Auf diesem Planeten gibt und gab nur wenige Künstler, die sowohl beeindruckende Diskografien als auch ebenso umfangreiche Filmografien haben wie Bette Midler, Barbra Streisand oder eben Sammy Davis Junior. Das Ausnahmetalent war offensichtlich hyperaktiv, denn zusätzlich war er Teil mehrerer Musicals auf Broadway-Bühnen.
Mit gerade einmal sieben Jahren spielte Sammy Davis 1933 eine tragende Rolle in dem 21-minütigen Satirefilm Rufus Jones for President. Er verkörperte ein schwarzes Kind, das zum Präsidenten der USA gewählt wird. In dem Streifen sang und tanzte er, was das Zeug hielt. Seine Entertainment-Karriere war vorherbestimmt.
In den folgenden 57 Jahren kamen 42 weitere Kinofilme hinzu, darunter die erste Version von Oceans 11 im Jahr 1960 – also lange bevor Steven Soderbergh die glorreiche Idee hatte, die Krimikomödie mit George Clooney, Brad Pitt, Julia Roberts und Andy Garcia neu aufzulegen. In der Originalversion huschten neben Sammy Davis auch seine Ratpack-Kollegen Frank Sinatra und Dean Martin über die Leinwand.
Szene herausgeschnitten
Zu den weiteren Highlights gehörten Porgy und Bess (1959), Bertolt Brechts Die Dreigroschenoper (1963) Robin and the 7 Hoods (Sieben gegen Chicago, 1964) und One More Time (Die Pechvögel, 1966). Sogar in dem 1971er James-Bond-Streifen Diamonds Are Forever (Diamantenfieber) war Davis in einer Szene zu sehen. Das Problem: Sie wurde herausgeschnitten. Skandalös. Hey, Amazon MGM Studios! Put that scene back into the movie!
Im Jahr 1981 kam die Komödie Cannonball Run (Auf dem Highway ist die Hölle los) in die Kinos – und drei Jahre späterCannonball Run II (Auf dem Highway ist wieder die Hölle los). Wer beglückte das Publikum jeweils als der Kleinkriminelle Morris Fenderbaum? Ja, Sammy Davis. Und warum musste dieser obskure Charakter ausgerechnet einen jüdisch klingenden Namen haben? Wir werden es nie wissen. The Kid Who Loved Christmas (Der Brief an den Weihnachtsmann), Davis’ letzter Film, wurde kurz nach seinem Tod veröffentlicht.
Nun da wir die Filme aus dem Weg geräumt haben, ist es langsam Zeit für eine Reise durch seine Musik. Es begann 1955 mit dem Album Starring Sammy Davis Jr., auf dessen Cover er mit Augenklappe zu sehen war. Dies hatte mit seinem Autounfall zu tun, bei dem er beinahe umgekommen wäre und sein linkes Auge verlor.
Spitze Wölbung
Am 19. November 1954 fuhr er mit seinem Cadillac von Las Vegas nach Los Angeles. Auf der legendären Route 66, in der Nähe von San Bernardino, kam er an eine Abzweigung heran. Eine Fahrerin hatte es versäumt, abzubiegen und fuhr rückwärts auf Sammy Davis’ Fahrzeug zu. Es kam zum Zusammenstoß. Mit seinem linken Auge knallte der Musiker und Schauspieler an den Hupe-Knopf, der in Cadillacs dieser Zeiten aus einer spitz zulaufenden Wölbung bestand. Das Auge konnte nicht gerettet werden.
Sein Freund Eddie Cantor, ein jüdischer Comedian, hatte ihm zuvor eine Mesusa geschenkt, die Davis allerdings nicht an seine Haustür klebte. Er bevorzugte es, sie an einer Kette zu tragen, da ihm dies Glück brachte. Am Tag des Unfalls hatte er allerdings vergessen, die Kette umzuhängen.
Im Krankenhaus sprach Cantor mit ihm über Gemeinsamkeiten von Juden und Schwarzen. Beide Bevölkerungsgruppen erfuhren Diskriminierung, beide wurden vom Klu Klux Klan anvisiert, in beiden war Kreativität – auch in Form von Musik – ein Weg, sich zu behaupten. Sammy Davis, der aus einem katholisch-baptistischen Elternhaus kam, konvertierte 1960 zum Judentum.
