An einem Freitagvormittag sitzt Rabbiner Walter Rothschild im »Balaboosta«, dem kleinen Café des koscheren Lebensmittelladens in der Charlottenburger Waitzstraße. Vor sich ein Buch. Er liest, lässt sich aber gern auf ein Gespräch ein. »Es ist gut, mal wieder rauszukommen«, meint er lächelnd. Und die Frage, wie es ihm geht, beantwortet der 72-Jährige mit einem für ihn und seinen britischen Humor typischen Satz: »Juden lieben es, zu meckern. Das ist nicht schön. Aber ich bin froh, dass ich noch meckern kann.«
Und dann beginnt er, von den vergangenen Wochen zu erzählen – und davon, dass sie die letzten seines Lebens hätten sein können. Es sei eine »ziemlich dramatische Zeit« gewesen.
Eine Art Reiseblog einer ungeplanten Reise
Seine Erinnerungen daran hat er in einem kleinen Heft aufgeschrieben. Er hat es im Selbstverlag herausgebracht und bei Amazon drucken lassen. Views from Room 6: A Journey to Nowhere and Back Again ist der Titel. »Dies ist daher eine Art Reiseblog einer ungeplanten Reise, deren Hauptziel es war, mich im Grunde dorthin zurückzubringen, wo ich angefangen habe«, formuliert er im Vorwort. Und er schreibt: »Ende Mai 2026 wäre ich ziemlich unerwartet beinahe gestorben.«
»Überraschungen kommen oft unerwartet«, zitiert er eingangs sinngemäß den Dichter und Zeichner Wilhelm Busch. So begann alles am 22. Mai, als er mitten in der Nacht mit Schmerzen im linken Bein erwachte. Als am Morgen noch hohes Fieber dazukam, holten seine Töchter einen Krankenwagen. Er kam ins Martin Luther Krankenhaus, auf die Intensivstation, in Zimmer 6.
Es folgten mehrere Wochen, in denen sein Körper »mithilfe von Operationen und zahlreichen Medikamenten gegen Angriffe aus dem eigenen Inneren um sein Überleben kämpfte«. In seinem Büchlein schildert er medikamentenbedingte Halluzinationen, das Erwachen nach dem künstlichen Koma, Untersuchungen, Behandlungen und noch einige Details seines Krankenhausaufenthaltes.
»Überraschungen kommen oft unerwartet«, zitiert er eingangs sinngemäß den Dichter und Zeichner Wilhelm Busch.
Auch erwähnt er, wie dort an einem Schabbatabend seine »Rückkehr ins Leben« (Chozer BaChaim) gefeiert wurde. Mit Selbstironie und dem gehörigen Sarkasmus schreibt Rothschild: »Mein Besuch dort war keineswegs gut geplant, und ich hatte nicht (wie ich es oft tue) stundenlang im Internet verglichen und überprüft, ob das Zimmer ein Doppelbett hatte, ob das Frühstück inbegriffen war, ob Haustiere erlaubt waren oder wo es auf einer Karte lag. Dennoch ist es zu einem der wichtigsten Zimmer in meinem Leben geworden.«
Nach der Verlegung (»von einem protestantischen in ein katholisches Hospital«) in das St. Joseph Krankenhaus wurde er am 2. Juli »mit einer großen Menge von Medikamenten und strengen Anweisungen« entlassen. »Ich werde noch lernen müssen, wieder auf eigenen Beinen zu stehen und Ausdauer sowie einen klaren Kopf zurückzugewinnen«, schreibt der Vater von drei Kindern. »Ich bin selbst hier, um dem Heiler ein Lied zu singen – und das tue ich auch. Uvacharta baChayim – Wähle das Leben!«
Rabbiner, Kabarettist, Sänger einer Jazzband und Schauspieler
Rothschild wurde 1954 im britischen Bradford geboren und 1984 in London zum Rabbiner ordiniert. Er war danach in verschiedenen Gemeinden tätig, unter anderem auf den Niederländischen Antillen. Von 1998 bis 2000 war er der liberale Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, von 2005 bis 2015 Landesrabbiner für Schleswig-Holstein. Er hat verschiedene Bücher zum Judentum veröffentlicht, trat als Kabarettist und Sänger einer Jazzband auf, hat sich als Schauspieler im Tatort versucht und ist zudem ein ausgewiesener Experte für Eisenbahngeschichte.
Diese Angaben erscheinen ihm jetzt nicht mehr so bedeutsam, ist in seinem Heft zu lesen: »Der Autor dieses Buches ist zum Zeitpunkt des Verfassens noch am Leben. Dies ist die einzige biografische Tatsache, die wirklich zählt.« Und er betont, wie wichtig es ihm ist, seinen Dank an das Krankenhauspersonal zum Ausdruck zu bringen.
Im Nachwort schreibt Rothschild: Trotz all der wunderbaren Eigenschaften des Ortes und des Personals» würde er niemandem einen Aufenthalt in Zimmer 6 empfehlen. Es sei jedoch wichtig, sich daran zu erinnern, dass sich genau in diesem Moment dort auf der Intensivstation wieder Patienten befinden. «Jeder von ihnen wünscht sich auf einer gewissen Bewusstseinsebene, dass sein Leben wieder so sein könnte, wie es noch eine halbe Stunde zuvor war», schreibt er und schließt mit den Worten: «Wünscht ihnen alles Gute.»