Viele Künstler haben eine Fangemeinde. Einige wenige haben zwei. Bette Midler gehört in letztere Kategorie, weil sie sowohl von Musik- als auch von Kinofans vergöttert wird. Nicht umsonst trägt sie den Titel »The Divine Miss M«. Göttlich? Vielleicht. Unübersehbar? Ganz sicher. Unüberhörbar? Genau! Seit sechs Jahrzehnten singt, spielt, tanzt, stichelt und engagiert sie sich durch die amerikanische Unterhaltungsgeschichte, als hätte sie nie etwas anderes vorgehabt.
Geboren 1945 in Honolulu, benannt nach Bette Davis, wuchs sie als eines von wenigen jüdischen Kindern in einem überwiegend asiatisch geprägten Viertel auf. Ihre Eltern Ruth, geborene Schindel, und Fred Midler stammten aus einfachen Verhältnissen. Er arbeitete als Maler auf einer Marinebasis.
Früh lernte Bette, die ihren Namen einsilbig ausspricht (»Bet«), sich mit Witz und Lautstärke durchzusetzen. Auch schien sie immer noch weitaus mehr Energie zu haben als ein Duracell-Hase. In der Schule wurde sie zur »geschwätzigsten Person« gewählt. Wer ihre Karriere kennt, weiß: Diese Wahl war prophetisch – und vermutlich noch untertrieben.
Künstlerische Partnerschaft
Bevor Hollywood auf sie aufmerksam wurde, sang sie Anfang der 70er-Jahre im Keller eines New Yorker Hotels – in den legendären Continental Baths, einem von Teilen der Schwulenbewegung frequentierten Badehaus. Begleitet wurde Bette Midler von einem damals noch unbekannten Pianisten namens Barry Manilow. Es war der Beginn einer künstlerischen Partnerschaft. Ihre Fangemeinde hatte in den Continental Baths ihren Ursprung.
Das Publikum dort trat für die Rechte von LGBTQI-Menschen ein, lange bevor diese so bezeichnet wurden. Es war zudem laut, direkt und wenig geduldig. Wer bestehen wollte, musste mehr liefern als schöne Töne. Midler lieferte alles: Drama, Parodie, alte Schlager, neue Frechheiten – und zwischen den Songs eine Moderation, die eher Stand-up-Comedy war als Konzertansage. Sie lernte, Räume zu beherrschen. Und sie lernte, dass Humor eine Waffe sein kann – gegen Spott, gegen Vorurteile, gegen Langeweile.
Rückblickend sagte sie über diese Zeit: »Trotz allem, was später passiert ist, bin ich stolz auf diese Tage. Ich hatte das Gefühl, an der Spitze der Schwulenbewegung zu stehen – und ich hoffe, ich habe meinen Teil dazu beigetragen.« Den Spitznamen »Bathhouse Betty« trägt sie bis heute mit Stolz und sichtbarem Vergnügen.

Nationaler Star
Im Jahr 1972 erschien ihr Debütalbum The Divine Miss M, eine freche, furchtlose Mischung aus Nostalgie, Kitsch und großer Geste. Die Platte war ein Wagnis: alte Girlgroup-Songs neben Theatralik, Pathos neben Parodie. Doch genau diese Mischung machte sie unverwechselbar. Das Album gewann einen Grammy, und plötzlich war aus der Badehaus-Attraktion ein nationaler Star geworden.
Der Durchbruch im Kino kam mit The Rose. Als exzessive Rocksängerin, lose angelehnt an Janis Joplin, zeigte sie eine dunkle, doch verletzliche Seite. Die Rolle brachte ihr eine Oscar-Nominierung und einen Golden Globe ein. Sie bewies, dass hinter der Komödiantin eine ernsthafte Schauspielerin steckte. Midler spielte nicht nur laut. Sie konnte auch leise – und gerade das überraschte viele Kritiker. Wer im Jahr 1979 bereits Teenager war, wie der Autor dieser Zeilen, erinnert sich gut an The Rose. Auch die begeisterten Reaktionen in einem Kinosaal in Mexiko-Stadt sind mir in Erinnerung geblieben.
Spätestens mit »Wind Beneath My Wings« wurde sie zur Königin der großen Gefühle. Der Song aus dem Film Beaches wurde ihr größter Hit und brachte ihr den Grammy für das »Album des Jahres« ein. Kaum ein Lied wurde häufiger auf Hochzeiten, Beerdigungen und Jubiläen gespielt. Midler selbst stand dem Pathos stets mit einer Portion Ironie gegenüber – doch sie wusste genau, wie man ein Publikum zu Tränen rührt.
Tragikomische Frauenrollen
In Beaches verkörperte sie die egomanische, aber wieder auch verletzliche Sängerin C.C. Bloom, eine Figur, die ihr wie auf den Leib geschrieben schien. Großspurig, empfindlich, loyal. Der Film entwickelte sich zum Dauerbrenner im Fernsehen und festigte ihr Image als Meisterin der tragikomischen Frauenrollen.
Doch sie kann auch anders: In Hocus Pocus wurde sie zur schrillen Hexe mit Kultstatus. Mit wildem Haar, irrem Blick und perfektem Timing machte sie aus einer Familienkomödie ein Halloween-Phänomen. Jahrzehnte später kehrte sie in der Fortsetzung zurück. Die war der Beweis dafür, dass Rollen gut altern – vorausgesetzt, sie werden von Bette Midler gespielt. Big Business war eine Verwechslungskomödie mit zwei Zwillingspaaren, in der sie gleich zwei Rollen spielte – eine Art Erwachsenenversion von Das doppelte Lottchen.
