Der Abschnitt Wa’etchanan beginnt mit einem Appell Mosches an Gott: »Lass mich hinübergehen und sehen das gute Land jenseits des Jordans« (5. Buch Mose 3,25).
40 Jahre hatte er das Volk Israel durch die Wüste in tiefer Zuneigung geleitet. An der Grenze zum gelobten Land angekommen, erwartet Mosche keine Ehre und kein Lob. Er bittet nur darum, das verheißene Land betreten zu dürfen. »Aber der Ewige grollte mir um euretwillen und hörte nicht auf mich. Und er sprach zu mir: Genug, fahre nicht fort, zu mir noch in dieser Sache zu reden« (5. Buch Mose 3,26).
Auf den ersten Blick ist Gottes Reaktion so klar wie deprimierend für den Vater aller Propheten. Sie lässt fragen: Warum wird so ein zutiefst menschlich verständliches Gebet unmissverständlich negativ beschieden?
Das Gebet ist ein Weg, den Menschen zu stabilisieren
Vielleicht verbirgt sich die Antwort im Verständnis des Begriffs, den wir uns vom Gebet machen. Das Gebet ist in erster Linie nicht ein Instrument, um eine Antwort zu bekommen oder ein Ziel bei Gott zu erreichen. Es stellt einen Weg dar, um den Menschen zu stabilisieren. Das Gebet ändert die Realität nicht, aber es ändert den, der betet.
Mosche betet nicht, um Gottes Willen zu ändern. Mit seiner Bitte bringt er vielmehr seine tiefe Verbundenheit und ungebrochene Liebe zum Volk und Land Israel bei Gott zum Ausdruck.
Im Laufe des Abschnitts lesen wir einen Text, der zum zentralen Gebet des Judentums geworden ist: »Höre, Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist Einer. Und du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen« (5. Buch Mose 6, 4–5). Im Schma Jisrael kommen Glaube und Verantwortung zum Ausdruck. Die transzendentale Einheit Gottes verlangt von den Juden in der Welt, die Einheit mit dem Volk zu suchen und die Vergangenheit mit der Zukunft zu verbinden. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher und politischer Spannungen, Spaltungen und Trennungen ist dieser Anspruch wichtiger denn je.
Kompromisse zu schließen, scheint fast nicht mehr gesellschaftsfähig zu sein
Es ist eines, die Einheit Gottes spirituell zu bekennen, und ein anderes, sie in unseren gegenwärtigen Herausforderungen praktisch umzusetzen. Wie schwer fällt es, in zerstrittenen Lagern einander noch zuzuhören, beieinander zu bleiben und Brücken zu bauen? Kompromisse zu schließen, scheint fast nicht mehr gesellschaftsfähig zu sein. Dabei käme es darauf an, sich kompromissbereit zu zeigen, auch wenn die eigene Meinung und Position nicht geteilt wird.
Hier dient uns Mosche als Vorbild. Er blieb seiner Verantwortung und seinem Gottvertrauen bis zum letzten Atemzug treu, obwohl sein inständiger Wunsch vom Ewigen nicht erfüllt wurde. Unser spiritueller Weg ist nicht unbedingt von äußerlichen Erfolgen gesäumt. Entscheidend ist, was sich in der Tiefe unseres Herzens abspielt. Sind wir in der Lage, erlebte Enttäuschungen so zu verarbeiten, dass wir unseren ethischen und spirituellen Überzeugungen weiterhin treu bleiben?
Der Wochenabschnitt macht uns mit fundamentalen Gedanken zum Gebet vertraut und zeigt, wie sich das Volk Israel seine spirituelle Identität unter der Führung des Ewigen erarbeitet.
Unsere Weisen legen ihr Augenmerk auf die Anfangsworte der Parascha: »Und ich flehte.« Mosche klopft in seinem Gebet wie ein Bettler an die Tür eines Palastes an. Er ist sich in tiefer Bescheidenheit bewusst, dass er beim Ewigen nichts durch gute Taten und auch nicht durch nachdrückliches Verlangen erreichen kann. Er bittet um ein Geschenk.
