In diesem Wochenabschnitt heißt es (5. Buch Mose 24,5): »Wenn ein Mann eine Frau geheiratet hat, soll er nicht mit dem Heer ausziehen (…). Ein Jahr lang soll er für sein Haus freigestellt sein, damit er der Frau, die er geheiratet hat, Freude bereitet« (hebräisch: »vesimach et Ischto«).
Raschi (1040–1105) betont in seinem Kommentar zu diesem Vers, dass sich diejenigen irren, die »vesimach et Ischto« mit »Er freue sich mit seiner Frau« übersetzen. Der Vers sei ausschließlich im Sinne von »Er erfreue seine Frau« zu verstehen.
Der Mann hat die Pflicht, seine Frau glücklich zu machen
Mit anderen Worten: Der Mann hat die Pflicht, seine Frau glücklich zu machen. Selbstverständlich darf auch er sich freuen. Doch das Gebot richtet seinen Blick vollständig auf die Ehefrau. Seine Freude ist willkommen, ihre Freude ist seine Verpflichtung.
Der südafrikanische Rabbiner Akiva Tatz hat auf einen bemerkenswerten Unterschied zwischen heutigen Verfassungen und der Tora hingewiesen. Er erklärt, dass moderne Rechtsordnungen vor allem die Rechte des Menschen formulieren: das Recht auf freie Meinungsäußerung, das Recht auf Eigentum und vieles mehr. Die Tora hingegen formuliert in erster Linie Pflichten: die Pflicht, den Mitmenschen nicht zu bedrängen, die Pflicht, nicht zu stehlen, und viele weitere Gebote.
Letztlich gehören Rechte und Pflichten untrennbar zusammen. Das Recht auf Eigentum setzt die Pflicht der anderen voraus, nicht zu stehlen. Ebenso schützt das Diebstahlsverbot das Eigentumsrecht. Entscheidend ist jedoch, auf welche Seite wir unseren Blick richten. Konzentrieren wir uns auf das, was wir tun müssen, oder auf das, was wir erhalten dürfen? Sind wir auf unsere Pflichten oder auf unsere Rechte fokussiert?
Der Ben Isch Chai (sefardischer Rabbiner, 1832–1909) erzählt die Geschichte von zwei Brüdern. Der eine war wohlhabend, hatte jedoch keine Kinder. Der andere hatte viele Kinder, besaß aber nur wenig Geld. Eines Nachts konnten beide nicht schlafen. Der wohlhabende Bruder litt darunter, dass seinem Bruder Geld fehlte. Der kinderreiche Bruder wiederum litt darunter, dass sein Bruder kinderlos war.
Den Schmerz des anderen lindern
Um den Schmerz des anderen zu lindern, beschlossen beide unabhängig voneinander, ihrem Bruder heimlich ein Schaf zu schenken. Am nächsten Morgen stellten sie fest, dass sie trotz ihrer Schenkung noch genauso viele Schafe besaßen wie zuvor. Als sich dies mehrmals wiederholte, blieben sie eines Nachts länger wach, um das Rätsel zu lösen. Schließlich begegneten sie einander, jeder mit einem Schaf für den anderen auf den Schultern. Sie fielen sich in die Arme und weinten vor Freude.
In einer anderen Stadt gab es ebenfalls zwei Brüder in einer ähnlichen Situation. Doch dort schmerzte es den einen, dass er nicht so viel Geld hatte wie sein Bruder, und den anderen, dass er keine Kinder hatte wie sein Bruder. Beide beschlossen daher unabhängig voneinander, für etwas mehr »Gerechtigkeit« zu sorgen, indem sie ihrem Bruder heimlich ein Schaf stahlen.
Auch hier blieb die Zahl der Schafe am nächsten Morgen unverändert. Wieder blieben beide eines Nachts wach. Als sie einander schließlich mit dem gestohlenen Schaf begegneten, fielen sie sich jedoch nicht in die Arme. Stattdessen gingen sie voller Wut aufeinander los.
In beiden Geschichten blieb die Gesamtzahl der Schafe gleich. Der einzige Unterschied lag in der inneren Haltung der Brüder. In der ersten Geschichte wollten sie geben. In der zweiten wollten sie nehmen.
