Sitzen ist das neue Rauchen. In »Zeit Campus« war unlängst zu lesen, dass Sitzen eine ähnlich verheerende Wirkung hat wie Tabakkonsum. Das Magazin beruft sich dabei auf Studien amerikanischer Forscher, denen zufolge Menschen, die länger als sechs Stunden täglich sitzen, eine um 20 Prozent reduzierte Lebenserwartung haben. »Wir sitzen uns krank.« Das Verharren auf Stuhl, Sessel und Sofa sei wider die menschliche Natur, heißt es dort.
Dass zu langes Sitzen schädlich ist, wussten auch schon die talmudischen Weisen. So wird Rabbi Jochanan (Ketubot 111a) mit den Worten zitiert: »Sitze nicht zu viel, denn Sitzen verursacht Unterleibsschmerzen.«
Sitzen oder stehen? Diese Frage stellt sich auch in der Synagoge und dem Lehrhaus. Der Talmud (Megilla 21a) verweist darauf, dass von den Tagen Mosches bis zur Zeit des Rabban Gamliel das Torastudium ausschließlich im Stehen stattfand. Als Rabban Gamliel starb, sei »Schwäche über die Welt« gekommen, die Ehrerbietung gegenüber der Tora (Sota 49b) habe aufgehört, und fortan wurde im Sitzen studiert.
Übrigens weist der Talmud auch darauf hin, dass es unterschiedliche Angaben dazu gibt, ob Mosche gesessen oder gestanden hat, als er 40 Tage und Nächte auf dem Berg war, um die »Tafeln des Bundes« zu erhalten. An einer Stelle (5. Buch Mose 9,9) heißt es, er saß, während wenige Verse später (10,10) zu lesen ist: »Und ich stand auf dem Berg.« Die Weisen des Talmuds (Megilla 21a) geben verschiedene Begründungen für den vermeintlichen Widerspruch. Rav sagt, dass Mosche stand, als er die Tora von Gott hörte, und sich hinsetzte, als er sie für sich selbst wiederholte. Rava meint, Mosche studierte einfache Inhalte im Stehen und schwierige Inhalte im Sitzen.
Sitzen oder stehen? Diese Frage stellt sich auch in der Synagoge und dem Lehrhaus.
Bei den heutigen Gottesdiensten stehen die Beter auf, wenn die Tora in der Synagoge aus dem Schrank geholt oder zurückgebracht wird. Während der Lesung sitzen einige Gemeinden, andere stehen. Der Baal Kore, der Vorleser, trägt den wöchentlichen Toraabschnitt grundsätzlich stehend vor.
In der bereits erwähnten Gemara (Megilla 21a) wird Rabbi Abahu zitiert, der mit dem Vers »Steh da mit mir« (5. Buch Mose 5,28) erläutert, dass die Tora nicht im Sitzen vorgelesen werden darf. Und Rabbi Abahu fügt hinzu, dass der Ausdruck »mit mir« darauf hindeutet, dass sogar der Ewige bei der Übergabe der Tora stand. Aus dem zitierten Vers lasse sich auch ableiten, so Rabbi Abahu, dass der Lehrer nicht auf einer Liege sitzen und seinen Schüler unterrichten soll, während dieser auf dem Boden sitzt.
Ebenfalls beim Gebet stellt sich die Frage: stehen oder sitzen? Beim Schmone Esre ist die Antwort klar. Der Beter steht, und das wichtigste Gebet des Gottesdienstes wird auch »Amida« (hebräisch: Stehen) genannt. Beim Schma-Gebet ist die Antwort nicht so eindeutig. Denn die Schule Schammais und die Schule Hillels stritten über die richtige Art und Weise, das Schma zu rezitieren. Die Schule Schammais (Brachot 10b) vertrat die Auffassung, dass das Schma-Gebet am Abend angelehnt und am Morgen stehend gesprochen werden sollte.
Die Schule Hillels sagt: »Man lese stehend, man lese sitzend, man lese angelehnt, man lese auf dem Wege gehend, und man lese Arbeit verrichtend« (Brachot 11a). Heute kann das Schma-Gebet stehend gesprochen werden, viele bevorzugen es allerdings, dabei zu sitzen, da sie sich in dieser Position besser auf die Bedeutung der Worte konzentrieren können.
Noch einmal zurück zum eingangs erwähnten Rabbi Jochanan. Er wird in Ketubot (111a) auch mit folgendem Hinweis zitiert: »Stehe nicht zu viel, denn das Stehen ist dem Herzen schädlich.« Rabbi Jochanan gab den Rat, ein Drittel der Zeit sitzend zu verbringen, ein Drittel zu stehen und ein weiteres Drittel zu gehen.
Im Netz kursieren Videos mit dem orthodoxen Jerusalemer Buchautor Michael Kaufman (Am I My Bodyʼs Keeper?). Er erklärt, dass er den ganzen Tag steht und sich bewegt. Die Gemara lernt er auf dem Crosstrainer. Seine Texte schreibt er am Stehpult. Und eigentlich setze er sich nur zum Essen. Der Mann ist 94 Jahre alt!