Kühne Herangehensweise
Davis benutzte nach dem Unfall monatelang eine Augenklappe, bis er ein Glasauge erhielt. So kam das Foto auf das Cover des Debütalbums, auf dem er »The Lonesome Road« mit Bigband-Begleitung sang sowie andere Klassiker (aus heutiger Sicht) wie »Hey There«. Davis’ Stimme mit hohem Wiedererkennungswert, die er souverän einsetzte, seine schon als Kind gesammelte Erfahrung und seine kühne Herangehensweise trugen dazu bei, dass diese Aufnahme populär wurde.
Nach dem ersten Wurf kam Sammy Davis auf den Geschmack. Seine zweite Schallplatte Just for Lovers folgte noch im selben Jahr, 1955. Hier bemühte der frischgebackene Solokünstler Cole Porter (»Its All Right With Me«) und andere Komponisten. Er klang nun noch überzeugender. Allerdings hatte er auch schon im Alter von vier Jahren mit dem Singen begonnen – im Trio seines Vaters Sammy Davis Senior, das er mit dem Sänger- und Tänzerkollegen Will Mastin betrieb.
Der geborene Entertainer, der seine Interpretationen auch auf Bühnen präsentierte, war nicht zu bremsen. Jedes Jahr kam mindestens ein Album hinzu. Mit Boy Meets Girl, seinem Projekt mit der Sängerin Carmen McRae, wurde es romantisch. Weitere 15 Alben und etwa zehn Jahre später, 1965, sangen bereits seine Kumpels Frank Sinatra und Dean Martin auf seinen Schallplatten.

Gute Figur
Wer nimmt schon über 50 Alben auf? Sammy Davis. Wer eroberte während einer Performance bei »Bio’s Bahnhof« im westdeutschen Fernsehen ungefragt das Schlagzeug und spielte dann wie ein Gott? Sammy Davis. Wer machte auf der Bühne immer eine gute Figur? Ja, er. Wer trug das Entertainer-Gen? Sammy Davis.
Die Songs »After Today« und »Candy Man« von Leslie Bricusse, einem britischen Songschreiber, wurden Hits – ebenso wie »What Kind of Fool Am I?«. Seine Interpretation von »Mr. Bojangles« kam noch hinzu: »I knew a man, Bojangles, and he’d dance for you, in worn out shoes, silver hair, a ragged shirt and baggy pants...«. Sein bekanntestes Zitat war aber kein Songtext, sondern ein mit Selbstironie getränkter Satz: »Handicap? Das kenne ich, denn ich bin ein einäugiger Schwarzer, der darüber hinaus Jude ist.«
Geboren wurde Davis am 8. Dezember 1925 in Harlem. Schon Vater Sammy Davis Senior, der nur zwei Jahre vor seinem Sohn starb, war Entertainer, Mutter Elvera Sanchez eine Stepptänzerin mit kubanischen Wurzeln. Sammy Davis erzählte stets, sie sei Puertorikanerin, da er anti-kubanische Ressentiments fürchtete. Mit der Scheidung seiner Eltern im Jahr 1929 war er plötzlich auch Entertainer, denn sein Vater nahm ihn kurzerhand mit auf Tournee.
Kampf um Bürgerrechte
Abgesehen davon, dass Sammy auf diese Weise auch gleich die Kunst des Tanzens erlernte, gab es noch einen Vorteil der endlosen Performances: Der kleine Künstler wurde so vom Rassismus abgeschirmt, der damals extrem war. Martin Luther King war damals gerade erst geboren worden. Erst Jahrzehnte später begann der Kampf um Bürgerrechte für alle Amerikaner nach und nach Früchte zu tragen.
In der Armee musste Davis neue Erfahrungen machen. Von weißen Soldaten wurde er ausgegrenzt, belästigt und verprügelt. »Über Nacht sah die Welt anders aus. Sie war nicht mehr einfarbig«, sagte Sammy Davis einst in einem Interview. »Ich konnte den Schutz sehen, den ich mein ganzes Leben lang von meinem Vater und Will erfahren hatte. Ich schätzte ihre liebevolle Hoffnung, dass ich niemals etwas über Vorurteile und Hass erfahren müsste, aber sie irrten sich. Es war, als wäre ich 18 Jahre lang durch eine Schwingtür gegangen, eine Tür, die sie mir immer heimlich offengehalten hatten.«
Auch beim Militär wurde Sammy Davis Jr. Performer. Er unterhielt selbst Soldaten, die ihn zuvor noch diskriminiert oder angegriffen hatten. Nachdem er 1945 entlassen worden war, nahm er unter den Pseudonymen Charlie Green und Shorty Muggins Blues-Songs auf. Dann war er wieder Teil des Will Mastin Trios.