Nach den weltlichen Spielregeln meinen wir, nur etwas erreichen zu können, wenn wir darum kämpfen
Dies ist eine ausgezeichnete Lektion eines großen Gottesmannes für alle, die sich im Gebet üben. Es bildet eine Gegenwelt ab. Nach den weltlichen Spielregeln meinen wir, nur etwas erreichen zu können, wenn wir darum kämpfen und unserem Verlangen eindringlich Ausdruck verleihen. Demgegenüber erinnert uns Mosches Verhalten an die Tugend einer in Bescheidenheit geäußerten Bitte und die Erkenntnis, dass nicht alles in unserer Hand liegt.
Dazu gibt es eine interessante Deutung unserer Weisen: Mosche betete 515 Gebete. Diese Zahl entspricht in der Gematrie, in der jedem hebräischen Buchstaben ein bestimmter Zahlenwert zugeordnet wird, dem Zahlenwert des Wortes »Wa’etchanan«.
In dieser hohen Zahl der Gebete Mosches steckt die Botschaft, dass ein Gebet nicht auf Anhieb erfolgreich ist. Unsere Bitten werden oft nicht unter den Umständen und zu der Zeit erfüllt, wie wir es uns vorstellen. Und trotzdem ist es wichtig, dranzubleiben. Dies stellt in seiner Beständigkeit den Inbegriff der Verbindung zwischen Mensch und Gott dar.
Mosche ist bis heute ein Modell für eine reife Führungspersönlichkeit
Mosche weiß, dass er das Land Israel nicht betreten wird. Trotzdem führt er das Volk bis zu seinem Tod weiter. Er lässt sich in der Verantwortung und bei der Ausführung seiner Aufgaben nicht von persönlicher Enttäuschung bestimmen. Das ist bis heute ein Modell für eine reife Führungspersönlichkeit in unseren Gemeinden. Manche Dinge sind nicht zu verwirklichen, auch wenn das der eigenen Überzeugung widerspricht.
Einen weiteren inhaltlichen Schwerpunkt finden wir im 5. Buch Mose (4, 9–10): »Nur hüte dich und achte auf dein Leben wohl, dass du nicht die Dinge vergisst, die deine Augen gesehen haben, und dass sie nicht weichen aus deinem Herzen alle Tage deines Lebens, dass du sie aber kundtust deinen Söhnen und Enkeln an dem Tag, als du vor dem Ewigen, deinem Gott, standest, am Chorew, als der Ewige zu mir sprach: Versammle mir das Volk, dass ich sie meine Worte vernehmen lasse, die sie lernen sollen, mich zu fürchten alle Zeit, die sie leben auf dem Erdboden, und ihre Söhne lehren sollen.«
Hier lernen wir, dass sich das Judentum durch erinnernde Vergegenwärtigung erlebter Geschichte definiert. Der Exodus, die Übergabe der Tora am Sinai, die Wüstenwanderung sind nicht einfach in der Vergangenheit versunkene Ereignisse. Sie beschreiben vielmehr jüdische Identität, die in einer ununterbrochenen Kette von Generation zu Generation weitergegeben wird und jeweils in Wort und Tat mit persönlichem Vorbild aktualisiert werden muss.
Auch wenn nicht alles in unserer Macht steht, haben wir doch auf vieles einen Einfluss in unserem Leben. Die entscheidende Frage ist: Was machen wir aus den Möglichkeiten, die wir bekommen und die in unserer Hand liegen?
Der Autor ist Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).
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Der Wochenabschnitt Wa’etchanan beginnt mit der erneuten Bitte von Mosche, doch noch das Land betreten zu dürfen. Aber auch diesmal wird sie abgelehnt. Mosche ermahnt die Israeliten, die Tora zu beachten. Erneut warnt er vor Götzendienst und nennt die Gebote der Zufluchtsstädte. Ebenso wiederholt werden die Zehn Gebote. Dann folgt das Schma Jisrael, und dem Volk wird aufgetragen, aus Liebe zu Gott die Gebote einzuhalten und die Tora zu beachten. Den Abschluss bildet die Aufforderung, die Kanaaniter und ihre Götzen aus dem Land zu vertreiben.
5. Buch Mose 3,23 – 7,11