Kolumne

Der Mandelbaum und die »hot mitzvah«

Foto: Flash 90

Anfang März blühen im Galil die Mandelbäume, und in unserer Familie in Israel ist es Tradition, das mit einem Spaziergang zu genießen, wenn die Tu-Bischwat-Fans endlich weg sind. Besonders ein Bild kommt hartnäckig zurück ins Gedankenkino: ein leicht gewundener, heller Weg umgeben von neuem Gras und gesäumt von zierlichen Bäumen, die gerade ihre weiß-rosa Pracht in den knallblauen Himmel schieben. Meine Nichte hüpft quietschend vorweg, und wir spazieren entspannt durch das erste warme Licht, das sich auch so anfühlt … »Simcha raba, simcha raba. Aviv higia, Pessach ba!« (Viel Freude, so viel Freude! Der Frühling ist da, und Pessach kommt!)

Tatsächlich waren wir damals wohl ein bisschen zu früh dran, denn die richtig beeindruckende Pracht war noch nicht zu sehen, aber da waren Blüten, und es duftete schon.

An einen Flug nach Israel ist im Moment nicht zu denken

Und ja, natürlich war die Anfahrt ein bisschen chaotisch gewesen. Und so richtig lange Zeit hatten wir auch nicht zum Lustwandeln, wir wollten schließlich noch ins Café. Und meine Nichte wollte irgendwann auch nicht mehr weiterlaufen, schließlich sahen die Bäume doch eigentlich alle gleich aus … Oh Mann, ich vermisse das alles so sehr! Aber an einen Flug nach Israel ist im Moment nicht zu denken.

Deshalb kommt jetzt ein harter Schnitt: Fernsehen statt Fernreise. Und ein neuer Eskapismus-Tipp, wenn auch einer insbesondere für Frauen. Die Serie Younger, Darren Stars Output zwischen Sex and the City 2 und Emily in Paris, ist witzig, schnell, sexy, überkandidelt und immer wieder sehr jüdisch (Macher, Schauspieler und Inhalt). Aber vor allem ist sie abgrundtief harmlos.

Familie und Freunde kommen zuerst, egal, was passiert.

Liza ist eine 40-jährige, geschiedene Frau, die sich als 26-Jährige ausgibt, um in New Yorks Verlagsbranche überhaupt einen Job zu bekommen, nachdem sie sich 15 Jahre lang um ihre Familie gekümmert hat. Um den Hauptstrang herum drapieren sich diverse Liebes- und Lustgeschichten und Nebenrollen, die fast jede für sich eine eigene Serie verdienen.

Zum Beispiel Lauren Heller (gespielt von der wunderbaren Molly Bernard), die nur die beste Freundin gibt, aber das so herzlich schrullig, gut vernetzt und lösungsorientiert, dass man ihr nicht von der Seite weichen möchte. Vor allem nicht, als sie ihre »hot mitzvah« feiert, ihre altersoptimierte Batmizwa, weil sie doch jetzt besser aussieht und weiß, was sie will.

Auch ein schönes neues Wort ist »Orthodyke«

Auch ein schönes neues Wort ist »Orthodyke«, wie sich die orthodoxe Liebschaft von Lizas bester Freundin Maggie (Debi Mazar) selbst nennt, was sogar zu einer ausgepumpten Mikwe führt. Und dann ist da noch Max Horowitz, der Traum einer jeden jüdischen Mamme, aber nicht unbedingt der Tochter.

Bei all dem emotionalen Glam im knallharten Bücherbusiness wird allerdings immer wieder eines klar: Familie und Freunde kommen zuerst, egal, was passiert. Und damit bin ich wieder bei unserer Familie und den Mandelbäumen, allerdings eindeutig besser gelaunt.

Übrigens wachsen Letztere im Galil schon seit mindestens 780.000 Jahren. Auf diese Datierung kamen Archäologen, die in der Ausgrabungsstätte Gescher Benot Ja’aqov nördlich vom Kinneret gefundene Mandelschalen untersucht haben. Was ist dagegen mein Warten auf das Ende des Krieges? So wandle ich weiter in weiß-rosa Gedanken, und als ich stehen bleibe, schicke ich Fotos von unseren Ausflügen in die Mischpacha-WhatsApp-Gruppe. Und es kommt ganz viel bunte Frühlingswärme zurück.

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