Gestrichene TV-Show
Im Jahr 1953, noch bevor er seine ersten Alben aufnahm, wurde ihm eine eigene Fernseh-Show angeboten, in der er mit dem Trio auftreten sollte. Neben der Musik und dem Tanz sollte es in der Sendung um schwarze Amerikaner gehen, die sich als Musiker emporkämpfen. Da aber keine Sponsoren aufsprangen, wurde das Projekt gestrichen.
Ende der 1950er-Jahre war der Sänger und Tänzer Sammy Davis Junior schließlich Teil des Rat Pack, dem auch Frank Sinatra, Dean Martin, Joey Bishop, Peter Lawford und inoffiziell auch der jüdische Comedian Don Rickles angehörten. Die Gruppe amüsierte sich in Las Vegas. Ihre Mitglieder traten zusammen oder getrennt auf und erschienen zusammen in Kinofilmen.
Davis war auch in dieser Konstellation mit Rassismus konfrontiert. Schwarze Künstler, die in bestimmten Hotels auftraten, durften dort im Gegensatz zu ihren weißen Kollegen nicht wohnen oder essen. Sie durften die Umkleiden nicht benutzen und mussten draußen warten, bis sie auf die Bühne gerufen wurden. Davis machte dies irgendwann nicht mehr mit. Er weigerte sich, an Orten aufzutreten, an denen die Rassentrennung durchgesetzt wurde.
Wichtiger Kuss
Kanada war Ende der 1950er-Jahre weniger rassistisch als die USA. Auf dem öffentlich-rechtlichen Kanal CBC bekam er mit »Sammy’s Parade« eine eigene Sendung, die seiner Karriere noch mehr Schub gab. Einige Jahre später verbesserte sich die Situation. Mitte der 60er-Jahre hätte Sammy Davis ein paar Clones gut gebrauchen können, denn er rannte zwischen Aufnahmen für seine Talk Show, Musik-Aufnahmen im Studio und allen möglichen Bühnen hin und her.
Ein Kuss, der die Vereinigten Staaten weiter brachte, war Ende 1967 bei NBC zu sehen und sorgte in der Gesellschaft für Schnappatmung: Nancy Sinatra begrüßte Sammy Davis mit diesem Kuss in ihrer Sendung »Movin’ with Nancy«. Es war wohl der erste »schwarz-weiße« Kuss, den man im amerikanischen Fernsehen sehen konnte.
Mit Elvis Presley verband Davis eine Freundschaft. In einer Zeit, in der beide Stars regelmäßig in Las Vegas auftraten, kam der »King« zu einigen seiner Parties. Sammy Davis interpretierte Elvis’ Hit »In the Ghetto«. Dann geriet seine Karriere ins Straucheln. Er heuerte daraufhin beim legendären Schallplattenlabel Motown an, um seine Musik für jüngere Hörer kompatibler zu machen. Dann kam »Candy Man« und es ging wieder bergauf.

Rolle bei »Columbo«
In Vietnam unterhielt er 1972 erneut Soldaten mit Shows. Seine Auftritte waren Teil eines Programms, das Armeeangehörige über die Gefahren des Drogenkonsums aufklären sollte. »Ich war noch nie so müde und habe mich noch nie so gut gefühlt wie jetzt«, sagte er nach einer der Shows vor Tausenden Soldaten.
Die Geschichte von Sammy Davis Jr. ist zugleich die Geschichte der Vereinigten Staaten von den 50er-Jahren an. Der American Dream spielt ebenso eine Rolle wie die Entertainment-Welt, zu deren Entwicklung und Erfolg er maßgeblich beitrug, aber eben auch die hässliche Fratze des Rassismus und der Ausgrenzung.