Mizwa des Ehemannes
Genau darin liegt das Besondere der Mizwa des Ehemannes. Er soll nicht darüber nachdenken, was er von seiner Frau bekommt, sondern ausschließlich darüber, was er ihr geben kann, um sie glücklich zu machen. Tut er dies, so wird er feststellen, dass gerade dadurch der gleiche Wunsch auch in seiner Frau entsteht. Wenn sie erlebt, wie sehr er sich um ihre Freude bemüht, wird auch ihr Herz offen sein, ihm Freude zu bereiten. Richtet er seinen Blick dagegen vor allem auf sich selbst und seine eigenen Erwartungen, wird es ihr wesentlich schwerer fallen, jene Sicherheit und Offenheit zu entwickeln, die echte Gegenseitigkeit ermöglichen.
Deshalb gilt in der jüdischen Ehe nicht das Prinzip 50:50, sondern 100:100. Jeder Ehepartner soll sich darauf konzentrieren, seine eigenen 100 Prozent zu geben, ohne ständig zu erwarten, dass der andere seinen Anteil erfüllt.
Dies ist auch einer der Gründe, weshalb die Tora die kommende Welt und das jenseitige Leben nicht ausdrücklich in den Mittelpunkt stellt. Der Mensch soll die Gebote nicht erfüllen, um dafür belohnt zu werden, auch wenn es diesen Lohn in der kommenden Welt durchaus gibt. Vielmehr soll er sie aus Liebe erfüllen.
Selbst die kommende Welt sollte der Mensch nicht begehren, um ewigen Genuss zu erlangen, sondern um G’tt Freude zu bereiten, indem er Seine Nähe genießt. Äußerlich mag das Ergebnis ähnlich erscheinen. Innerlich besteht jedoch ein grundlegender Unterschied. Gerade indem der Mensch seinen Blick nicht auf die Belohnung richtet, sondern auf die Liebe zu G’tt, vertieft sich seine Beziehung zu Ihm. Dadurch wächst letztlich auch seine Belohnung.
Im Garten des Friedens
Vor einigen Jahren erschien in Israel das Buch Im Garten des Friedens von Rabbiner Schalom Arusch. Inzwischen liegt es auch in deutscher Übersetzung vor. Darin gibt Rabbiner Arusch auf der Grundlage klassischer jüdischer Quellen eine Anleitung für das richtige Verhalten des Mannes in der Ehe. Derselbe Rabbiner schrieb später auch ein Buch für Frauen mit dem Titel Die Weisheit der Frauen.
In der Einleitung bittet der Autor eindringlich darum, dass Männer nicht das für Frauen bestimmte Buch und Frauen nicht das für Männer bestimmte Buch lesen. Im Lichte des Gesagten wird der Grund deutlich.
Die jüdische Philosophie lautet deshalb stets: Was kann ich für G’tt tun, und nicht: Was wird G’tt mir geben? Was kann ich für meine Familie tun, und nicht: Was kann meine Familie mir geben? Was kann ich für meine Gemeinde tun, und nicht: Was kann die Gemeinde für mich tun?
Um jedoch so geben zu können, ohne ständig eine Gegenleistung zu erwarten, muss der Mensch eines mit Gewissheit wissen: G’tt sieht alles, und letztlich bleibt keine gute Tat unbelohnt.
Der Autor ist Religionslehrer und Sozialarbeiter der Jüdischen Gemeinde Osnabrück.
inhalt
Im Wochenabschnitt Ki Teze werden Verordnungen wiederholt, die Familie, Tiere und Besitz betreffen. Dann folgen Verordnungen zum Zusammenleben in einer Gesellschaft, wie etwa Gesetze zu verbotenen sexuellen Beziehungen, dem Verhalten gegenüber Nicht-Israeliten, Schwüren und der Ehescheidung. Es schließen sich Details zu Darlehen, dem korrekten Umgang mit Maßen und Gewichten sowie Sozialgesetze an.
5. Buch Mose 21,10 – 25,19