Noch bevor der Sammelband Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk von Tobias Johann und Andreas Borsch überhaupt erhältlich war, sorgte er für Aufregung. In einem Beitrag im »Freitag« berichtete Verleger Jörg Sundermeier von den Reaktionen, sobald der Verbrecher Verlag ein Buch zu den Themen Antisemitismus oder Judentum ankündige. Ihm zufolge wurde bei einem Geschäft sogar die Belegschaft online bedroht, nur weil man dort auf das Buch hingewiesen hatte. Man könnte meinen, der Sammelband sei seinem Gegenstand bereits gerecht geworden. Denn Punk lebt von der Provokation.
Die jüdischen Wurzeln des frühen Punks sind unbestritten. 2008 untersuchte Steven Lee Beeber in Die Heebie-Jeebies im CBGBʼs erstmals die Entstehung der amerikanischen Punkbewegung auf den jüdischen Hintergrund seiner wichtigsten Protagonisten. 2018 folgte Oy Oy Oy Gevalt! Jews and Punks von Michael Croland, der auch am vorliegenden Sammelband beteiligt ist. Dieser schließt nun an die Arbeit der beiden an, erweitert die Diskussion aber um Texte zum Antisemitismus im Punk. Der fand bislang nur in einzelnen Beiträgen, etwa in Judenhass Underground von Nicholas Potter und Stefan Lauer, Erwähnung.
»Punk ist jüdisch«
»Punk ist jüdisch«, resümierte Lee Beeber damals. Trotzdem, so Croland in dem Band des Verbrecher Verlags, hätten in den Anfangsjahren nur wenige Punkbands ihre jüdische Identität in den Mittelpunkt gerückt. Das änderte sich ihm zufolge 1981, als in Los Angeles jüdischer Punk entstand. In dem wurde durchaus humorvoll und provokant mit der eigenen jüdischen Identität experimentiert. Der Sänger von »Gefilte Fuck« etwa ging mit einer Flasche Kiddusch-Wein auf die Bühne und warf Mazzen, Geld in Form von Schokoladenmünzen und sogar Gefilte Fish ins Publikum. Eine andere Band war »Jewdriver«, eine Persiflage auf die britische Rechtsrockband »Skrewdriver«.
Croland beschreibt nicht nur die Entwicklung von jüdischem Punk, sondern auch, wie der seine eigene Beziehung zum Judentum gestärkt habe. Es sind solche persönlichen Noten, die den Sammelband interessant machen. Die Band DVMP setzt im Gespräch mit Tobias Johann die Ideale des Punks sogar mit denen des Judentums gleich. Bandmitglied Alfi sieht beispielsweise in der Resilienz eine Ähnlichkeit. Für Monty Ott ist Punk eine Form der Selbstermächtigung – die Sehnsucht, einengenden Identitätskonzepten zu entkommen.
Dem schließt sich Jonas Engelmann in seinem Beitrag an, wenn er Punk als antiessenzialistisch beschreibt. Er veranschaulicht das am ersten Album von »The Voidoids« aus dem Jahr 1977. Das Coverfoto zeigt Richard Hell, Bassist und Sänger der Band. Auf dessen blanker Brust steht: »YOU MAKE ME«. Hell teilte schon Lee Beeber 2008 mit, er habe sich nie über seine jüdische Herkunft definiert, aber: »Für einen Antisemiten bin ich definitiv ein Jude.« In seiner Ablehnung starrer Identitätskategorien sieht Engelmann schließlich ein antisemitismuskritisches Potenzial im Punk.
Riot-Grrrls
Andere Beiträge thematisieren Antisemitismus. Der ist natürlich nicht erst seit dem 7. Oktober 2023 ein Problem. Eindrücklich beschreibt das Lara Dvorah in ihrem Erfahrungsbericht als Israelin in der Berliner Punkszene. Warum Punk als eigentlich emanzipatorische Bewegung trotzdem so anfällig für Antisemitismus ist, zeichnet Theresa Streiß historisch anhand der Entstehung der Riot-Grrrl-Szene nach, und Tina Sanders liefert einen psychoanalytisch fundierten Erklärungsansatz.
Und es werden Bands, Konzertgruppen und Fanzines vorgestellt, die sich dem Judenhass widersetzen. Einen guten Einblick über den derzeitigen Zustand der Szene gibt das Gespräch zwischen antisemitismuskritischen Punks aus Berlin, Hamburg, München und Leipzig.
Der Sammelband überzeugt durch seine vielseitigen Zugänge zum Thema. Es fällt aber auf, dass die Autorinnen und Autoren mit denselben Referenzen arbeiten. Ein paar Bands blieben unerwähnt, etwa die Stuttgarter Band »Guerilla«, die schon 2009 in ihrem Lied »Right to Exist« israelfeindliche Tendenzen in der Szene kritisierten. Betont antisemitismuskritische Stimmen gab es im Punk von Beginn an – und damit provozieren sie in der eigenen Szene bis heute.
Andreas Borsch und Tobias Johann: »Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk«. Verbrecher, Berlin 2026, 320 S., 24 €