Auch am Broadway schrieb sie Geschichte. In der Neuinszenierung von Hello, Dolly! übernahm sie erstmals eine echte Hauptrolle in einem Musical und gewann prompt einen Tony Award.
Haltung und Humor
Im Interview erklärte sie vor einigen Jahren, warum sie die Rolle annahm: »Es ist wie ein Liebesbrief, ein Sonnenstrahl in dunklen Zeiten«, erklärte Bette Midler.
Midler hat zwei Oscar-Nominierungen, mehrere Grammys, Emmys und Tonys gesammelt – ein Trophäenschrank wie ein gut sortiertes Kaufhaus. Sie drehte Komödien wie The First Wives Club, in der sie gemeinsam mit ihrer ebenfalls jüdischen Kollegin Goldie Hawn und dem 2025 verstorbenen, nicht-jüdischen Star Diane Keaton Rache an untreuen Ehemännern nahm. Der Film wurde zum Kassenschlager – und zum popkulturellen Statement über weibliche Solidarität jenseits der 40.
In späteren Jahren spielte sie Mütter, Großmütter, Matriarchinnen: Figuren mit scharfem Mundwerk und weichem Kern. Sie lieh Animationsfiguren ihre Stimme, trat in Fernsehserien auf und blieb auch im digitalen Zeitalter präsent. Auf Social Media kommentiert sie Politik, Kultur und Alltägliches mit derselben Mischung aus Empörung und Witz, die schon ihre frühen Shows prägte.

Schönheit und Sicherheit
Sie blieb nie unpolitisch. Als bekennende Demokratin mischt sie sich regelmäßig ein, manchmal auch zu direkt – was sie später durchaus einräumt. Und sie weiß: Wer jahrzehntelang im Rampenlicht steht, wird nicht dafür geliebt, dass sie es allen recht macht.
Neben Bühne und Leinwand engagiert sich Bette Midler seit Jahrzehnten für grünere Städte. Mit dem von ihr gegründeten New York Restoration Project rettete sie verwahrloste Parks und Gemeinschaftsgärten in New York. Sie sammelte Millionen Dollar, organisierte Freiwillige, pflanzte Bäume und erschien zu Terminen gern selbst mit Arbeitshandschuhen.
Schon in den 90ern finanzierte sie persönlich die Reinigung eines Autobahnabschnitts – inklusive Schild: Müllbeseitigung gesponsert von Bette Midler. Selbstironie ist bei ihr nie weit. Für sie ist Umweltschutz kein PR-Thema, sondern eine Frage der Lebensqualität. Städte, sagt sie, bräuchten Schönheit genauso wie Sicherheit.
Performance und Interpretation
Bei ihrer Musik ist es ähnlich: Sie liefert mit Sicherheit Schönheit. Eine Reise durch Bette Midlers Klänge im Rückwärtsgang führt mich zu ihrem bisher letzten Studioalbum It’s the Girls!. Es bietet ebenso erfrischende wie energetisch interpretierte 50er- und 60er-Jahre-Klassiker wie »Mr. Sandman« und »Be My Baby«. Ihre Version von »Teach Me Tonight« ist ebenfalls originell.
Cool Yule von 2006 ist ein Weihnachtsalbum. Wie viele ihrer jüdischen Gesangskollegen erkannte auch Bette Midler den geschäftlichen Nutzen einer solchen Aufnahme. Weitaus interessanter ist Bette, eine im Jahr 2000 aufgenommene Platte, auf der sie Soul-Songs interpretiert, darunter »Love TKO« von Teddy Pendergrass und »That’s How Heartaches Are Made«, ein Lied, das Randy Crawford 1982 meisterhaft sang.
Auch ihre anderen Alben, von Bette of Roses von 1995 bis zurück zu The Divine Miss M von 1972, zeigen: Es geht um Performance und Interpretation, ob es nun »Beast of Burden« von den Rolling Stones ist oder eben »The Rose«. Bette Midler ist keine Komponistin, aber sonst alles, was eine Künstlerin sein kann.
Singen und tanzen
Mit über 80 denkt sie offenbar nicht ans Aufhören. Auf die Frage, ob sie noch unerfüllte Wünsche habe, antwortete sie trocken: »Dolly ist eine große Herausforderung. Sie muss lustig sein, sie muss singen, sie muss tanzen. In meinem Alter ist das schon etwas. Vielleicht bin ich danach fertig. Ich habe viel gemacht.«
Wer Bette Midler kennt, ahnt: Ganz fertig ist sie vermutlich nie. Sie hat sich immer wieder neu erfunden – vom Badehaus-Phänomen zur Oscar-Kandidatin, von der Pop-Diva zur Broadway-Ikone, von der Filmkomikerin zur Stadtgärtnerin.
Selbst wenn sie die Bühne eines Tages endgültig verlassen sollte: Ihre Stimme, ihr Lachen und ihre Pointen werden bleiben.
»Imanuels Interpreten« ist eine Kolumne über jüdische Musiker von Imanuel Marcus. E-Mail: marcus@juedische-allgemeine.de