Kino

»Über die Verkrampftheit hinwegkommen«

Andreas Brämer, Rektor der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg Foto: Philipp Rothe

Herr Brämer, nachdem Sie 2024 als Rektor an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg angefangen haben, wurde in der Stadt ein jüdischer Filmclub gegründet. Wo finden die Veranstaltungen statt?

Im Karlstorkino in Heidelberg – dort läuft an diesem Donnerstag (28.Mai) der Spielfilm »All About the Levkoviches« des ungarischen Regisseurs Ádám Breier, ein Vater-Sohn-Drama um jüdische Identität und Tradition. Es ist bereits unsere dritte Veranstaltung. Das Kino war sofort sehr aufgeschlossen für die Idee eines jüdischen Filmclubs, aber da die Hochschule für solche Veranstaltungen über kein Veranstaltungsbudget verfügt, mussten wir uns zunächst um finanzielle Unterstützung bemühen. Eine großzügige Förderung haben wir dann von der Stadt Heidelberg bekommen. Wir haben in diesem Jahr noch zwei Termine und müssen uns danach möglicherweise schon wieder neu nach Finanzmitteln umsehen, um das Format dann fortzusetzen.

Das Gebiet ist für Sie nicht neu – als Sie noch am Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg tätig waren, hatten Sie in der Hansestadt ebenfalls einen Filmclub initiiert. Wie kam es dazu?

Die Idee war inspiriert vom Jüdischen Filmclub in Wien, wo der Filmwissenschaftler Frank Stern und und der Kulturwissenschaftler Klaus Dawidowicz das Konzept auf die Beine gestellt hatten. Ich habe diese Idee adaptiert. Das Prinzip beim Jüdischen Filmclub in Hamburg war es, internationale Spielfilmproduktionen, häufig auch israelische Filme, zu zeigen. Voraussetzung für die Auswahl war natürlich in irgendeiner Form ein jüdisches Thema. Entweder es war fiktiv oder aber auch an historische Fakten angelehnt. Wir haben im Laufe der Zeit zahlreiche Deutschlandpremieren veranstaltet. Zudem haben wir von 2020 bis 2024 gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde Hamburg jährlich Jüdische Filmtage organisiert, für die sich ebenfalls ein breites Publikum begeistert hat.

Und als Sie nach Heidelberg kamen, war Ihnen dann gleich schon klar, dass Sie dort auch einen jüdischen Filmclub aufziehen wollen?

Anfangs war ich mir nicht darüber im Klaren, ob ich hier die Zeit haben würde, so etwas zu organisieren. Allerdings beschäftigt die Hochschule wesentlich mehr Personal als das Institut in Hamburg, insofern gibt es hier auch engagierte Kolleginnen im Haus, die bei der Organisation von solchen Veranstaltungen unterstützen.

Wie laufen die Abende ab?

Uns ist wichtig, dass die gezeigten Filme nicht einfach unkommentiert bleiben. Deshalb laden wir Referierende ein, die entweder den filmwissenschaftlichen Blick mitbringen oder uns als Historiker den nötigen zeitgeschichtlichen Hintergrund liefern. Am 28. Mai ist die Historikerin Louise Hecht vor Ort – sie leitet die Arbeitstelle Internationalisierung an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, und ihre Forschungsschwerpunkte umfassen auch israelischen Film und jüdische Kinogeschichte.

Sie haben den Filmclub in Heidelberg im November 2025 begonnen mit einem Film, der ein populäres Thema hat: »Matchmaking«. Der Film spielt innerhalb der jüdischen Orthodoxie …

Ja, aber »Matchmaking« greift nicht nur diese religiöse Thematik mit einem originellen Zugang auf, sondern auch das Verhältnis zwischen Aschkenasim und Misrachim in einem charedischen Kontext. Das war sehr spannend und gleichzeitig auch ein Film voller Humor. Wie gesagt, es ist die Absicht, ein breites internationales Spektrum abzubilden. In Hamburg lag ein Fokus auf Israel, aber wir haben einen breiten Bogen gespannt – mit Filmen aus Argentinien, Brasilien, USA, Kanada, England, Frankreich, Portugal, Deutschland, Österreich, Polen und Ungarn.

Welche Einblicke ermöglichen diese Filme?

Wenn Sie in Deutschland Fernsehfilme zu jüdischen Themen sehen, hat man ja häufig den Eindruck, dass das sehr pädagogisch daherkommt. Frei nach dem Motto: Jetzt erklären wir den nichtjüdischen Deutschen mal die jüdische Welt, wie das so im jüdischen Kontext funktioniert. Es ist auffällig, dass man jüdische Themen oft mit einer gewissen Verkrampftheit behandelt. Wenn Sie dagegen auf die Filme aus den USA blicken, werden dort jüdische Lebenswelten auf der Leinwand völlig unaufgeregt präsentiert. Der Filmclub richtet sich an ein jüdisches wie auch nichtjüdisches Publikum. Kino bietet die Möglichkeit, sich gesellschaftsrelevanten Themen auf einer emotionalen Ebene zu nähern. Wenn wir die Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens im internationalen Film sehen, können wir hierzulande vielleicht ein Stück weit über unsere Verkrampftheit hinwegkommen.

Sind Sie in Heidelberg zu irgendeinem Zeitpunkt mit Boykottaufrufen gegen jüdische Filme konfrontiert gewesen?

Nein, überhaupt nicht. Das Karlstorkino ist – wie gesagt – sehr aufgeschlossen. Allerdings wurden niederschwellig die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt. Es hat bei den bisherigen zwei Filmen nicht die Notwendigkeit gegeben, dass der Sicherheitsmann einschreiten musste. Aber es gibt ja eine abstrakte Gefährdungslage, der wir Rechnung tragen. Trotzdem bin ich guter Hoffnung, dass wir auch weiterhin ungestört Filme zeigen können, auch wenn es israelische Produktionen sind. Israel ist geografisch überschaubar, aber seine Filmszene bringt eine erstaunliche kreative Vielfalt hochkarätiger Produktionen hervor.

Mit dem Leiter der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg sprach Ayala Goldmann.

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