Giora Feidman

Ton der Seele

Giora Feidman beim Konzert an seinem 90. Geburtstag in der Berliner Philharmonie Foto: MACC Management

Giora Feidman

Ton der Seele

Der Klarinettist feierte seinen 90. Geburtstag in der Berliner Philharmonie – eine Doku auf ARTE würdigt sein Lebenswerk

von Maria Ossowski  27.03.2026 14:04 Uhr

Geburtstagsparty eines 90-jährigen: Er feiert sie mit seinem Instrument, mit zwei Musikern, die ihn begleiten, und mit 950 Menschen, von denen er nur wenige kennt. Auf die Bühne des Kammermusiksaals in der Berliner Philharmonie führen ihn an seinem Geburtstagsabend ein Pianist und eine Geigerin. Kaum betritt die Legende den Saal, brandet Jubel auf. Alle erheben sich und ehren ihn, die Freudenrufe und der Beifall gehen nahtlos über in den Ton seiner Klarinette.

Giora Feidman setzt an zu »Schalom Alejchem«, er spielt und dirigiert das Publikum gleichzeitig. Mit der freien Hand, mit den Füßen, die im Takt aufstampfen, und mit Blicken. Alle singen laut mit, manche falsch, viele richtig, der Jubilar strahlt. Friede sei mit euch, so setzt Feidman den Ton des Abends.

Sein Geburtstagsfest steht, wie sämtliche Konzerte seiner Tour, im Zeichen der Versöhnung. Fast alle Songs der zwei Stunden hat sein iranischer Manager und Freund Majid Montazer komponiert. Melodische Wohlfühlmusik, mal tänzerisch, mal melancholisch mit Titeln, die dem Irrsinn gewaltsamer Konflikte im Feidmanʼschen Sinne widersprechen: »For a Better World«, »The Sweet Melody of Life«, »Dancing with Destiny« oder »Hand in Hand«.

Fast alle Songs des Konzerts hat sein iranischer Manager und Freund Majid Montazer komponiert.

Feidman moderiert selbst, in einem betörenden Mischmasch aus seiner Muttersprache Spanisch, Englisch, Jiddisch und Deutsch. Von seinem Notenpult liest er die Texte ab, die Montazer ihm in riesigen Buchstaben und in Lautschrift ausgedruckt hat. »Froide«, »Aine bessere Welt braucht Fraiheit« »Musik macht gesund«. Und er erwähnt »meine schlechte Oig«.

Es grenzt in der Tat an ein Wunder, dass Feidman die großen Noten und die Buchstaben überhaupt lesen kann, denn er ist vor 90 Jahren in Buenos Aires sehbehindert zur Welt gekommen. Ein nahezu blindes Kind. Vor zwölf Jahren ermöglichte ihm schließlich eine Operation, teilweise zu sehen. Aber wie konnte Feidman zu einem langjährigen Mitglied des Israel Philharmonic Orchestra, zu einem Weltstar werden mit einer so schweren Beeinträchtigung?

Der Fernsehsender ARTE hat ein berührendes Porträt dieses Jahrhundertkünstlers produziert: Giora Feidman – Seele der Klarinette. Darin erzählt Feidman von den Schwierigkeiten seiner Kindheit. Fußball? Murmeln werfen? Verstecken spielen? Alles unmöglich, im besten Falle konnte er Umrisse unscharf erkennen.

Ein nahezu blindes Kind

Giora stammte aus einer Musikerfamilie, die Eltern und Großeltern waren Musiker, schon sein Urgroßvater hatte in Bessarabien Klezmer gespielt. »Du kannst wegen deiner Augen kein Musiker werden«, hatte der Vater dem kleinen Giora erklärt. »Also klaute ich ihm seine Klarinette und spielte heimlich.« Als sein Vater dies entdeckte, ließ er die Klarinette absichtlich auf dem Tisch liegen. »Sie wurde meine Stimme, meine Seele«, so Feidman in Nahuel Lopezʼ ergreifender Dokumentation.

Giora lernte Musik sofort auswendig. Mit 18 spielte er erstmals im Teatro Colón in Buenos Aires, mit 21 zog er nach Israel, im selben Jahr nahm ihn das Israel Philharmonic Orchestra auf. Dessen Chefdirigent Zubin Mehta »merkte nach vielen Jahren als Letzter, dass ich nicht sehen kann«, erzählt Feidman im Film lachend. Mit der Solokarriere in New York wurde er zum Weltstar. Und in Deutschland?

Feidman spielte in »Ghetto« von Peter Zadek und das Klarinettensolo in »Schindlers Liste«.


Die Autorin erinnert ihr größtes Theatererlebnis noch heute mit jeder Szene. Peter Zadek inszenierte 1984 an der Freien Volksbühne Berlin Joshua Sobols Stück Ghetto mit den Ghetto-Gefangenen Esther Ofarim und Michael Degen sowie dem damals noch unbekannten Ulrich Tukur als SS-Mann.

Ein Moment tiefer Berührung: links am Gang durch den Zuschauerraum ertönte plötzlich eine klagende, bittende und gleichzeitig selbstbewusste, widerständige Melodie. Ein bis dahin unbekannter Klarinettist lief, schmal und in Lumpen, mit seiner Klarinette am Publikum entlang auf die Bühne: Giora Feidman. Seither ist er auch hier berühmt, der ARTE-Film zeigt Ausschnitte aus dieser Produktion. Später spielte Feidman in Hollywood das Klarinettensolo in Schindlers Liste.

Seine Frau Ora managte ihn

Seine Frau Ora managte ihn, ließ ein Haus bauen mit herrlichem Garten in Tel Aviv. Seit ihrem Tod 2022 schreibt er ihr Liebesbriefe auf Spanisch in der abgedunkelten Tel Aviver Küche. »Du hast mir die Liebe gezeigt, wenn ich spiele, sehe ich Dein Lächeln«, und er spielt an ihrem Grab. Sonst tourt er mit seinem iranischen Manager durch die Welt. Wenn beide Hand in Hand auf der Bühne stehen, »He comes from Iran, ich Israel«, dann bewahrheitet sich Feidmans Glaube, dass Musik Brücken bauen und versöhnen kann.

Aber er weiß auch: »7. Oktober killed everything.« In der Doku sitzen Palästinenser und Israelis, Juden, Christen und Muslime gemeinsam am Küchentisch in seinem Haus, diskutieren und streiten. Feidman hört friedlich zu und isst Obstsalat.

Mittlerweile besitzt er auch die deutsche Staatsangehörigkeit, er liebt Hamburg, und wen immer er anspricht, er nennt jeden liebevoll »Süßele«. Möge Giora Feidman sehr lange leben, hatte einst Leonard Bernstein sich gewünscht. Wir fügen an: bitte mindestens noch 30 Jahre!

»Giora Feidman – Seele der Klarinette« läuft am 30. Mai um 23.13 Uhr auf ARTE. Bis 29. Juli in der ARTE Mediathek

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