Berlin

Bücher als portatives Vaterland

Zwei Israelis wollen »die Kultur des Volkes des Buches retten«: Der Romanautor Moshe Sakal (l.) und der Lyriker Dory Manor sind Gründer des Verlags »Altneuland Press« in Berlin. Foto: Rolf Walter

Ein Altbau-Ensemble mit Hinterhof in Berlin-Neukölln. Kein Schild weist darauf hin, dass in diesem Gebäude der erste säkulare hebräische Verlag operiert, der seit 1948 außerhalb Israels entstanden ist: »Altneuland Press«, gegründet 2024 von den israelischen Literaten Dory Manor (54) und Moshe Sakal (50). Beide sind Schriftsteller mit Sendungsbewusstsein: »Wir wollen die Kultur des Volkes des Buches retten«, erklärt Moshe Sakal. Und: »Wir denken bei dem Verlag nicht nur an uns selbst, sondern an die kommende Generation.«

Das gilt für die beiden Männer aus Israel, die auch privat ein Paar sind, nicht nur in beruflicher Hinsicht. Kurz nach 13 Uhr erscheinen sie ein wenig abgehetzt zum Interviewtermin. In ihrer Privatwohnung haben sie sich gerade vom Babysitter verabschiedet. »Wir haben eine sehr süße Tochter, sie ist ein Jahr alt. Deshalb sind wir auch sehr müde, wir schlafen gerade nicht sehr viel«, erklärt Dory Manor. Beide arbeiten viel von zu Hause aus; das Gebäude in Neukölln, vor dem ihr Taxi gerade gehalten hat, dient ihnen für Meetings. Es ist das erste Interview, das die beiden Verleger in Deutschland auf Hebräisch geben.

Kennengelernt haben die beiden Verleger sich in Paris, 2019 verschlug es sie nach Berlin

Moshe Sakal, der aussieht wie ein Aschkenase, aber aus einer syrisch-ägyptisch-jüdischen Familie stammt, hat auf Hebräisch sechs Romane veröffentlicht. Den Lyriker, Essayisten und Übersetzer Dory Manor, der auch auf Französisch publiziert, könnte man für einen Sefarden halten, doch sein Vater wurde vor dem Zweiten Weltkrieg in Berlin geboren. Kennengelernt haben die beiden sich in Paris, 2019 verschlug es sie nach Berlin.

»Als wir hierherkamen, sagten uns alle: Ihr werdet den ersten hebräischen Verlag außerhalb Israels gründen. Und wir sagten: Lasst uns in Ruhe, wir wollen einfach nur in Frieden leben. Aber nach ein paar Jahren haben wir verstanden, dass wir es tun müssen«, erinnert sich Sakal. »Vor allem, weil sich die politische Situation in Israel immer mehr zuspitzt, und zwar auch bei den Verlagen und nicht nur in der ›großen‹ Politik, also Frieden, Krieg, Konflikt, sondern auch auf dem Gebiet der Kultur.«

Der israelische Buchmarkt, beklagt Dory Manor, sei »total kaputt«.

Der israelische Buchmarkt, beklagt Dory Manor, sei seit zehn bis 15 Jahren »total kaputt«. Fast alle Verlage verlangten heutzutage von jungen Schriftstellern Geld, und zwar bis zu 20.000 Euro, um einen Roman herauszubringen – auch renommierte Häuser wie Kinneret Zmora Bitan-Dvir, Am Oved oder Yedioth Sfarim, so Manor. »Viele Bücher erscheinen nicht, weil ein Student diese Summe einfach nicht hat.«

Mit dem wichtigsten Literaturpreis Israels können seit 2015 nur noch Autoren ausgezeichnet werden, die dort leben

Auch wenn es in Israels Literaturszene keine »offizielle Zensur« gebe, würden doch »inoffizielle Mechanismen« wirksam: »Wenn ein Schriftsteller die 20.000 Euro nicht aufbringen kann, legt der Verlag das Manuskript Stiftungen vor, die Literatur fördern. Wer sitzt in den Komitees? Leute, die von Politikern nominiert wurden, vom Kultur- oder Erziehungsministerium. Wenn es ein Liebesroman ist – kein Problem. Aber wenn es ein Buch ist, das in politischer Hinsicht sehr kritisch ist, werden sie es nicht unterstützen.«

