Eigenverantwortung bezeichnet die Verpflichtung des Einzelnen, die Risiken seiner Entscheidungen für sich selbst und andere zu erkennen und für die Folgen einzustehen. Es geht um vorausschauendes Handeln. Der Talmud (Tamid 32a) erläutert, dass »ein weiser Mensch jemand ist, der die Folgen vorhersieht«.
Alexander der Große wollte von den »Ältesten des Negev« unter anderem wissen, wer als weise zu definieren ist, und erhielt die Antwort, die auf die langfristigen Auswirkungen von Entscheidungen (»haroeh et hanolad«) hindeutet.
Zukünftige Entwicklungen absehen
Nun stellt sich die Frage, wie wir überhaupt zukünftige Entwicklungen absehen können. Der Rabbiner und Publizist Gil Student macht in einem Beitrag auf TorahMusings.com darauf aufmerksam, dass Prognosen – statistische, wirtschaftliche, versicherungsmathematische und andere – zwar heute Teil unseres Alltags seien.
Doch wie aussagekräftig können sie sein? »Ist es angemessen, die Rolle Gottes in der Welt zu ignorieren und zu versuchen, die Zukunft vorauszusagen?«, fragt Rabbiner Gil Student.
Schließlich könne nur Gott in die Zukunft sehen, meint auch Rabbi David Kudan in einem Beitrag des in Boston erscheinenden »Jewish Journal«. Er schreibt, dass selbst in der Bibel der Kern der Prophetie nicht unbedingt darin bestand, die Zukunft mit Sicherheit zu kennen und vorherzusagen.
Die Gegenwart verdeutlichen
Doch die wesentliche Rolle des Propheten bestehe nicht darin, die Zukunft zu sehen, sondern vielmehr darin, die Gegenwart zu verdeutlichen, anhand derer wir unseren Weg bestimmen können, um unsere nächsten Schritte so weise wie nur möglich zu wählen.
Und diese Schritte werden weise gewählt, wenn die Folgen vorhergesehen werden. Der Lubawitscher Rebbe, Menachem Mendel Schneerson (1902–1994), erklärte, dass es nicht ausreiche, nur die Konsequenzen theoretisch in Betracht zu ziehen, sondern man solle sie auch wirklich sehen.
Denn nur das Gesehene werde Teil des Bewusstseins, mehr als das, was man lediglich hört oder versteht. Ohne eine solche Vision würden zukünftige Konsequenzen nur abstrakte Theorie bleiben, ohne das aktuelle Handeln zu beeinflussen.
Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) erläuterte, dass der, der bei allem, was er unternimmt, die Folgen bedenkt, sich keines gedankenlosen Leichtsinns schuldig machen wird. »Ihn wird nie der Reiz des Augenblicks verführen, wie auch das Bittere einer Gegenwart nie vom Guten zurückschrecken.« Er bleibe stark im Kampf mit dem Schlechten und stark in der Vollbringung des Guten, so Rabbiner Hirsch in seinem Kommentar zu den Sprüchen der Väter.
Ein wichtiger Grundsatz der Führungsqualität
Die Folgen vorherzusehen, sei ein wichtiger Grundsatz der Führungsqualität, betonte Rabbiner Jonathan Sacks (1948–2020). In seinem Buch Lessons of Leadership heißt es, dass wir als Privatpersonen an morgen denken können, aber als Führungskräfte langfristig denken und unseren Blick auf den fernen Horizont richten müssen.
Es sei an sich nichts Geheimnisvolles daran, die Konsequenzen einer bestimmten Entscheidung vorhersehen zu können. »Schachmeister haben sich so viele klassische Partien eingeprägt, dass sie fast augenblicklich anhand der Figurenstellung auf dem Brett erkennen können, wie sie gewinnen und in wie vielen Zügen.« Das Verständnis der Zukunft basiere auf einer gründlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, so Rabbi Sacks.
Man sagt, dass unsere Vorfahren die Vergangenheit geprägt haben, während wir selbst unsere Zukunft formen. Daraus ergibt sich die Pflicht, bewusst und verantwortungsvoll zu handeln. Diese Verantwortung zeigt sich etwa in der Sorge um die eigene Gesundheit ebenso wie in der Absicherung von Familie oder Unternehmen. Ferner umfasst sie auch den Umgang mit der Umwelt. Entscheidend ist, umsichtig zu handeln und dabei stets das Wohl der Gemeinschaft im Blick zu behalten. In diesem Sinne lautet der Rat von Rabbi Schimon (Pirkei Avot 2,9–13) auf die Frage, welches der gute Weg ist, an dem der Mensch festhalten soll: »Der voraussieht, was aus einer Tat hervorgeht.«