Privat mochte er es einfach: Sein Interesse galt Spiel-Shows und Seifenopern im Fernsehen, an denen er teilnahm, wann immer er konnte. Obwohl er ein »Columbo«-Fan war, spielte er dort nie mit. Immerhin ist Davis in der Folge »Requiem for a Falling Star« auf einem signierten Foto zu sehen, das an einer Wand hängt.
Auch als Fotograf und Waffensammler war Davis bekannt – sowie zeitweise als Trinker.
Drei Packungen
Später, im Jahr 1988, wurde er Teil einer Tour mit Frank Sinatra und Liza Minnelli. Allerdings konnte er plötzlich nicht mehr singen, als er eine Rachenkrebs-Diagnose bekam und daher starke Medikamente einnehmen musste. Von diesem Moment an ging es bergab. Der Konsum von drei Packungen Zigaretten pro Tag war wohl keine gute Idee.
Politisch war Sammy Davis ein Progressiver, der John F. Kennedy unterstützte. In der Nixon-Ära tappte er in die Falle, als der Präsident ihn und seine Frau Altovise einlud, eine Nacht im Weißen Haus zu verbringen. Seine Freundschaft mit Nixon, die dadurch entstand, bereute Davis später ebenso wie die Tatsache, dass er dem Republikaner im Jahr 1972 sogar im Wahlkampf half.
Ein großer Freund Israel war der Entertainer definitiv. Er wurde bei Besuchen mit Mosche Dayan fotografiert, sowie im Militärkrankenhaus von Ramat Gan, wo er nach dem Sechstagekrieg verletzte Soldaten mit Tanz und Gesang unterhielt.

Nicht verfassungskonform
In den späten 50ern war Sammy Davis mit der Schauspielerin Kim Novak zusammen. Da es sich um eine »interrassische« Beziehung handelte (obgleich es bei Menschen gar keine Rassen gibt), gab es Ärger. Der jüdische Chef des Plattenlabels Columbia soll einen Schläger zu seinem Star geschickt haben, um ihm notfalls mit schlagkräftigen Argumenten mitteilen zu lassen, dass er sie nicht mehr treffen dürfe.
Davis soll im Rahmen dieser rassistisch motivierten Drohungen sogar einige Stunden lang als Geisel festgehalten worden sein. Ihm wurde gesagt, er müsse innerhalb von zwei Tagen eine schwarze Frau heiraten, wenn er sein anderes Auge nicht auch noch verlieren wolle. Die Drohkulisse funktionierte: Er ehelichte die schwarze Tänzerin Loray White, bezahlte sie aber, um sicherzustellen, dass sie sich innerhalb eines Jahres wieder scheiden lassen würden.
Im Jahr 1960 heiratete er die schwedische Darstellerin May Britt, in einer Zeit, als nur vier Prozent aller Amerikaner »interrassische« Ehen unterstützten. In vielen US-Bundesstaaten waren sie sogar weiterhin verboten. Erst 1967, Jahre nach dieser Heirat, wurden diese Verbote für nicht verfassungskonform erklärt und untersagt. Die Ehe mit May Britt, mit der er zwei Jungen adoptiert hatte, zerbrach 1968.
Respekt und Bewunderung
Seine Beziehung zu der Tänzerin Altovise Gore begann 1968. Sie heirateten 1970. Why Me? war der Titel seiner Autobiografie, die er kurz vor seinem Tod noch veröffentlichen ließ.
Als Sammy Davis Jr. am 16. Mai 1990 starb, hinterließ er seine Ehefrau Altovise Davis und seine neue Freundin, die kurioserweise mit ihr zusammenlebte. Beigesetzt wurde er im Forest Lawn Memorial Park im kalifornischen Glendale – im Beisein von Stevie Wonder, Little Richard und anderen Kollegen. In Las Vegas wurden zwei Tage nach seinem Ableben die berühmten Neonlichter in Gedenken an ihn zehn Minuten lang abgeschaltet.
Der große Entertainer Sammy Davis wurde mit Preisen überhäuft. Elf Jahre nach seinem Tod wurde er sogar mit dem Grammy Lifetime Achievement Award geehrt – für sein Lebenswerk, das ihm Respekt und Bewunderung eingebracht hat.
»Imanuels Interpreten« ist eine Kolumne über jüdische Musiker von Imanuel Marcus. E-Mail: marcus@juedische-allgemeine.de