Und dann ärgert das Paar noch die Sache mit dem Sapir-Preis. Dory Manor erläutert: »Mit dem wichtigsten Literaturpreis in Israel kann heutzutage nicht jedes Buch ausgezeichnet werden. Wenn der Autor oder die Autorin in Griechenland, in Kalifornien oder in Berlin lebt, ist das Buch seit 2015 kein Kandidat – der Verfasser muss in Israel leben und dort Steuern bezahlen. Der Sapir-Preis ist also keine Auszeichnung mehr für gute hebräische Literatur, sondern ein Preis für ein Buch, das ein Einwohner Israels geschrieben hat.«

Moshe Sakal ergänzt, in den vergangenen Jahren seien vor allem religiöse Schriftsteller für ein Erstlingswerk mit dem Sapir-Preis bedacht worden, »die meisten von ihnen rechts. Das heißt nicht, dass die Bücher immer religiös oder nationalistisch oder rechts sind. Religiöse Autoren können gut schreiben, darum geht es nicht. Es zeigt aber eine Tendenz«.

Der Verlag kritisiert »sich zuspitzende autoritären Tendenzen« in Israel

Bisher kooperiert Altneuland Press mit dem Berliner Kanon Verlag. Doch im Herbst wird Altneuland erstmals ein eigenes Programm präsentieren. »Angesichts der sich zuspitzenden autoritären Tendenzen in Israel, der Abwanderung vieler Autor:innen aus dem Land wie auch des vielerorts verengten Verständnisses von jüdischer Identität will Altneuland einen unabhängigen und informierten Raum für die Vielfalt hebräischer und jüdischer Literatur bieten«, heißt es auf der Website des Verlags. Dessen Name ist eine Anspielung auf den utopischen Roman von Theodor Herzl, des Begründers des Zionismus. »Das ist keine ideologische Aussage, die ich hier treffe – es ist einfach kein besonders gutes Buch«, sagt Dory Manor nonchalant.

Aber bei aller Kritik an den politischen Entwicklungen: Den Kontakt zu dem Land, in dem ihre Eltern leben, lassen die Verleger nicht abreißen. Moshe Sakal unterstreicht: »Der Verlag Altneuland soll als Alternative dienen, die nichts und niemanden ausschließt, auch nicht das, was in Israel passiert, es ist kein Ersatz, sondern etwas, das parallel geschieht. Wir diskriminieren niemanden, wir sind inklusiv.« Altneuland druckt sowohl in Israel als auch in Deutschland: »Wir sind kein Exil-Verlag, denn unsere Bücher kann man in Israel kaufen, auch bei ›Steimatzky‹ und ›Zomet Sfarim‹ (den beiden großen Buchladenketten in Israel, Anm. d. Red.).«

Die Verleger haben die kommende Generation hebräischsprachiger Autorinnen und Autoren im Blick.

In der Diaspora sollen die hebräischen Bücher des Verlags bald nicht nur im Internet, sondern auch in Buchläden in Städten wie Berlin, Paris, Amsterdam oder Lissabon erhältlich sein. Altneuland agiert nicht wie ein Nischenverlag, sondern hoch professionell: Die Bücher renommierter hebräischsprachiger Autorinnen und Autoren wie Maya Arad, Noa Yedlin, Leah Aini und Gish Amit mit seinem gerade erschienenen Roman Cedric über einen philippinischen Einwanderer in Israel, der 2024 im Gaza-Krieg getötet wurde, kommen in Zusammenarbeit mit dem Kanon Verlag nicht nur auf Hebräisch, sondern auch auf Deutsch oder Englisch heraus. Übertragen werden sie von bekannten Philologen wie Markus Lemke, der 2021 mit dem deutsch-israelischen Übersetzerpreis ausgezeichnet wurde.

