sondern zur Mitarbeit animiert: In «Da’at Hadorot» kann man Bilderrätsel lösen, in einem Würfelspiel Mosches Lebensstationen erkunden oder über einen QR-Code den religiösen Wortschatz auf dem Handy testen.
Auch die Lehrkräfte für Jüdische Religion in Deutschland bringen sehr unterschiedliche Voraussetzungen mit, weiß Mascha Schmerling, ebenfalls Projektleiterin und Bildungsreferentin beim Zentralrat. Einige Religionslehrer hätten Lehramt oder jüdische Religionspädagogik studiert, andere verfügen nicht über eine klassische pädagogische Ausbildung. Der Unterricht findet sowohl an jüdischen Schulen als auch in Gemeinden statt. Entsprechend unterschiedlich seien bisher auch die Möglichkeiten gewesen, auf vorhandenes Material zurückzugreifen oder dies selbst zu entwickeln. Auf den Fortbildungsseminaren für jüdische Religionslehrkräfte, die der Zentralrat jährlich anbietet, kam diese «Materialnot» immer wieder zur Sprache, erzählt Schmerling. Die neue Reihe soll den Unterricht also nicht nur für Schüler attraktiver machen, sondern auch den hohen Vorbereitungsaufwand für die Lehrkräfte reduzieren.
Arbeitsbuch zeigt erstmals innerjüdische Perspektive
Während klassische Schulbuchreihen häufig auf die Lehrpläne der einzelnen Bundesländer zugeschnitten sind, wäre das angesichts der vergleichsweise kleinen jüdischen Gemeinschaft kaum praktikabel, erklärt Erlbaum. Deshalb habe man versucht, «den größten gemeinsamen Nenner» aller Curricula zu finden. Die acht geplanten Bände sind weniger nach Klassenstufen, sondern thematisch ausgerichtet: Der zweite Band wird die Bücher des Tanachs behandeln, es sollen Arbeitsbücher über das Gebet, Ethik, Halacha, Feiertage, den Lebenszyklus und die Geschichte des Judentums folgen. Das ambitionierte Ziel: einen Band pro Jahr herauszugeben.
Die Lehrwerksreihe entsteht in Kooperation mit dem Ernst Klett Verlag, der bisher mit dem Zentralrat zusammengearbeitet hat, wenn es darum ging, das Judentum in anderen Schulfächern vorzustellen. Nun aber nimmt ein Arbeitsbuch zum ersten Mal eine binnenjüdische Perspektive ein. «Wir haben da das inhaltliche Know-how, aber die Expertise eines Schulbuchverlages war essenziell», sagt Erlbaum. Es ging dabei um ganz praktische Fragen: Wie viel Text passt auf eine Seite? Wie groß muss die Schrift sein? Wie viel Zeit braucht ein Schüler für welche Aufgabe?
«Die Schüler sollen selbstbewusst über ihre eigene Religion sprechen können.»
Shila Erlbaum
Schönfeld begann nach ersten Gesprächen mit dem Zentralrat im Jahr 2024, konkret an dem Schülerarbeitsbuch zu arbeiten. Sie nahm sich eine Auszeit von ihrer Arbeit im Klassenzimmer und wälzte ihre bereits erprobten Unterrichtsmaterialien: Aufgaben und Arbeitsblätter, die bei den Schülern besonders gut angekommen waren. Immer wieder sprach sie sich mit einem Fachbeirat aus Lehrkräften ab.
Besonders viel diskutiert habe man über das letzte Kapitel, erzählt Schönfeld: Nachdem die Schüler zuvor gelernt haben, welche Lehren die Tora enthält, geht es dort um die Frage, wie diese Traditionen und Werte über Generationen hinweg bewahrt und weitergegeben werden können. «Die Schülerinnen und Schüler sollten nicht das Gefühl bekommen, ein Schulbuch schreibe ihnen vor, wie sie persönlich zu leben haben», sagt Schönfeld. Gleichzeitig sei es ihr wichtig gewesen, jüdische Tradition nicht nur aus einer distanzierten Beobachterperspektive darzustellen. «Das Buch bietet Orientierung und liefert Hintergrundwissen.» Auf dieser Grundlage könnten dann alle in der Klasse miteinander ins Gespräch kommen, unterschiedliche Positionen kennenlernen und ihre eigenen Standpunkte entwickeln.
Für Schönfeld ist dabei die Idee der Zugehörigkeit zentral. Sie verweist auf das Konzept des «Doppelbundes» des Rabbiners Joseph B. Soloveitchik, wie er auch in jenem letzten Kapitel vorgestellt wird: Neben dem Bund mit Gott steht die Verantwortung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Gerade dieser zweite Aspekt sei für viele junge Juden von Bedeutung, da er ein Gefühl von Identität und Zusammengehörigkeit vermittle, unabhängig von der persönlichen Religiosität: «Das Buch schenkt den Schülern einen Kompass, der auch dann Bedeutung haben kann, wenn sie nicht an Gott glauben.»
Diese Offenheit bedeutet allerdings nicht, dass das Buch auf eine möglichst neutrale Darstellung des Judentums setzt. Im Gegenteil: Die Tora wird hier nicht einfach als «ein wichtiges Buch einer Religion» eingeführt, sondern bildet die eigene, heilige Tradition. Jüdische Geschichte wird nicht als Abfolge historischer Ereignisse erzählt, sondern als Erzählung eines Volkes, die bis in die Gegenwart reicht – im Idealfall bis zu dem einzelnen Schüler im Klassenzimmer. «Sie sollen ins Nachdenken kommen: Was davon will ich weitergeben?», sagt Schönfeld.
Wissen der Generationen
Auch die Sprache ist Teil dieses selbstbewussten Ansatzes. Das Buch führt zahlreiche hebräische Begriffe ein. «So wie die Schüler in Biologie Fachtermini lernen, gilt das auch für den Religionsunterricht», findet Schönfeld. Manche hebräischen Wörter ließen sich nicht vollkommen übersetzen, weil hinter ihnen ganze Konzepte stünden. Außerdem solle Hebräisch als Teil jüdischer Identität selbstverständlich sein. Schönfeld gibt ein Beispiel: «Für die meisten meiner Schüler und Juden weltweit feiern wir Sukkot in einer Sukka. Warum sollte ich das umständlich mit Laubhütte übersetzen?» Gleichzeitig dürften fehlende Hebräischkenntnisse keine Hürde darstellen. Wo hebräische Schrift verwendet wird, findet sich deshalb im Buch Transliteration und Übersetzung.
Auch jenseits von hebräischen Begriffen sei dieses Schulbuch dafür da, dass Schülerinnen und Schüler «jüdisch alphabetisiert» werden, so nennt es Erlbaum. «Sie sollen wissen, was das Judentum ausmacht, verstehen, welche Bedeutung es für ihr Leben haben kann, und dadurch selbstbewusst über ihre eigene Religion sprechen können. Wir wollen wissende Juden hervorbringen!» Wer schon ein wenig Hebräisch kann, weiß, dass die neue Lehrbuchreihe diesen Ansatz im Namen trägt: «Da’at Hadorot» bedeutet: Wissen der Generationen. Schönfeld wünscht sich, dass ihr Buch den Kindern ermöglicht, dieses Wissen auch in die nächste Generation zu tragen.