Elfriede Jelinek

Virtuose Sprachkomponistin

Elfriede Jelinek (hier im Jahr 2004 in Wien) wurde am 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag in der Steiermark geboren. Foto: IMAGO/TT

Elfriede Jelinek

Virtuose Sprachkomponistin

Eine Würdigung der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin zu ihrem 80. Geburtstag

von Christa Gürtler  19.10.2026 15:20 Uhr

Mich interessieren also Dichter, die abseits gehen und fremd bleiben, auch sich selbst fremd, Verstörte, die aber besessen sind von der Präzision des Ausdrucks, als wollten sie sich bis zuletzt an etwas festhalten.»In ihrem Essay«nicht bei sich und doch zu hause»schreibt Elfriede Jelinek über ihre«literarischen Verwandtschaften»und stellt ihr eigenes Schreiben in die Tradition dieser Dichtung der Nichtsgewissheit. Auch in der Musik ist sie fasziniert von Komponisten wie Franz Schubert, die nicht auf Selbstvergewisserung, sondern auf Beunruhigung zielen.

Von früher Kindheit an lernt Elfriede Jelinek auf Wunsch ihrer autoritären Mutter verschiedene Instrumente – Klavier, Gitarre, Blockflöte, Geige, Bratsche, Orgel – zunächst in der Musikschule, später am Wiener Konservatorium, wo sie 1971 die Orgelabschlussprüfung ablegt. In Abgrenzung zur mütterlichen Dressur wählt sie jedoch das Schreiben als künstlerische Ausdrucksform, bereits 1970 erscheint ihr erster Pop-Roman wir sind lockvögel baby! im Rowohlt Verlag, der bis heute ihre Werke veröffentlicht.

Jelinek weiß, dass sie aus der Position als Frau und Außenseiterin Grenzen überschreitet.

Elfriede Jelinek erzählt keine psychologischen Geschichten, sie verfremdet und analysiert vorgefundenes Sprachmaterial, um gesellschaftliche Strukturen, Gewalt- und Machtverhältnisse sichtbar zu machen. Sie weiß, dass sie aus der Position als Frau und Außenseiterin dabei Grenzen überschreitet.

Schon in den 70er-Jahren entlarvt sie in ihrem Roman Die Liebhaberinnen die Heils- und Liebesversprechen trivialer Heft- und Fortsetzungsromane als bloße Suggestion, und in ihrem ersten Theaterstück Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte konfrontiert sie Noras Emanzipationswünsche in einer Fortschreibung von Ibsens Drama Nora oder Ein Puppenheim mit den historischen ökonomischen Verhältnissen. Am Ende des Stücks landet Nora wieder bei ihrem Mann, ihre Position hat sich verschlechtert.

Jelinek radikalisiert ihre feministische Position unter anderem in ihren Romanen Die Klavierspielerin und Lust wie auch in ihrem Stück Raststätte oder Sie machens alle, um nur einige Titel zu nennen. Dass sie dabei auf eindeutige Zuweisungen von Täter und Opfer verzichtet und Ironie, Parodie, Satire und Komik wichtige Stilmittel sind, stößt auch bei vielen Frauen auf Widerspruch oder Unverständnis. Denn Jelinek zählt mit ihrem Engagement nicht nur zur Avantgarde der Literatur, sondern auch des Feminismus.

«Nestbeschmutzerin»

Nicht erst seit ihrem Theaterstück Burgtheater, uraufgeführt 1985 in Bonn, in dem Jelinek die Kollaboration einer österreichischen Schauspielerdynastie mit dem NS-Regime thematisiert, danach aber mit ungeheurer Vehemenz wurde die Schriftstellerin zur «Nestbeschmutzerin» erklärt und sah sich einer medialen und politischen Hetzjagd ausgesetzt. Erst 2025 erlebte das Stück in der Regie von Milo Rau bei den Wiener Festwochen am Burgtheater Wien eine viel bejubelte Aufführung.

Dass sich Jelinek in vielen Texten mit der Geschichte Österreichs während des Nationalsozialismus und dem langjährigen Beharren auf der «Opferthese» auseinandersetzt – kongenial in ihrem Roman Die Kinder der Toten – förderte ihren Ruf als «Staatsfeindin».

Seit vielen Jahren macht sie keinen Unterschied mehr zwischen Prosa und Theatertext.

Elfriede Jelinek erhielt wichtige Literaturpreise, vom Büchner-Preis (1998) bis zum Nobelpreis (2004). Die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihrem Werk ist weltweit groß und wird in Wien vom «Interuniversitären Forschungsnetzwerk Elfriede Jelinek» dokumentiert und begleitet. Dass vor Kurzem die Stadt Wien ihren Vorlass erworben hat, mag als schönes Zeichen im Vorfeld ihres 80. Geburtstags gewürdigt werden. Seit ihrer Heirat 1974 mit Gottfried Hüngsberg pendelte die Autorin zwischen ihren Wohnsitzen in Wien und München, seit seinem plötzlichen Tod 2022 lebt sie wieder in ihrem Elternhaus in Wien-Hütteldorf.

Das Theater als Ort der Künstlichkeit

Als eine der meistgespielten Dramatikerinnen versteht sie das Theater als Ort der Künstlichkeit und wendet sich gegen Schauspieler, die Leben vortäuschen. Seit vielen Jahren macht sie keinen Unterschied mehr zwischen Prosa und Theatertext, verteilt immer seltener ihre Texte auf Stimmen. Sie überlässt es der Regie, sich aus einem Buch ein Theaterstück zu formen, das je nach Inszenierung andere Realisierungen ermöglicht.