Doch ist es nicht übertrieben, wenn zwei Exil-Israelis mit dem Anspruch auftreten, die »Kultur des Volkes des Buches« zu retten? Nein, findet Moshe Sakal, obwohl er einräumt: »Wir machen uns natürlich auch ein bisschen über uns selbst lustig, wenn wir etwas so Großes sagen. Heinrich Heine sprach über das Buch als ›portatives Vaterland‹. Er sprach dabei über die Tora, aber auch über die Idee des Buchs.« Es bedeute nicht, »weniger Jude zu sein, wenn man die deutsche Kultur und Literatur kennt und liest und in ihr schreibt. Im Gegenteil, das bedeutet es für uns, jüdisch zu sein, und das ist unser Altneuland. Das ist ein Spiel und eine Provokation, aber es ist etwas sehr Tiefes. Unser alt-neues Land ist kein Territorium. Sondern die Sprache selbst ist es.«

Auf dem Territorium von Neukölln

Und wie fühlen sich die Verleger auf dem Territorium von Neukölln? Haben sie Angst, auf der Straße Hebräisch zu sprechen? In der Tat, sagt Moshe Sakal, »aber es ist nicht die Art von Angst, über die andere Leute reden, in der U8 Hebräisch zu sprechen. In Berlin und insbesondere in Neukölln gibt es zwei Völker, die im Konflikt auf zwei verschiedenen Seiten stehen. Und das Hebräische markiert mich als jemanden, der einer dieser beiden Seiten angehört. Wenn ich Hebräisch spreche und neben jemandem sitze, der auf der anderen Seite ist, und ich weiß nicht, was er erlebt hat und umgekehrt, ist es rein technisch gesehen eine Situation, die gefährlich werden kann«.

Moshe Sakal: »Man kann nicht in der Welt herumlaufen und sagen, die Leute regen sich über mein Hebräisch auf. Nein, der Konflikt muss gelöst werden, und ich möchte nicht aus einer Position des Opfers sprechen.«

Es könne sein, »dass man an mir Wut auslässt. Ich will das aber nicht, ich will mich schützen. Aber es kann auch sein, dass der andere sich vor mir fürchtet«. Das Problem, findet Sakal, sei nicht die Sprache: »Man kann nicht in der Welt herumlaufen und sagen, die Leute regen sich über mein Hebräisch auf. Nein, der Konflikt muss gelöst werden, und ich möchte nicht aus einer Position des Opfers sprechen.«

Und was kann die Sprache dafür? Nichts, erklärt Dory Manor: »Die Sprache als solche ist nicht schuldig. Ich schreibe auf Hebräisch, ich liebe Hebräisch, aber ich habe im Kopf, was Hebräisch heute bedeuten kann, wenn ich israelisches Radio höre. Dann kann ich manchmal nicht glauben, dass die Sprache, die ich höre, Hebräisch ist. Nicht, weil sie schlecht ist, sondern weil sie vollkommen zur Sprache des Militärs geworden ist.«

»Kinderwunsch« von Maya Arad ist das erste Buch der in Kalifornien lebenden israelischen Autorin, das auf Deutsch erscheint

Zurück zur Literatur. Die israelische Schriftstellerin Maya Arad lebt in Kalifornien und wurde 2025 in den USA mit dem Jewish National Book Award ausgezeichnet. Ihr Roman Kinderwunsch erscheint in der kommenden Woche bei Altneuland – das erste ihrer Bücher, das ins Deutsche übersetzt wurde. Es ist ein Pageturner über die 39-jährige Idit, die nicht schwanger werden kann und in Russland ein Kind adoptiert. Ein sehr israelisches Buch von 500 Seiten, das man in einer Nacht verschlingt. Kein Wunder, dass Arad als die »hebräischste Autorin außerhalb Israels« gilt.

»Der Zauber auf diesem Gebiet ist, dass es auf einmal ein Buch gibt, das Erfolg hat, und man weiß nie im Voraus, welches Buch es sein wird. Und dieses Buch kann den Verlust vieler anderer Büchern wettmachen«, sagt Moshe Sakal.

Und dann haben sein Partner und er es auf einmal sehr eilig. Noch ist Zeit für einige Fotos, dann müssen sie zurück in ihre Wohnung, den Babysitter ablösen. Die kommende Generation wartet. Bald wird ihr Kind anfangen, die ersten Wörter zu sprechen. Auf Hebräisch.

Maya Arad: »Kinderwunsch«. Roman. Aus dem Hebräischen von Lucia Engelbrecht. Altneuland/Kanon, Berlin 2026, 504 S., 28 €

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