Im Titel ihres Buches Angabe der Person (2022), das als eine Art «Lebensbilanz» gelesen werden kann, verschiebt der Austausch eines Wortes die Bedeutung: Aus dem bürokratischen Begriff «Angaben zur Person» wird die selbstbewusste «Angabe der Person». Schon der erste Satz des Buches verweist auf Jelineks solitäre vielstimmige Schreibweise, in der sich verschiedene Sprach- und Bedeutungsebenen immer wieder ineinanderschieben: «So, bauen wir mal meine Lebenslaufbahn, Hauptsache, ich muß sie nicht selbst noch einmal entlanglaufen, nur langlaufen die letzten paar Meter, ich entziehe mich lieber selbst, bevor ich etwas hinterziehe, das Hinterziehen ist ja zum Volkssport geworden.»

Die Erzählerin ist die Persona der Autorin, die sich hie und da auch als «Elfi» anspricht, und die uns hineinzieht in ihren Erinnerungs- und Erkenntnisprozess über eigene Erfahrungen vor allem im Kontext des Vorwurfs eines längst eingestellten deutschen Steuerhinterziehungsverfahrens und ihrer väterlicherseits jüdischen Familiengeschichte. Dabei ist ihr Terrain die Sprache selbst, die Wirklichkeit produziert, unser Denken und unsere Gefühle bestimmt.

«Angabe der Person»: Nachdenken über kapitalistische Wirtschaftsverhältnisse

Für Elfriede Jelinek ist das erwähnte «Verfahren» Ausgangspunkt für ihr Nachdenken über kapitalistische Wirtschaftsverhältnisse. Sie verknüpft ihre persönliche Geschichte mit dem Skandal der unterschiedlichen finanziellen Wiedergutmachungen von Tätern und Opfern im Nationalsozialismus nach 1945.

Ihre katholische Mutter war mehrmals aufgefordert worden, sich von ihrem jüdischen Mann scheiden zu lassen, der als Chemiker in einem Konzern für die Kriegsindustrie arbeiten musste. Nach dem Krieg erkrankte der Vater psychisch und starb 1969 im Psychiatrischen Krankenhaus Baumgartner Höhe. Tante und Onkel wurden getötet, einige wenige Familienmitglieder überlebten in der Schweiz.

Jelinek bezieht sich in ihren wirtschaftlichen Recherchen auf aktuelle Theoretiker der Kapitalismuskritik wie Thomas Piketty und diverse Internetplattformen für Infos zu Steuerhinterziehung und Medienberichten über Wirecard, FIFA, Bayern München, René Benko und andere.

Wirecard, FIFA, Bayern München, René Benko

Alle Texte von Jelinek zeichnen sich durch eine genaue sprachliche Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Diskursen aus, da die Autorin – wie sie bekennt – viel Zeit mit dem «Herumbrowsen» verbringt.

Auch ihr jüngster Text Unter Tieren – in der Regie von Nicolas Stemann bei den Salzburger Festspielen 2026 in Kooperation mit dem Burgtheater Wien uraufgeführt – beschäftigt sich mit gegenwärtigen Formen von Kapitalismen. Die Textpassagen sind nicht auf Menschen aufgeteilt, sondern auf Tiere, die, selbst zur Ware geworden, aus ihrer Perspektive über die Welt des Kapitals erzählen und genauso ahnungslos sind wie die Menschen.

In der NS-Zeit wurde ihre katholische Mutter zur Scheidung vom jüdischen Ehemann aufgefordert.

Elfriede Jelinek ist eine virtuose Sprachkomponistin, die sich vom Rhythmus und vom Klang der Sprache weitertreiben lässt. In der Nobelpreisbegründung heißt es, dass ihr der Preis verliehen wird «für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen».

In ihrer Nobelpreisrede «Im Abseits» thematisiert sie die Dialektik ihres Vertrauens und Misstrauens gegenüber der Sprache. Die Position des Dichters ist immer außerhalb und zweideutig. Im Abseits begegnet die Dichterin der Sprache, die wie Musik ihr Eigenleben entfaltet: «Ich kann ja gar nicht sprechen, meine Sprache ist derzeit nicht zu Hause. (…) Sie sagt umso mehr, je ferner sie mir ist, ja, erst dann traut sie sich, etwas zu sagen, das sie selber sagen will, dann traut sie sich, mir nicht zu gehorchen, sich mir zu widersetzen.»

Offenheit und Vieldeutigkeit der Texte, regt zu immer neuen Perspektiven in Inszenierungen und Lektüren an

Es ist diese Offenheit und Vieldeutigkeit der Texte, die zu immer neuen Perspektiven in Inszenierungen und Lektüren anregen und bisweilen so manche Besucher und Leser ratlos machen oder eben begeistern.

Die Sprache von der Leine lassen ist der Titel des sehenswerten Filmporträts von Claudia Müller (2022) über Elfriede Jelinek, und wer sich davon überzeugen möchte, dass diese entfesselte Sprache es ermöglicht, die Unzumutbarkeiten des Lebens erfahrbar zu machen, dem sei dieser Film ebenso empfohlen wie die Lektüre von Elfriede Jelineks Werk.

Die Autorin ist Literaturwissenschaftlerin und Literaturkritikerin. Sie lebt in Salzburg.

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